Hilfe, wir walken!

Schwerer, als man glaubt: Walker bleiben offenbar lieber unter sich. Foto: iStock

Wie lassen sich Laufpause und 25 Kilometer kombinieren? Solange ein Läufer laufen kann, gibt er nicht auf. Also tat ich, was ein Läufer tut: Ich behielt den Startplatz beim Engadiner Sommerlauf, meldete mich jedoch für die Kategorie Walking an. Mein Mann tat solidarisch dasselbe. Walking ist schliesslich ein Sport für jedermann.

Die Dame bei der Startnummernausgabe sah das anders. Sie suchte und suchte, fand aber unsere Namen nicht. Ich wies sie darauf hin, dass wir Walker sind. Verwundert sah sie uns von oben bis unten an, verfiel in ein hysterisches Lachen und händigte uns kommentarlos die Unterlagen aus.

Am nächsten Morgen: Wie üblich dröhnt DJ Bobo aus den Boxen, und Walker sowie Läufer folgen in perfekter Asynchronität der Warm-up-Choreografie. Die Nordic Walker wirbeln zusätzlich ihre Stöcke unkontrolliert herum. Wir fürchten, unterwegs erstochen zu werden.

Stechende Blicke und waghalsige Überholmanöver

Wir lächeln also freundlich in die Runde, um die Nordic Walker sanft zu stimmen. Unser Lächeln wird erwidert, aber nur bis wir unsere Jacken ausziehen und darunter die Startnummern verraten, dass wir heute zwei von 135 Walkern sind. Das gefällt offenbar nicht allen. Die gefürchteten Stöcke erscheinen harmlos, wenn wir die Blicke sehen, die uns jetzt treffen …

Wir sind froh, als es endlich losgeht. Schnell finden wir den Rhythmus und eine Taktik, um ohne Stichverletzungen die Nordic Walker zu überholen. Nordic Walker sind die einzige Spezies, die im toten Winkel sehen kann. Zumindest fahren sie just dann die Stöcke aus, wenn wir dort auftauchen. Während ich links antäusche, zieht mein Mann rechts vorbei. Überrumpelt von ihm, kann ich gefahrlos auf der anderen Seite vorbeiziehen.

Zwei von 135 Walkern, aber nicht willkommen: Die Autorin mit ihrem Mann. Foto: zVg

Wir sind gut unterwegs, das Walken macht Spass – auch ohne Streckenapplaus. Dieser endet jeweils abrupt, sobald wir zwei auftauchen. Egal, mit jedem weiteren Kilometer gewöhnen wir uns an die skeptischen Blicke.

Von wegen Sport für alle

Im Ziel angekommen, ist für uns das Rennen nicht vorbei. Wir gehen zurück zur Strecke und feuern jene Läufer an, die noch unterwegs sind. Schliesslich sind wir jetzt zwei von ihnen, den Walkern. Die sehen das aber noch immer nicht so: Wir erhalten misstrauische Blicke, sobald die Walker hinter den klatschenden Händen unsere Startnummern erblicken.

Es ist bescheuert, aufgrund des Äusseren zu urteilen. Auch ich ertappe mich manchmal bei Gedanken wie «Wow, der rennt einen Halbmarathon?». Diese Gedanken sind jedoch stets gepaart mit Respekt und Bewunderung. Bei uns stellte sich jedoch das Gefühl ein, nicht willkommen zu sein. Walking ist vielleicht doch kein Sport für alle.

10 Kommentare zu «Hilfe, wir walken!»

  • Fragezeichen sagt:

    Hilfe, wir walken!
    eigentlich müsste es heisse Hilfe s i e walken – sie walken/pflügen sich in Gruppen und ziehen wie Dampfwalzen und mit dem Geräuschpegel einer römischen Kohorte durch die Wälder! Man hört sie schon sehr weiten, den jede/jeder muss noch lauter schreien um das Geklapper und Gestakse der Stöcke und das Geplapper der MitwalkerInnen zu übertönen.
    Wahrlich eine Erholung für all die armen Tiere und dieeinfach nur Geniesser/Wanderer/SpaziererInnnen im Wald!

  • U. Knecht sagt:

    „Walken“ oder noch schlimmer „Nordic Walking“ ist doch nur der letzte Schrei der ewig nach Rendite rufenden Kommerzwelt. Herrgott, rennt doch einfach langsam, wenn’s nicht schneller geht.

  • Cache sagt:

    Schade, dass hier so abwertend, ja zynisch über eine sehr anspruchsvolle Sportart geschrieben wird. Egal ob mit oder ohne Stöcke: Wer die Technik richtig und sportlich umsetzt, betreibt eine Sportart die durchaus anstrengend ist.
    Also nicht lästern, sondern allen den Spass gönnen, den man beim Spörtlen hat :-)

    • Christoph Bögli sagt:

      Was genau ist daran derart anspruchsvoll? Es ist ja durchaus eine physisch ordentliche Leistung, zweistellige Kilometerdistanzen in hohem Tempo zu gehen. Aber es wirkt etwas lächerlich, wenn man daraus krampfhaft einen komplexen Hochleistungssport machen will. Bereits das Laufen gehört zu den natürlichsten und eigentlich banalsten Bewegungsformen, die man als Mensch betreiben kann, weshalb das Gehen entsprechend noch einmal trivialer ist.

    • Fragezeichen sagt:

      ich finde das gut das sie solch eine Freude an diesem Sport gefunden haben und gönne es ihnen ehrlich. Nur eine Frage habe ich dazu: weshlab muss, wenn es mehr als eine Person ist, immer von diesem überlauten Geplapper und Gestakse begleitet sein?
      Von mir aus kann jede und jeder durch den Wald rennen, radfahren, springen, hüpfen, reiten oder Purzelbaumen oder einfach nur gehen., aber nicht mit soviel Getöse und lautem Gscnurr!

  • Barbara Grohé sagt:

    Ich „walke“ gerne und regelmässig. Hatte mir in einem Urlaub in Südtirol dann auch Stöcke gekauft und es ausprobiert. Also ich walke auch lieber ohne.

    • Heini Zinsli sagt:

      nein Sie gehen, wandern, spazieren oder wie immer sie dieser einfachen aber schoenen betaetigung sagen wollen. Ich gehe seit 50 Jahren taeglich mindestens 1 stunde zu fuss, aber ich bin noch nie ‚gewalkt‘

  • jan sagt:

    Die Verwendung von Gehhilfen ohne konkrete Gebrechen mutet allerdings schon sehr sonderbar an. Walking ist ein durchaus ernstzunehmender Sport, aber dieses „Nordic Dingsda“ erscheint mir einfach als clevere Geschäftsidee. So nach dem Motto „Spazieren tun eigentlich alle, also was können wir diesen Leuten verkaufen?“. Und ganz Lustig die Bezeichnung „Nordic“…. in den Nordics habe ich abgesehen von den Langläufern noch keinen Ausdauersportler mit Stöcken gesehen.

    • Hotel Papa sagt:

      Ich habe es eine Zeit lang versucht, weil ich einen Sport suchte, der auch den Oberkörper etwas beansprucht. Leider hat das bei der Technik, die wir instruiert bekamen (mit Schwung einstecken), relativ schnell zu Problemen im Schultergürtel geführt, also habe ich es wieder bleiben lassen. Mit Spazieren hat das Ganze nichts zu tun, ich weiss nicht, was das Geläster wieder soll.

  • T.M. sagt:

    Wer will, kann die Icebug Xperience (an der schwedischen Westküste) als Walker mitlaufen, und sich ein Bild davon machen, was Walken heisst. Stöcke übrigens sieht man dort nur in ganz seltenen Fällen.

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