Trailrunning-Paradies im hohen Norden

Run the Midnight Sun. Video: Severin Karrer, Dominik Osswald

 

Als wir bei Nieselregen in Tromsö ankamen, verhiess das nichts Gutes. An Klettern auf der Halbinsel Kvaloya war vorerst nicht zu denken, auch wenn das Wetter etwas freundlicher wurde – es blieb windig und kalt. Wir verwarfen schon halb die Hände, als wir in der Innenstadt an einem Schaufenster voll mit Trailrun-Schuhen in allen Ausführungen und Farben hängen blieben. Ob das der Kilian-Jornet-Effekt war? Der aktuell beste Bergläufer war ja nach Norwegen gezogen und schwärmt vom Land mit den Fjorden und Rentieren. Trailrunning scheint in Norwegen sehr im Trend zu sein. Wir gingen also in den Laden und erfuhren, dass jeden Montagabend eine Gruppe Bergläufer gemeinsam zum Mitternachtslauf startet. Ausserdem stehe bald das Tromsö Sky Race an, an welchem auch Kilian Jornet zugegen sein werde.

Der Hype steckt an. Was uns überrascht: Auf ihren Runs zeigen die Norweger wenig Berührungsangst mit der Kletterei, die dann in Turnschuhen bewältigt wird. So werden ehemalige Bergsteigerrouten zusehends von Trailrunnern bewältigt. Bestes Beispiel: die Ersfjord-Traverse, die quer über die Halbinsel Kvaloya führt. Sie misst rund 20 Kilometer und 3000 Höhenmeter, verläuft immer auf dem Grat entlang dem Ersfjord, während man acht Gipfel überquert. Sie wurde vom Norweger Frode Guldal 1978 erstmals in 11 Stunden vollendet, gilt aber eigentlich als zweitägige Bergtour. Dann kam Kilian Jornet und brachte sie in 4,5 Stunden hinter sich.

Taghell mitten in der Nacht

Das Wetter sollte wenig sommerlich bleiben. Doch wir wussten nun genau, was zu tun ist. Wir schnürten unsere Turnschuhe und begaben uns auf die Soria-Moria-Traverse, ein steinernes Hufeisen, das vier Berggipfel verbindet – optimales Einwärmen im Grat-Kraxeln. Man fühlt sich wie ein Kind, während die Anstrengung verfliegt. Dann nahmen wir die gewaltige Ersfjord-Traverse in Angriff: Nach 9,5 Stunden standen wir am anderen Ende des Fjords, doch wegen des Regens standen wir nicht mehr auf den beiden letzten Gipfeln.

  • Die endlose Ersfjord-Traverse führt immer dem Fjord entlang über acht Gipfel. Fotos: Severin Karrer, mountainfeeling.ch

  • Eine der etwas anspruchsvolleren Kletterstellen auf der Ersfjordtraverse ist die Passage auf den Gipfel des Store Hollendaren.

  • Die Ersfjord-Traverse ist zum Teil sehr luftig.

  • Nachdem uns die Flüssigkeit ausgeht, können wir aus glasklaren Pfützen trinken.

  • Die soliden Granitpanzer auf den Lofoten erlauben eine zügige und interessante Fortbewegung, mal klettern, mal rennen...

  • …und manchmal auch balancieren.

  • Auf einem namenlosen Grat auf den Lofoten: es ist Mitternacht, aber die Sonne wärmt noch.

  • Abstieg vom namenlosen Grat auf den Lofoten: zuweilen heikel, wenn Moospolster die Felsen überdecken.

Als wir auf den Lofoten ankommen, denken wir gar nicht mehr daran, in Kletterfinken zu schlüpfen. Wir brauchen nur noch unsere Turnschuhe und ein kurzes Seil für die Abseilstellen, die immer wieder überraschend auf den Graten lauern. Wir gehen einfach, solange wir können, vom einen zum anderen Ende der Insel. Die von der letzten Eiszeit geschliffenen Bergrücken stürzen direkt ins Meer ab, weshalb die Traversen gern als «Sea-to-Sea-Runs» bezeichnet werden.

Weit unter uns läuft ein von Möwen verfolgtes Fischerboot in den Fjord ein, während wir mit fliegendem Atem über den soliden und luftigen Grat jagen. Es ist mitten in der Nacht und taghell – die Mitternachtssonne bringt unseren Rhythmus komplett durcheinander. Es gibt keine Dunkelheit, die uns nach Hause zwingt, und wir haben keinen Plan, wie wir wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen.

4 Kommentare zu «Trailrunning-Paradies im hohen Norden»

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.