Der Alte-Kleider-Trend

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Diese Jacke wurde geflickt statt weggeworfen. Foto: Screenshot Youtube / Patagonia

Ginge es nach dem Bergsportausrüster Patagonia, sollten wir weniger Outdoorkleider kaufen. «Um die Umwelt und die Plätze zu schützen, die wir so sehr lieben.» Wir sollten unsere Outdoorkleider «maximal» nutzen, also bis zum Zerfall tragen, Löcher flicken, kaputte Reissverschlüsse ersetzen. Und: am Ende, «wenn es keine andere Option mehr gibt», korrekt rezyklieren. Der neu kreierte Trend heisst «Worn Wear» – und sei ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

In einem Interview mit dem Branchenmagazin ispo.com sagte die Umweltmanagerin von Patagonia: «Mit Worn Wear hoffen wir, die Art und Weise, wie Menschen mit Kleidung umgehen, zu ändern. Wir wollen, dass die Menschen die Kleidung, die sie schon lange besitzen, regelrecht zelebrieren. Das, was da ist, erneut benutzen. Reparieren als radikaler, fundamentaler Akt.»

Reparatur ist teurer als der Neukauf

Die Idee klingt zwar gut. Aber um was geht es hier wirklich? Worn Wear scheint mir keine neue Erfindung. Fast alle meine Jacken und Hosen sind vom Fels abgewetzt, von den Steigeisen zerstochen oder von den Eisgeräten aufgeschränzt. Die Löcher wurden entweder von meiner lieben Mutter wieder zusammengenäht oder von mir mit Klebeband «verarztet». Damit schütze ich auch mein Bankkonto. Denn Outdoorklamotten kosten nach wie vor ein Vermögen, und ich kann mir nicht jede Saison eine neue Kollektion leisten. Damit unterscheide ich mich nicht von meinen Bergfreunden. Alle machen es so. Neu ist an Worn Wear eigentlich nur, dass wir die alten, geflickten Klamotten jetzt zelebrieren sollen – wer am Abend in der Hütte das «verlumpteste» Outfit trägt, hat gewonnen?

Das Hauptproblem in dieser wichtigen Outdoorumweltdiskussion sind nicht in erster Linie wir Bergsportler, die angeblich zu viele neue Kleider kaufen. Sondern die Ausrüster selber: weil sie mit ihrer Werbung jedem Gelegenheitsspaziergänger weismachen, er brauche eine Jacke, die für den Mount Everest taugt. Weil sie kaum Werkstätten führen, die getragene Kleider flicken. Weil eine Reparatur teurer ist als ein neues Produkt. In diesem Jahr machte eine mobile Worn-Wear-Werkstatt von Patagonia eine Tour durch Europa, im September war sie in fünf Schweizer Städten – je einen Tag oder zwei Tage. Reicht das?

Das reicht nicht

Im erwähnten Interview wurde die Patagonia-Managerin auch gefragt: «Wie verkaufen Sie neue Ware, wenn die alte immer und immer wieder repariert wird?» Sie antwortete: «Die Menschen werden sich immer neue Sachen kaufen.» Aber das Unternehmen fühle sich dafür verantwortlich, das Thema Konsumverhalten anzusprechen, «einer der wichtigsten Faktoren in Sachen Umweltzerstörung und ökologischem Bankrott».

Nachdem das Thema nun angesprochen ist, müsste sich Patagonia – und die Industrie generell – auch dafür verantwortlich fühlen, dass wir unsere Kleider unkomplizierter und günstiger reparieren lassen können. Sich nur naturnah zu vermarkten, einen neuen sympathischen Marketingtrend wie Worn Wear zu lancieren und uns sündhaft teure Spezialwaschmittel und Imprägnierungssprays zu empfehlen, reicht doch nicht aus.

Der PR-Film von Patagonia. Quelle: Youtube

24 Kommentare zu «Der Alte-Kleider-Trend»

  • arnold gasser sagt:

    Das Hauptproblem dieser Plastikkleider ist folgendes: Die Kunststofffasern gelangen beim Waschen ins Abwasser und können nicht zurückgeholt werden. Die Kunststofftextilien tragen einen beträchtlichen Teil zur Plastikbelastung der Gewässer mit – egal wie schadstoffarm, arbeitnehmer- und naturfreundlich diese hergestellt wurden. Das ist ein Problem, welches bis jetzt ignoriert wird – genau so wie die Problematik mit dem Abriebstaub der Reifen, Bremsen und Motoren.

  • Johann Betz sagt:

    Diese „Mode“ gab es schon einmal. Ich erinnere mich an einen Jugendleiterkurs beim DAV. Studenten aus „besserem Hause“ kamen als Bergvagabunden verkleidet mit geflickten Hosen. Da waren Flickstücke draufgenäht, auch wenn kein Loch in der Hose war.

  • Philippe sagt:

    Nette Story, beim Patagonia Rucksack, den ich gekauft habe, begannen sich die Nähte aber schon nach einer Saison zu lösen… Vielleicht einfach Pech. Den Rucksack davor hatte ich über 10 Jahre…

    Die Initiative finde ich so oder so super. Finde es so nervtötend, dass jedes Jahr wieder eine neue „Kollektion“ auf den Markt gebracht wird von den Outdoorherstellern. Bewährte Designs werden dann einfach über den Haufen geworfen.

  • Stoffwechsel sagt:

    Wer heutzutage zum gewöhnlichen Volk gehört, kann eigentlich so ziemlich alles tragen, wenn es noch einigermaßen angenehm riecht und kein Ungeziefer beherbergt. Warum nicht in Läden aus zweiter Hand wie Caritas, Brocki oder Rotes Kreuz günstig Kleider suchen, wenn Schmalhans regiert? Wer in einer Grossfamilie aufwuchs weiss noch, wie damals ein Pullover vom Ältesten immer weiter wanderte, bis er mit Flicken übersät beim Jüngsten endete. Aber auch der Kleideraustausch unter der Verwandtschaft beim Sonntagsbesuch funktionierte mit der Tante Frieda und dem Onkel Fritz „supi“, hatten doch früher alle mehr oder weniger Kinder, waren Götti oder Gotte, konnten noch selber flicken, haben Kleider ausgetauscht. Heute betreiben diesen Stoffwechsel Läden oder gemeinnützige Organisationen.

  • Sammy C sagt:

    Patagonia nutzt das Verkaufsmotiv des Umweltschutzes, Nachhaltigkeit etc., wie viele andere Firmen auch. Dies lässt an Verkaufsmotiven ablesen und das ist Teil des modernen Marketings.
    In puncto Nachhaltigkeit nimmt jedoch Patagonia im Vergleich zu vielen anderen Firmen eine aktivere Rolle ein. Patagonia hilft bei der Finanzierung von verschieden Umweltschutz Projekten, bietet eine Plattform und sensibilisiert die Kunden (Patagonia Food, Damnation, Balkan Rivers, 1 % for planet….). Klar werden hier auch Produkte auch über diesen Aktivismus beworben, jedoch ist das Engagement dieser Firma im Bereich der Nachhaltigkeit meines Wissens um einiges grösser als bei anderen Firmen in der Outdoorindustrie.

    • Benedikt C. sagt:

      „Dies lässt an Verkaufsmotiven ablesen und das ist Teil des modernen Marketings.“ Diese Marketingstrategie verfolgt Patagonia aber schon seit Gründung, also noch bevor es Teil des „modernen Marketings“ war. Patagonia zieht hier also nicht mit dem Trend mit; vielmehr wurde das Denken von Patagonia und vergleichbaren Firmen zum Trend. Womit die Industrie also viel eher nun endlich mit Patagonia etc. mitzieht.

  • David sagt:

    Patagonia will mit diesem Film zeigen, dass ihre Bekleidung lange hält und dass die Besitzer ein spezielles Verhältnis zu ihren Kleidungsstücken aufgebaut haben. So sollen qualitativ hochstehende Kleider automatisch mit Patagonia in Verbindung gebracht werden.
    Ich jedenfalls besitze auch solche Stücke, die bei objektiver Betrachtungsweise eigentlich in den Müll gehören würden.

  • Michael sagt:

    Die Krux der ganzen Sache ist doch, das heute kaum einer noch reparieren kann ! Meine Mutter hatte einen Stopfpilz, mit dem die Strümpfe gestopft wurden. Risse in Hose, Kleid oder Hemd wurde ebenfalls repariert – weil sie noch nähen konnte ! Da können die Outdoorlers nichts dafür, das haben sie ihren Eltern zu verdanken.

  • Benedikt C. sagt:

    „Das Hauptproblem in dieser wichtigen Outdoorumweltdiskussion sind nicht in erster Linie wir Bergsportler, die angeblich zu viele neue Kleider kaufen. Sondern die Ausrüster selber …“ Come on, hört doch endlich auf, Euch aus der Verantwortung zu stehlen. Patagonia und Co. müssen verkaufen, um Geld für Innovation zu haben, Arbeitsplätze zu schaffen und uns Produkte bereitstellen zu können. Was glaubt Ihr, würde heute eine Goretex-Jacke sonst taugen oder kosten. Uns zwingt niemand dazu, eine neue Jacke zu kaufen. Und wenn die Nachfrage nach Werkstätten steigt, gibt’s auch da mehr Angebot. Problematischer finde ich viel eher, wenn Mammut, Patagonia etc. den Alltagsmarkt erobern und auf Jack Wolfksin machen… Aber auch da: Niemand zwingt uns, diese Dinge zu kaufen. Wir wollen ja kaufen.

    • Alan Miller sagt:

      Hmm. Jäso. Aha. Aso was unterscheidet denn nun Mammut und Patagonia von Jakob Wolfshaut? Bin ich da als alter Sack einfach nicht vertraut mit der aktuellen Outdoormode, oder wie kann man denn „auf Jack Wolfskin machen“…. ??? Kann ich als Alan Miller auf Benedikt C. machen oder wie oder was?

      • Benedikt C. sagt:

        Alan Miller: JW und Mammut haben wohl definitiv nicht dieselbe Zielgruppe. Mammut, Patagonia etc. sind da um einiges alpiner und spezifischer ausgerichtet, während JW vor allem den Alltagsmarkt und „Hobbyberggeher“ im Fokus hat. Was mich persönlich nun stört ist, wenn Hersteller wie Mammut etc. auf diesen Zug aufspringen wollen und JW gewissermassen die Kundschaft streitig machen, indem sie ebenfalls auf trendige Alltagsmode setzen. Das hat zur Folge, dass noch mehr giftige Hightech-Ware für den Samstagsbummel oder den Sonntagsspaziergang verkauft wird. Giftiger Goretex ist für Extremsituationen gedacht und nicht als Fashionprodukt für den Nieselregen während des Weihnachtsmarkts. Das aber lediglich meine Meinung dazu und auch hier ist die Kundschaft das eigentliche Problem.

        • Markus sagt:

          Ihre Theorie geht aber nur auf, wenn Jack Wolfskin weniger giftig ist als Mammut oder Patagonia. Ist es das?

          • Benedikt C. sagt:

            Nein, ist es nicht und genau darum geht es ja!? Es braucht nicht noch mehr giftige Kleider im Alltag als ohnehin schon. Das hab ich nun ja deutlich erklärt!?

  • Hanni Vögeli sagt:

    „Weil sie kaum Werkstätten führen, die getragene Kleider flicken.“
    Mammut erledigt das prompt und auch noch günstig.
    Und wenn das Kleidungsstück noch relativ neu ist aus Kulanz sogar gratis.
    Top Service!

  • Alex sagt:

    Das mit dem „Tragen bis sie zerfallen“ benötigt kein Marketing sondern ist schon längst automatisch Realität. Da der Kunde nach immer leichteren Gegenständen fragt, werden auch die Klamotten immer dünner. Alles, was schwer ist, bleibt wortwörtlich wie Blei im regal der Geschäfte liegen.
    Für die Hersteller ist das ganz praktisch, denn dünne Stoffe halten schlichtweg weniger aus und müssen schneller ersetzt werden. Das bedeutet dann mehr Umsatz – win win.
    Den Punkt hat mir auf der Outdoormesse ein Hersteller auch bestätigt. Ein Fleece, welches 20 Jahre hält, ist nur für den Kunden ein Pluspunkt, nicht aber für den Hersteller.

  • Roland K. Moser sagt:

    Bei uns im Dorf hat es 3 Läden, in dem man seine Kleider reparieren/ändern lassen kann.

    • Ralph sagt:

      @R.K.Moser: Versuchen Sie da mal eine moderne Hightechjacke reparieren zu lassen. Entweder die machen’s und die Jacke ist danach hin (nicht mehr wasserdicht) oder sie machen’s nicht, weil sie wissen, dass sie’s nicht können. Für diese Kategorie von Kleidung braucht es Spezialwissen und -maschinen.
      Leider, möchte ich hinzufügen, denn die fachgerechte Reparatur einer solchen Jacke ist dadurch entsprechend teuer und lohnt sich, wie im Artikel schon erwähnt, aus Sicht des Portemonnaies nur bei teureren Modellen.

      • Roland K. Moser sagt:

        Stimmt. Und der Stoff/das Material für die Reparatur wird vermutlich auch nicht so leicht erhältlich sein.
        Ich habe eher an Faserpelze u.ä. gedacht.

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Jawohl, ich gestehe, ich mache das schon lange. Die neue Hose wird auf der Hochzeit getragen, später beim Klassentreffen, dann beim Einkauf und am Schluss bei der Gartenarbeit. So sagt man, die schwäbischen Frauen tragen keine String-Tangas, weil man mit denen später nicht die Treppe herunterwischen kann.

  • Bruno Moser sagt:

    Wenn ich Kinder und Jugendliche in völlig überteuerten Outdoor-Jacken sehe, dann bedaure ich die Eltern, die das mitmachen. Unsere Familie haben wir mit altbewährten, bequemen Pelerinen ausgerüstet und alle sind damit glücklich. Die Kids ziehen sie auch für die Pfadi gerne an. Die nur noch taillierten HighTech-Jacken finden nicht alle Leute bequem.

  • Martin sagt:

    Tja Natascha, es geht ausschliesslich um positives Firmen-Image – daher etwas PR-MarCom-blabla… Die mobilen Reparartur-Trucks sind wohl günstiger wie Medienkampagnen, etc. und lassen sich gleichzeitig für persönliche Kundenkontakte einsetzen. Sogar du erwähnst die Patagonia inkl. Worn Wear Blabla ;-) Die MarCom funktioniert offensichtlich. Heja, schlussendlich muss es sich bei grösseren Firmen wie Patagonia, & Co auszahlen resp. positiv auf den Aktienkurs auswirken.

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