Alle wollen alte Göppel

  • Radrennen auf alten Rennrädern kommen wieder in Mode. Foto: L'Eroica

  • Auch Frauen machen an den harten Retrorennen mit – und das erst noch ungemein stylisch. Foto: L'Eroica

  • Die Retrorennen führen wie früher über weite Strecken über ungeteerte Feldwege. Foto: L'Eroica

  • Koga Miyata Full Pro, Jg. ca. 1979: Mit einem derartigen Stahl-Renner, aber ohne Klickpedale, dürfte am Retrorennen L'Eroica teilgenommen werden. Foto: Erich Hausammann

  • Colnago Arabesque: Wunderschön und noch immer sündhaft teuer. Foto: Velo 67

Das überraschende Mail von Velokollege Erich weckte wieder mal den Messie in mir: «Hallo Martin, beim Entrümpeln meines Kellers habe ich noch ein altes Velo (Koga Miyata Full Pro, Jg. ca. 1979) entdeckt. Bevor ich es entsorge, frage ich dich kurz an, ob du Interesse am Retro-Profi-Renner hast …» Raten Sie, wie ich entschieden habe? Es blieb aber nicht nur beim Koga-Renner. Als ich bei Erich vorfuhr, stand da auch noch ein altes Specialized-Stumpjumper-Mountainbike. Ich konnte einfach nicht widerstehen, obwohl ich den Keller schon voll mit Velos habe.

Traue keinem unter 30

Technisch sind die beiden Neuzugänge komplett veraltet. Aber genau das machte sie für mich so reizvoll. Der Winter steht vor der Tür. Die Zeit, um Abende lang den Fuhrpark wieder auf Vordermann zu bringen – und endlich die vielen Kisten mit alten Fahrradersatzteilen etwas zu reduzieren. Wirft man einen Blick in Rennradzeitschriften wie die aktuelle «Tour», scheint derzeit ein veritabler Retro-Boom im Gange. Ein Run auf Radrennen, bei denen nur mit mindestens 30 Jahre alten Fahrrädern gefahren werden darf. Alles Neuzeitliche, was das Rennradfahren in den letzten drei Jahrzehnten so komfortabel, kraftschonend, schön und sicher gemacht hat, ist verboten: Klickpedalen, Brems-Schalthebel, am Lenker verlegte Kabelzüge, Scheibenbremsen, Karbonmonocoquerahmen. Gefahren wird wie Anno Domini 1987 hauptsächlich auf Stahlrahmen mit Schalthebeln am Unterrohr, weiten Bremskabelbögen über dem Rennlenker, grossen Übersetzungen und Pedalen mit Bügel und Riemen. Das Ziel ist, die sagenumwobene Geschichte des Rennrades hautnah nachzuvollziehen und möglichst authentisch nachzufühlen, was die Strassenprofis in der Nachkriegszeit geleistet haben.

Da brauchte es nicht nur in den Beinen deutlich mehr Kraft als heute. Felgenbremsen mit strammen Rückzugsfedern fordern die Handkraft von Arnold Schwarzenegger. Auch Rücken, Gelenke und Nacken mussten hart im Nehmen sein. Das wird einem als Karbon-Rennradfahrer erst bewusst, wenn man wieder einmal auf einem alten Stahlrahmen in 30-Stundenkilometer-Tempo über einen Feldweg geholpert ist. Die reglementarischen Restriktionen beziehen sich nämlich auch auf die Route, die über zahlreiche ungeteerte (weisse) Strässchen führt.

18 Kilo schwer

Das Archaische übt eine grosse Faszination auf Menschen im mittleren Alter aus. Das berühmteste Retro-Radrennen, L’Eroica, welches jedes Jahr im Oktober in Gaiole in Chianti bei Siena in der Toskana stattfindet und in diesem Jahr seine 20. Austragung feierte, zog 7000 Starter an! 7000 Radler in beissenden Wolltrikots, die sich auf elf bis 18 Kilo schweren, mörderisch lang übersetzten Stahlrössern über fünf verschiedene Distanzen (46 bis 209 km) bis zu 18 Prozent steile Rampen hochquälten!

Je moderner und effizienter wir Menschen und unsere hochgezüchteten Gadgets zu funktionieren haben, desto mehr wächst offenbar die Faszination fürs Urtümliche und Unverfälschte. Die Szene boomt auch in der Schweiz. Das zeigt sich nicht nur am Vintage-Trend. Veloshops wie Flamme Rouge, Velo 67, oder der Fahrradteilemarkt Teilchenbeschleuniger haben Hochkonjunktur.

Mir gefällts! Und Ihnen?

18 Kommentare zu «Alle wollen alte Göppel»

  • Ueli Anken sagt:

    Koga Miyata, kombiniert mit dem Jahrgang: So entdecke ich diesen Beitrag. Mein Koga – damals eines der allerersten an Schweizer Rennen – mache ich jetzt fit für „Bergkönig“, Ende August in Gstaad. Wer ist dabei?

    Und überhaupt: Heit’s guet, bonne route !

    ueli

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Ein altes Rad fordert mehr Umsicht, Fehler in Technik und Fahrweise werden wenig verziehen. Und: mit einem alten Rad ist man näher an der Natur als mit Ultra-Hohlkammerfelgen, Hydraulikbremse und Akku im Rahmen. Ich habe an meinen Rädern die Klickpedale wieder entfernt, fahre mit normalen Pedalen und achte auf korrektes Pedalieren. Noch ein Tipp zur Kleidung: ich ziehe gerne Netz-Unterhemden aus einer nicht ganz dünnen Faser unters Trikot. Sie halten warm im Winter und verhindern Schweissnässe auf der Haut im Sommer. Einfach mal ausprobieren.

    • Ernst Joss sagt:

      Heisst normale Pedale mit oder ohne Riemen? Ohne Riemen oder Klickpedale kann man beim Treten nicht nach oben ziehen und dies ist besonders in Steigungen sehr nötig. Ich hatte früher Riemen, finde aber Klickpedale viel bequemer zum ein- und aussteigen.

  • Thomas Jobs sagt:

    Mangels Budget fuhr ich die Rennen damals auf einem Peugeot Rennvelo. 12 Gänge (mit Handgriff nach unten zum schalten…) und ein Rahmen welcher mehr wog, als heute manch ganzes Velo!
    Heute cruise ich auf einem bequemen Aluvelo, mit 21 Gängen, Lenkerschaltung, Scheibenbremsen, Nabendynamo, LED-Scheinwerfer mit Standlicht und Gepäckträger.
    Die Gesundheit dankt es (Knie kaputtgeraspelt) und auch ein einem zügigen Tempo lässt es sich geniessen!

  • Martin sagt:

    Mein altes Strassenvelo mit einem Stahlrahmen wurde mir gestohlen und seither bin ich auf der Suche nach einem guten Ersatz. Das Fahrrad diente mir ziemlich lange. Ich mochte es, denn es hatte alles: Stahlrahmen, genügend, fast zu viele, Gänge, Licht, Gepäckträger, Schutzblech usw. und wog ca. 14 kg. Die neuen Fahrräder sind leicht und haben aber sogar Nabendynamos! Auch gibt es heute Fahrräder mit LED Lampen. Diese Neuerungen finde ich persönlich sehr gut. Leichter, besser geschützt und somit geht es nicht so schnell kaputt, sollte das Velo umfallen. Neue Dinge finde ich bloss dann gut, wenn sie wirklich eine Verbesserung darstellen. PS: Rücklichter sollten auf m.M. nach auf dem Schutzblech, leicht unterhalb vom Gepäckträger angebracht werden.

  • Michael sagt:

    Ich hoffe, das sich dieser Trend auch bei den Autos mal auftaucht ! Diese ganzen elektronischen Helferlein – ich halte sie grösstenteils für völlig übertrieben. Servolenkung, ABS und eine elektronische Einspritzung. Das sollte genügen. Heute kann ich ja noch nicht mal eine Lampe im Schweinwerfer wechseln, ohne gleich zu Garage gehen zu müssen. Ich werde meinen Käfer fahren, bis das Bodenblech durchrostet !

  • Aldo Clerici sagt:

    Also, die Wolltrikots beissen überhaupt nicht. Es gibt die wunderschönen alten Trikots bei DeMarchi, sie stinken weniger schnell wie die mit Werbung vollgepflasterten neuen Trikots. Und mein alter Göppel, ein Magni-Italcicli Vollcampi ist auch nicht 18 Kilo schwer. Allerdings macht es Sinn, die Pedalhaken mit einer moderneren Pedale auszuwechseln. Auch fahre ich statt mit Collés mit Pneus und Schlauch. – Ansonsten ist eher das Problem, dass nicht das Velo zu schwer ist, sondern ich, und vor allem: etwas zu wenig trainiert. Und es sind halt einfach schöne Velos im Gegensatz zu den optisch eher plumpen neuen Karbo-Rennrädern.

    • Lopez olivier sagt:

      Lieber Aldo, Danke für den tollen Tip der Retro Shirts. Weiterhin viele Genussausfahrten
      Oliver

      • Mike Gerber sagt:

        Wer gute Wolltrikots sucht, soll mal bei Prendas Ciclismo nachsehen, die haben tolle Retro Kollektion, von GAN und Molteni, über Banesto und Mapei bis zu den aktuell gefahrenen Trikots.

  • w grämer sagt:

    Ich habe mein leichtes Alu Velo mit Bügeln aus dem Jahre 1985 immer noch, mit dem ich Bergrennen gefahren bin.Schaltung unten am Rahmen und für die Schuhe Bügel .Kann da auch mit Turnschuhen gefahren werden.Wird vermutlich nach meinem Ableben zum Nachlass gehören werden.

  • Silvio K. sagt:

    Als Velofahrer/Triathlet, der in den 70er mit Velofahren begonnen hat und die 30 Jahre alten Göppel noch aus eingener Erfahrung kennt (250km Velotour mit einem 3 Gänger – notabene in einem Tag), finde ich die modernen Velos inklusive tolle Funktionsbekleidung etc. einfach bequemer und cooler. Die Jungen sollen sich ruhig auf den alten Göppel quälen, viel Spass. Ich bevorzuge inzwischen die grosse Gang-Auswahl und kurble lieber im kleinen Gang eine Steigung hoch, als ein 2×9 Gang Göppel eine 18% Steigung hinaufzustossen! Was ich aber nicht nachvollziehen kann ist die elektronische Aufrüstung (akku betriebene Schaltungen, online-vernetzte Elektronik). Hier sehe ich den Mehrwert nicht und was ist, wenn der Akku dann unterwegs leer ist…

  • Jan sagt:

    Also ich vermisse mein altes „Treppengeländer“ überhaupt nicht und bin nach wie vor begeistert über mein sehr leichtes Triathlon – Modell. Ich vermisse auch diese elendiglichen Trikots aus Wolle nicht und schon gar nicht die Stürtze aus dem Stand vor roten Ampeln, weil ich mal wieder vergessen habe, den Pedalriemen zu lösen.

  • Martin Thalmann sagt:

    Das Velofahren entwickelt sich aufgrund der digitalen Möglichkeiten mehr und mehr zum „Autofahren auf zwei Rädern“. Laufend erhält der Fahrer digitale Inputs und Unterstützung beim Pedalen, Wegsuchen, Trainingswerte etc.
    Wer Freude am echten Velofahren kommt nicht um alte Renner herum.

    • Paul Tamburin sagt:

      Digitale Inputs ist das eine, und durchaus diskutabel. Absurd ist die Angleichung ans Auto, wenn von Tagfahrlicht-Pflicht die Rede ist und man (digital, notabene…) Angebote zum Einlagern von Veloreifen über den Winter erhält. Ich erwarte nun ABS, Abgasvorschriften und Autopiloten fürs Velo. Airbag gibt es ja gottseidank schon.

    • Roland K. Moser sagt:

      Jeder montiert sich das Zeug freiwillig an die moderne Kiste.
      Ich gebe auf jeden Fall meinen BMC-Karbon Renner nicht mehr freiwillig her. Und montiert sind lediglich ein Pulsmesser und ein Tacho mit Trittfrequenz.

  • Urs Rosenbaum sagt:

    Schöne Sache, dem Reiz der Retro-Räder kann ich mich auch nicht ganz entziehen, denn die alte Technik hat nicht nur Nachteile im Vergleich zum heutigen Material.
    Den erwähnten Teilebeschleuniger als Beschaffungsquelle für altes Material gibt es leider nicht mehr. Die Veranstalter von Züritrails haben gerade mitgeteilt, dass sie in der Roten Fabrik nicht mehr willkommen sind, und sie nicht mehr die Energie haben, den Veloflohmarkt an einem anderen Ort neu aufzubauen. Wenn niemand einspringt, ist der legendäre Veloanlass bald Geschichte!

    • Martin Platter sagt:

      Es scheint so, als ob der Teilchenbeschleuniger nun doch gerettet werden konnte. Gemäss einer Meldung von Frank Wadenpohl, früherer Präsident von Organisator ZuriTrails, wird die Velomesse Zug den beliebten Fahrradflohmarkt in seiner bekannten Form am Sonntag, 26. März 2017, in der Halle 3 des Stierenmarktes (vis-à-vis der Bosshard-Arena) in Zug durchführen. Weitere Informationen: http://www.velomessezug.ch/

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