Pokémon 2.0 – in Echt!

Es versprach, die Jungen in Bewegung zu bringen, und en passant würden sie auch etwas über ihre Umgebung lernen. Die Hersteller gelobten, den Menschen eine verspielte Auszeit von der terrorgeprägten Realität zu bieten, die sie mit Newsportalen auf ihren Handys stets bei sich tragen. Es gebe schlicht keine vergleichbare, digitale Realität, trumpfen die Vermarkter auf. Sie trafen den Nerv der Zeit. Sie versprachen die Antwort auf die Sehnsucht nach einer heilen Welt – und inszenierten sie mit drolligen Kreaturen, die, wenn auch kämpferisch, stets putzig wirken. Die ideale Kombination also zwischen Friede und Aktivität – als Replik auf die kriegerische und träge gewordene Gesellschaft. Auf «Pokémon Go» sind mehr als 80 Millionen Menschen reingefallen – auch ich. Vor dem inneren Auge sah ich Scharen Jugendlicher gemeinsam an der frischen Luft auf die Pirsch nach possierlichen Monstern gehen und die Welt entdecken, statt einsam vor ihren Computern zu verdicken.

Was für ein Trugschluss. Das Spiel lockt bestenfalls die Jäger nach draussen. Allerdings ist es mit Lernen und Bewegung nicht weit her: Die sogenannten Pokéstops tragen nichtssagende Namen wie «Alter Dorfbrunnen» – viel zu lernen gibt es da nicht, denn das ist von blossem Auge zu erkennen –, und die digitalen Waidmänner nehmen den Bus, das Töffli oder gar den Wagen, statt die eigenen Muckis zu bemühen. Und das Augenfälligste: Sie sind gemeinsam einsam. An den schönsten Orten dieser Welt, wie der abendlichen Promenade des Anglais in Nizza, sitzen sie statt auf den noch warmen Kieseln am Strand auf einem Rasenstreifen gleich neben der Hauptstrasse und donnern auf ihren Mobiltelefonen herum.

Vergessene Geschöpfe

Nein, die Jungen lernen mit Pokémon nicht – im Gegenteil. Sie verlernen. Die Beziehungen zu ihren Mitmenschen verarmen, sie verlernen, ihre analoge Umwelt zu geniessen, sie zu beobachten und neugierig zu erforschen. Sie vergessen dabei, dass auch die Natur drollige Geschöpfe hervorgebracht hat, die ihre Aufmerksamkeit verdienen, die sich aber nicht mit einem Klick und ein bisschen Sternenstaub wiederbeleben lassen, wenn sie darben.

Ich habe mich auf verschiedenen Läufen und Ausflügen – ebenfalls mit meinem Mobiltelefon bewaffnet – auf die Jagd nach analogen Kreaturen gemacht. Was hab ich gelernt, entdeckt und mich dabei bewegt! Zwar ist meine Liste nicht so lang wie jene der Pokémon-Macher, aber sie ist nach Gusto schier unendlich erweiterbar. Das Beste daran ist, dass die analoge Jagd in Begleitung noch viel mehr Spass macht und sich so ins Erinnerungen-Puzzle einfügt. Nachmachen empfohlen! Schnappen Sie sich Ihre Laufschuhe und Ihre Sprösslinge, Partner oder Eltern und wetten Sie, wer innerhalb einer begrenzten Zeit am meisten Viechlein aufspürt. Und: Genauso wie die App ist auch beim analogen Pokémon alles kostenlos!

8 Kommentare zu «Pokémon 2.0 – in Echt!»

  • René Edward Knupfer-Müller sagt:

    Ein brillantes Plädoyer für ein «offenen Auges für die Umgebung und nicht bloss stumpf auf den Display starrend durchs Leben zu gehen» – von Pia Wertheimer mit ebenso brillanten Bildern illustriert. Chapeau ! … Eine Aufforderung, die digitale Welt wieder einmal zu verlassen und für eine Weile in die analoge Wirklichkeit einzutauchen …

  • Peter sagt:

    Für Pokéhohn gibts offensichtlich jede Menge Moralin-Bonbons. Frage an die Autorin: wieviel Sternenstaub muss ich ich mir übers schamgebeugte Haupt streuen, um den erhobenen Zeigefinger weiterzuentwickeln?

  • Stefan sagt:

    Der Tierdex Eintrag von Igelou ist sehr lustig und gut gelungen. Der Typ passt auch zu einem Igel.
    Gut gemacht.

  • Christian sagt:

    Ich habe ein Quaksi gefangen, aber als ich es am nächsten Tag aus dem Pokeball rauslassen wollte um zu kämpfen, hat es nur plumps gemacht und nun liegt es schon seit Minuten bewegungslos auf dem Rücken.
    Wie motiviere ich diese Art Pokemon? Danke für die Info.

    • Pia Wertheimer sagt:

      Künftig bitte ganz nach dem Motto von Mutti im Einkaufsladen – nicht mit den Händen gucken, nur mit den Augen!

  • Bienli sagt:

    Bild 3 ist eine Fliege, keine Biene.

    • Hotel Papa sagt:

      Jup. Gibt sich zwar aus als wehrhafte Maja, ist aber eine harmlose Schwebefliege.

      Auch Libelula ist keine Libelle mit den Eigenschaften wie im Text beschrieben, sondern eine Kleinlibelle, eine Wasserjungfer. Ihre Flugkünste sind eher mit der eines Schmetterlings zu vergleichen.

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