Ewig abseitiges Land

Diese Woche von Urnäsch auf die Hochalp und den Spicher (AR/SG)


Südwestlich von Urnäsch, wo es keine Bahnen hat, ist das Appenzellerland am schönsten. Die Höger wirken allesamt, als hätten sie Hormone gegessen, so aufgepumpt und exaltiert und überspitz stehen sie im Gelände. Manche Kämme sind wie mit dem Messer zerteilt, die Nagelfluh zeigt sich.

Überhaupt ist da gar nichts kitschig-lieblich. In manchen Abgrund kann man als Mensch gar nicht gelangen, ausser man sei Pilzsammler und stürze über irgendeine Kante ins Leere. Schummrig ist das Ofenloch, aus dem der Necker quillt und an wilden Tagen nach Schwefel riecht. Das Ofenloch ist übrigens schon Kanton St. Gallen. Spielt keine Rolle. Politische Grenzen kommen und gehen, dieses Land aber wird ewig abseitig bleiben. Verbaubar ist es nicht.

Passt auf eure Kinder auf!

Wir starten am Bahnhof Urnäsch, haben exakt in der Geleiseverlängerung die Knolle der Hochalp vor uns. Sie zu Fuss zu erobern, dauert gut zwei Stunden, die meiste Zeit geht es aufwärts. Auf der Hochebene von Färenstetten dürfen wir immerhin einmal geradeaus laufen. Bei der Hütte von Nasen ist es nicht mehr weit. Wer die Hochalp vom Winter kennt, erinnert sich angesichts des zu weiten Kehren ausholenden Strässchens an die Schlitteltour.

Oben sitzen wir auf alten Holzbänken vor der einfachen Wirtschaft der Familie Fuchs und haben den Säntis schräg vor uns. Eindrücklicher ist aus dieser Warte der Stockberg mit seinen horizontalen Bändern. Und direkt vor uns hockt unser nächstes Ziel, der Spicher.

Nun beginnt die Kraft der Landschaft zu wirken, die ich eingangs beschwor. Gleich nach der Hochalp-Wirtschaft passieren wir, noch auf dem Schottersträsschen, einen Erosionskrater von riesiger Dimension, gut, hat es zur Linken einen Hag, passt mir auf eure Kinder auf, Leute! Ausgesetzt ist auf unserer Route übrigens keine einzige Stelle, aber immer wieder wandert man doch in der Nähe von Geländestürzen.

Die nächste Stunde ist eine Achterbahnfahrt, es geht hinab und hinauf, heldenhaft einsame Alphütten ziehen vorbei, ein Abschnitt ist felsig, einmal ist eine Kette montiert, weil der Boden rutschig ist. Schliesslich sind wir auf dem Spicher. Ein angenehmer Rücken ist das, von dem aus wir den Bodensee erblicken, vor allem aber direkt vor uns den irren Spitz des Hochfläschen sehen. Frecher kann man einen Hügel nicht formen.

Bei Nichtgefallen Geld zurück

Das letzte Drittel der Wanderung führt, oft durch Wald, zuerst zum Chräzerenpass, Teil einer alten Fussgängerverbindung vom Toggenburg ins Appenzeller Hinterland. Weiter unten das Chräzerli ist jetzt im Herbst am Nachmittag schnell einmal im Schatten. Übergross kommt es daher für ein simples Berggasthaus, es war einmal ein Kurhaus und ein andermal ein Knabeninstitut.

Treten wir nach der Einkehr so gegen vier Uhr wieder ins Freie, liegt der Säntis über uns noch im gleissenden Licht, als beleuchteten ihn Bühnenscheinwerfer. Der Rest ist kurz und noch einmal gut. Vorbei am Unghürflüeli ziehen wir die junge Urnäsch entlang hinab zur Steinfluh. Dort endet die Magie an der vielbefahrenen Schwägalpstrasse bei der Postautohaltestelle. Wir sind zurück im Leben der anderen.

Als Letztes dies: Wenn ich meine Kolumnen einzeln verkaufen würde wie ein Gmüesler seine Gurken, so würde ich zu dieser Kolumne eine Geld-zurück-Garantie offerieren. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass einer oder eine jetzt im Herbst nach Hause zurückfährt, ohne begeistert oder gar verzaubert zu sein.

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Route: Bahnhof Urnäsch – Bindli – Kästlisegg – Färenstetten – Nasen – Hochalp – Oberer Chenner – Älpli – Spicher – Chräzerenpass – Chräzerli, Gasthaus – Unghürflüeli – Steinfluh (Bus nach Urnäsch).

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: 887 Meter auf-, 726 Meter abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Anstrengend. Keine ausgesetzten Stellen, aber stellenweise geht man nah am Abgrund, aufpassen! Unglaubliche Weit- und Einblicke, dies ist eines der apartesten Zu-Fuss-Gebiete im Land.

Höhepunkte: Durchatmen und Geradeausgehen auf der Hochebene von Färenstetten. Der Blick zum Alpstein von der Hochalp. Der gewaltige Erosionstrichter gleich nach der Einkehr. Der Blick vom Spicher auf den exaltierten Hügel Hochfläschen.

Kinder: Gut machbar, aber man muss sie zwischen Hochalp und Chräzerenpass beaufsichtigen.

Hund: Der fitte Hund wird den Tag in vollen Zügen geniessen.

Einkehr: Im Dorf Urnäsch. Alpenblick gut 30 Minuten nach Wanderstart, Mo Ruhetag. Hochalp, den ganzen Oktober durchgehend offen. Chräzerli, Di/Mi Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

1 Kommentar zu «Ewig abseitiges Land»

  • Erich Kartmann sagt:

    Schöne Bilder. Es ginge jedoch auch weniger anstrengend – für diejenigen Genusswanderer, die nicht so auf lungen-auskeuchende Gewaltmärsche in immer nur Richtung steil bergaufwärts stehen ;). Man könnte die Wanderung alternativ auch in der entgegengesetzten Richtung von der Bushaltestelle auf der Passhöhe Schwägalp her beginnen und hätte dann von der Hochalp her einen schönen Abstieg vor sich.

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