Showdown am Greifenseelauf

Challenge-Happy-End: Marc Jäggi und Peter Wick nach dem Halbmarathon in Uster. (Foto: PD)

Die letzten Meter auf der Zielgeraden in Uster haben sich beinahe «unwirklich» angefühlt. Anfeuerungsrufe, Applaus und Trubel begleiteten mich und die anderen Läufer, vom sogenannten Nashornkreisel bis zum erlösenden Zielstrich. Ein unbeschreibliches Gefühl. Nach sieben Monaten Training ist aus dem ziemlich übergewichtigen Genussmenschen ein leicht übergewichtiger Halbmarathon-Finisher geworden. Ich habe die 21,1 Kilometer des Greifenseelaufes in 2:08:22,7 zurückgelegt.

Mein Running-Challenge-Gegner, Wettergazelle Peter Wick, hat den Lauf mit 2:23:52,7 beendet. Es ist nicht selbstverständlich und meinem Genuss-Buddy hoch anzurechnen, dass er trotz hartnäckiger Fussverletzung überhaupt gestartet ist. Ab Kilometer zehn begannen die Schmerzen gemäss Peter, unerträglich zu werden. Trotzdem hat er auf eine Theatereinlage à la Usain Bolt verzichtet, ist an den Sanitätsposten vorbeigerannt und hat sich über die volle Distanz ins Ziel gezwungen. Grosser Respekt!

Dabei sein ist hier alles

Rückblende: Just in jenem Moment, als der Sieger des 38. Greifenseelaufs, Tadesse Abraham, sein Rennen in der unglaublichen Zeit von 1:03:19 beendet hatte, hüpften die Läuferinnen und Läufer von Block 10 beim Start nervös auf und ab und warteten auf den Startschuss. In Block 10 starten die Schnecken unter den Hobbysportlern. Rekordwerte werden hier vor allem beim Bauch- und Hüftumfang erreicht. In Block 10 zählt der gute Wille und der olympische Gedanke: Dabei sein ist hier alles. Mit der Startnummer 9318 reihte auch ich mich in Block 10 ein, alberte noch ein bisschen mit der 71-jährigen Rosi rum, nickte wissend dem tollpatschigen Rainer zu und ärgerte mich innerlich, dass ich mich nicht noch ein viertes Mal in die Schlange vor der mobilen Plastiktoilette gestellt hatte. «Langsam Marc», war mein letzter Gedanke, als der Startschuss um 16.12 Uhr auch noch den Block 10 auf die Halbmarathon-Distanz schickte.

Peter Wick war da schon seit 8 Minuten unterwegs. Er startete mit der Nummer 8413 aus Block 9. Dort sind jene Genussmenschen angesiedelt, die den Vitaparcours auch ohne Leistungsdruck nicht nur vom «Hörensagen» kennen. Meine Strategie, das Abenteuer um den Greifensee langsam anzugehen, wurde vom sagenhaften Tempo meiner Block-10-Mitstreiter schon auf den ersten Metern pulverisiert. Ursprünglich wollte ich auf den ersten fünf bis zehn Kilometern einen Schnitt von gegen sieben Minuten pro Kilometer rennen. Nach den ersten zwei Kilometern hauchte mir die vertraute Stimme meiner Tracking-App einen Durchschnitt von 6,04 min/km ins Ohr. Viel zu schnell!

Im Runner’s High zur Ziellinie

Weil es sich aber in der einzigartigen Wettkampfatmosphäre gut und richtig anfühlte, beschloss ich dieses Tempo zu halten und mich spätestens in der Hälfte der Strecke erschöpft in eine Kiste Bananenschnitze fallen zu lassen. Kilometer um Kilometer verging, die Krise kam nicht. Ich rannte vorbei an Wiesen, Bäumen, Bekannten, Familie, Freunden, Fremden. Ab Kilometer zehn wurde ich nicht mehr überholt, ich überholte nur noch. Nach den 9000er-Nummern aus Block 10 lief ich nun immer öfter auch an 8000er-Nummern aus dem Block 9 vorbei. Hin und wieder gab es aufmunternde Worte von Running-Challenge-Fans. Bei den Verpflegungsstationen überreichten mir Schulkinder einen Becher Wasser mit der gut gemeinten Bemerkung: «Sie schaffet das!» Ich konnte ihre Gedanken genau lesen: «Jöö, der alte Mann! So herzig!» Was meiner immer besser werdenden Laune allerdings keinen Abbruch tat. Ich lief mich in ein regelrechtes Runner’s High, und als ich ungefähr vier Kilometer vor dem Ziel plötzlich unmittelbar vor mir meinen Freund Peter Wick sah, da knallten in meinem Kopf mindestens 21,1 Champagnerkorken, Jahrgangschampagner, versteht sich.

Erst als ich beim Überholen das schmerzverzerrte Gesicht von Peter sah, pendelte sich der Euphoriepegel auf ein vernünftiges Mass ein. Sicher ist: Ohne seine verletzungsbedingte, zweimonatige Trainingspause wäre dieses Grande Finale der ZKB-Running-Challenge ein anderes geworden. Mindestens mit Fotofinish und offenem Ausgang. Was bleibt, ist die tiefe Befriedigung, eine persönliche Herausforderung gemeistert zu haben. Mit bestenfalls 2 Stunden, 20 Minuten habe ich gerechnet, nach 2 Stunden, 8 Minuten bin ich in Uster über die Ziellinie gelaufen. You can get it if you really want.

8 Kommentare zu «Showdown am Greifenseelauf»

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich gratuliere!
    Und hoffe auf konstantes Training bis nächstes Jahr :-D
    1 h 45 min. sind doch zu machen?
    Nur schön entspannt und locker meditativ Grundlagenausdauer trainieren und 1 Jahr keinen Alkohol trinken.

    • Rosche Meyer sagt:

      Ja nicht zu verbissen weitermachen…

      Habe nie auf Genuss verzichtet und bin trotzdem – auf die Zeit an sich bilde ich mir nichts ein – auf 1:22 im Halbmarathon gekommen (Bestzeit nota bene nach 5 kleinen Bieren am Vorabend). Ich sehe Genuss und Laufen eher im Rahmen einer Zielharmonie. Man könnte jetzt einwenden: als freudloser Asket hättest Du 1:15 erreicht. Bringt mir aber nichts, weil man mit 1:15 noch immer weit entfernt vom Podest ist (abgesehen von irgendwelchen Gurkenläufen).

      tl;dr: nur fröhlich weiter geniessen und munter Läufe einstreuen.

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      …jetzt haben sie sich soo schön mühe gegeben, herr moser – und versausen das ganze mit dem zweiten teil des letzten satzes!

  • Pfister sagt:

    Achtung, Tippfehler im ersten Absatz: Fisher statt Finisher

  • Beobachter sagt:

    Immer wieder erstaunlich was mit Rückenwind und Heimweh alles möglich wird. Gratuliere allen Teilnehmern des Laufes und dem ganzen OK, dass diesen Anlass mit Unterstützung der Gemeinden ermöglicht hat.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich gratuliere beiden. als „hobby-runner“ sind das keine schlechten zeiten. und der peter ist ja auch schon ein senior. :)
    he peter – häsch am morge vom lauf au usem fänschter gluegt und gseh wie’s wätter isch?! ;) lg. p. (dä mit em goldchetteli…).

  • Thomas sagt:

    Respekt – körperliche Leistung und Genuss liegen doch nicht so weit auseinander! Solche Brückenbauer braucht die (Radio-)Welt…

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