Ein Nullentscheid beim SAC?

Die Schweizer Sportkletterer sind skeptisch, ob die Massnahmen des Zentralvorstands greifen: Athletin an der Weltmeisterschaft 2016 in Villars-sur-Ollon. (Fotos: Keystone)

Die Spannung war gross vor dem Entscheid des SAC-Zentralvorstandes über die weitere Zusammenarbeit mit Hanspeter Sigrist, dem Chef Leistungssport Swiss Climbing. Denn von verschiedenster Seite war explizit sein Rücktritt gefordert worden, die Vorwürfe an ihn sind zum Teil massiv. Es geht um Machtmissbrauch, Mauschelei und Führungsmängel, aber auch um die Strukturen innerhalb des SAC, die solches überhaupt ermöglichen. Als Reaktion auf den Aufschrei hatte der Zentralvorstand (ZV) eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Vorwürfe eingesetzt, wie SAC-Präsidentin Françoise Jaquet gegenüber dem Outdoorblog versicherte.

Doch bei den Kritikern von Sigrist war die Unabhängigkeit der Kommission stark umstritten. Denn eines der Mitglieder war mit Leo Condrau zum Beispiel ein vormals langjähriger Vorgesetzter von Hanspeter Sigrist, der mit einem Urteil gegen Sigrist auch seine eigene Arbeit in dieser Zeit hätte kritisieren müssen. Und mit Charles Giroud war der Mann beteiligt, der mit seiner Firma B’VM gerade vor wenigen Monaten die Organisation des SAC restrukturiert hatte und also auch seine eigene Arbeit infrage stellt, wenn er entscheidet, dass die Strukturen nicht taugen, um Missbräuche zu verhindern.

Hanspeter Sigrist wird nicht entlassen

Sportkletterer Cedric Lachat gehört ebenfalls zu den Kritikern.

Kurz nach der Sitzung des ZV, um 22 Uhr abends, dann das mit Spannung erwartete Statement. Der ZV habe entschieden, «die Zusammenarbeit mit Hanspeter Sigrist, Chef Leistungssport SAC Swiss Climbing, mit neuer Kompetenzregelung weiterzuführen und die Arbeit neu zu strukturieren». Keine Entlassung von Sigrist, kein Rücktritt. Unter den Kritikern war zuerst einmal grosse Konsternation zu spüren. Man beklagte den fehlenden Mut des ZV, vor allem aber war der Entscheid für viele nur eine weitere Mauschelei im SAC und der Beweis für die mangelnde Unabhängigkeit der Kommission.

Doch der Zentralvorstand bemühte sich vor allem in persönlichen Gesprächen, umgehend zu versichern, dass die «neuen Kompetenzregelungen» nicht Kosmetik seien, sondern dass er wirklich handeln wolle. Man wolle Hanspeter Sigrist aus Respekt vor seiner langjährigen Arbeit nicht vernichten, liess man durchblicken, aber neue Strukturen seien tatsächlich dringend notwendig. «Es ist an uns, das Vertrauen wieder herzustellen», sagt Matthias Baumberger, Chef Bergsport beim SAC. Deshalb soll in den nächsten Wochen nun eine Arbeitsgruppe konkret erarbeiten, was zu unternehmen ist. Ihre erste Sitzung hatte sie vorgestern Montag, weitere folgen in den nächsten Tagen. Man darf davon ausgehen, dass der Anspruch besteht, bis zur Abgeordnetenversammlung vom 10. Juni die konkreten Massnahmen auf dem Tisch zu haben, um sie dort dann beschliessen zu können.

Transparenz ist wichtig – auch hinsichtlich Olympia

Die Bemühungen des ZV, die Wogen zu glätten und das Vertrauen wieder herzustellen, tragen zumindest vorläufig erste Früchte. Aufseiten der Kritiker ist eine gewisse Hoffnung zu spüren, dass sich wirklich etwas ändert. Diese Zuversicht kommt daher, dass die grundsätzliche Stossrichtung der Entflechtungen intern bereits kursiert und offensichtlich auf Interesse stösst. Die Kompetenzen von Hanspeter Sigrist sollen stark eingeschränkt und die Abläufe professionalisiert werden. Und auch die Transparenz, an der es bisher oft mangelte, sei in Zukunft wichtig, sagt Matthias Baumberger: «Ein Athlet muss wissen dürfen, wieso er selektioniert wird oder nicht.»

Nun muss der Zentralvorstand also beweisen, dass die Hoffnungen in ihn berechtigt sind. Kann er das, dann dürfte über die Gräben wohl tatsächlich wieder Gras wachsen. Sind die Massnahmen jedoch nicht griffig, dann hat er viel verspielt. Denn die Risse sind zu tief, als dass sie von selber wieder verschwinden würden.

4 Kommentare zu «Ein Nullentscheid beim SAC?»

  • Leon Topodium sagt:

    Ich will überhaupt nicht Partei ergreifen, als Hobby-Kletterer und -Alpinist waren mir sämtlich Vorgänge und Personen unbekannt, das Anliegen mag berechtigt sein. Aber: „Der SAC in völliger Schieflage“, „Nullentscheid beim SAC?“ – das sind doch recht tendenziöse Titel. Freier Journalist assoziiere ich immer irgendwie mit unabhängig. Hier ist es aber sogar für mich als Medienlaien offensichtlich, dass Leutold versucht über das Schaffen einer medialen Oeffentlichkeit den SAC-Vorstand unter Druck zusetzen. Es ist dabei interessant zu verfolgen, wie durchschaubar und handwerklich plumb Leutold hierbei vorgeht. Irgendwie habe ich zudem den Eindruck der Autor benutzt die Querelen um Swiss Climbing zusätzlich als Vehikel, um seine eigenen Aversionen gegen den SAC loszuwerden.

    • Martin sagt:

      Lieber Leon
      Wenn das Schaffen von Herrn Sigrist Dich tangieren würde, oder Du wirklich wüsstest, was da seit Jahren vor sich geht, dann wärst Du Herrn Leuthold äusserst dankbar. Er bringt endlich einmal das an die Öffentlichkeit, was Sache ist! Und das ist auch nur die Spitze des Eisberges.
      Es geht ja noch viel weiter. Der Chef Leistungssport hat sich unter anderem auch bei J+S „eingenistet“, und behindert durch seine Unfähigkeit zu führen und zu kommunizieren die Entwicklung bei J+S massiv! Das selbe gilt auch für die Ausbildung der Kletterlehrer SBV! Leuthold macht meiner Meinung nach einen super Job – er hat bestens recherchiert. Im Grunde hätte er noch viel vehementer formulieren dürfen und wäre immer noch fair geblieben. Zugegeben – die Titel hätten treffender sein können.

      • Leon Topodium sagt:

        Lieber Martin, ich will das alles gar nicht bezweifeln, bin nicht betroffen und die ganzen Umstände waren mir unbekannt. Darum geht mir aber gar nicht. Mir geht es um eine ganz andere Ebene, um die mediale Inszenierung hier im Outdoorblog, und die ist einfach doof. Z.B. wird mit den Titeln zweimal der ganze SAC in Sippenhaft genommen – damit wird bewusst versucht Druck auf den Vorstand aufgebaut. Dann das Timing mit einem Blog vor der Sitzung und einem gleich danach um noch ein Briquet nachzulegen. Das ist so durchschaubar das es fast weh tut und ist einfach billigster Journalismus. So stelle ich mir kritischer Journalismus einfach nicht vor. Die Probleme bestehen offenbar bei Swiss Climbing, dann kann man das auch so benennen.

  • Eric Dürrenberger sagt:

    Vertrauen wieder herstellen – mit Sigrist? Leider nicht möglich. Verpasste Chance, Fortsetzung folgt.

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