Das Hörnli-Ritual

Diese Woche von Bauma aufs Hörnli und dann hinab nach Steg (ZH)

Das Hörnli ist ein Klassiker der Wanderziele, was auch damit zu tun hat, dass eine Gipfelwirtschaft den Besucher und die Besucherin versorgt zu allen vier Jahreszeiten. Es ist eine Vorstellung, die mir behagt: dass auf einem Berg Leute sind, die für mich kochen und heizen. Dass ich eintreten kann. Essen. Trinken. Wärme. Das Elementare ist das Schöne.

Gehen wir doch von Bauma hinauf. Der Start wird in diesem Fall verzögert: Am Bahnhof können wir kaum loslaufen, ohne die alten Waggons und Loks zu beschauen, die in einer offenen Halle geschützt stehen. Bauma ist einer der Stützpunkte des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland.

Der Specht wars

Wir überqueren die Töss und gelangen gleich in ein bewaldetes Seitental. Ein guter Einstieg, das Hundschilen-Tobel, an dessen Flanke wir Höhe gewinnen und uns bereits sehr in der Natur befinden – mit bleckenden Nagelfluh-Aufschlüssen allenthalben. Ein Baum ist brutal durchlöchert. Welcher Übeltäter hat es getan? Der Specht wars. Der darf das.

Endlich öffnet sich das Tobel, wir kommen in jenes hügelig-coupierte Hochland, das unsere Unternehmung im Mittelteil prägt. Musterplatz, Höchstock, Rossweid, Gfell sind Stationen. In der Ferne zieht sich der Alpenkranz. In der Nähe sehen wir das Dorf Sternenberg, das wir für einmal nicht besuchen. Ein Kleinbus erschliesst übrigens unsere Gegend von Bauma her, wer gut 110 Minuten Gehzeit sparen will, kann auch erst beim Gfell die Wanderung beginnen.

Gfell? Kurzer Ausflug ins Idiotikon. Der Flurname bezeichnet einen Ort mit Gefälle. Dazu ist Gfell aber auch das Glück, das einem zufällt. Beide Assoziationen passen. Die Weite der Landschaft beim Gfell macht glücklich, und gleich beginnt auch der Weg wieder zu steigen. Wir landen im Wald, der Schlusseffort zum Hörnli beginnt, er ist schweisstreibend.

Gleich gibts eine Wurst

Oben die riesige Antenne, die wir schon länger immer wieder sahen, das Gasthaus und die Vermessungspyramide auf dem höchsten Punkt. Die Sicht ist nun eine Rundsicht, wunderbar. All die Hügel und Berge rundum zu mustern, will seine Zeit. Und gleichzeitig diese Lust beim Gedanken daran, dass es gleich eine Bratwurst gibt.

Doch, auf dem Hörnli ist gut verweilen; gern erinnere ich mich auch an jene Male, als ich oben war und es chutete, wie das unnachahmliche Dialektverb heisst. Man sah gar nichts, umso besser mundeten die heisse Suppe und der Rotwein. Ein andermal war ich mit meinem Journalistenfreund Simi oben, mitten im Winter. Im Abstieg haute es uns ein paarmal auf den Hintern. Wir lachten, rappelten uns auf, klopften Schnee von den Kleidern.

Die Tanzplatz-Fantasie

Besagter Abstieg ist zwar steil, aber leicht. Er führt zum Tanzplatz, einem Boden, von dem ich nicht weiss, ob meine Fantasie stimmt. Aber jedenfalls sieht sie so aus: Ancien Régime, tyrannische Obrigkeit, viel Arbeit und wenig Spass. Und junge Leute, die sich den strengen Augen des Dorfpfarrers entziehen, sich ein bisschen vergnügen, trinken, tanzen.

Unten in Steg freuen wir uns über die Verdoppelung des Bahnhofs. Da ist nicht nur die Zugstation, sondern auch das Restaurant, ein alter Kasten, was ich nicht im Geringsten negativ meine. Ich finde die Wirtschaft gemütlich. Jedes Mal, wenn eine Wanderung in Steg endet, trinke ich dort etwas. Es ist eine der Gepflogenheiten, die es ausmachen, dass ich nach vielen Jahren der Fussgängerei vom «Hörnli-Ritual» spreche.
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Route: Bauma, Bahnhof – Hundschilen-Tobel – Musterplatz – Höchstock – Sternenberg, Rossweid – Gfell – Hörnli – Breitenweg – Steg.

Wanderzeit: 3 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 611 Meter auf-, 555 abwärts.

Wanderkarte: 226 T Rapperswil, 1: 50 000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit der Bahn von Steg nach Winterthur oder Rüti (Anschluss nach Zürich oder Rapperswil).

Kürzer: Mit dem Kleinbus vom Bahnhof zum Gfell («Sternenberg-Gfell» im Fahrplan). Wenige Kurse, Fahrplan studieren! Grosse Zeitersparnis von 110 Minuten. Auch spart man 355 Höhenmeter aufwärts und 105 abwärts.

Charakter: Weiler und einsame Partien im Wechsel. Viel Aussicht. Einige rutschige Abschnitte. Nicht allein gehen!

Höhepunkte: Das wilde Tobel Hundschilen. Der Rundblick vom Hörnli und die Wurst daselbst.

Kinder: Bei üblicher Beaufsichtigung gut möglich.

Hund: Jederzeit!

Einkehr: Gasthaus Hörnli, durchgehend geöffnet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Das Hörnli-Ritual»

  • René Edward Knupfer-Müller sagt:

    Den „Wilden Schnecken“ unter den Alpinwanderern sei die Querung der Hörnli-Westflanke (Westwand wäre zutreffender !) via Hörnligubelweg empfohlen. Mountain Wilderness pur ! Tössbergland der herben Sorte ! Trittsicherheit, gute Nerven und ebenso gute Ausrüstung vorausgesetzt ein Wandererlebnis der Sonderklasse !

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