Achtung, ein veganer Bergsportler!

Outdoor

Müssen Bergrestaurants sich besser auf Veganer einstellen? Alpinisten essen auf der Terrasse vor der Coazhütte im Engadin. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Kürzlich wanderte ich allein auf den Fronalpstock im Glarnerland. Ausser einem Bauern, der mir auf dem Alpsträsschen mit dem Traktor entgegenratterte, begegnete ich niemandem. Wenige Meter unter dem Gipfel überholte mich dann ein drahtiger Mann in kurzen, engen Jogginghosen. Er war Bergläufer mittleren Alters und sehr fit. Oben drückte er auf seine Stoppuhr. Die Laufzeit schien gut zu sein, jedenfalls lachte er mir zufrieden entgegen.

Wir kamen ins Gespräch, und es ergab sich, dass wir zusammen Gipfelpause machten. Er war in Flirtlaune, also flirtete ich ein bisschen zurück. Warum auch nicht? Sieht ja keiner. Im Rucksack hatte ich ein Sechserpack Madeleines, ein stark fett- und zuckerhaltiges Feingebäck. Momentan mein Lieblingsproviant beim Wandern. Ich bot dem Bergläufer eines an. Doch er reagierte wie ein aufgescheuchtes Huhn. Er sei Veganer, erklärte er. «Seit zwei Jahren konsequent.»

Tierisch radikal

Mir wäre seine tierfreundliche Lebensweise wurst gewesen, aber ihm nicht. Unaufgefordert zählte er die Gründe auf, die ihn zu diesem «radikalen Schritt» bewegt hatten. Er sprach über Ethik, Moral und dergleichen. Als Veganer verzichtet er auf alles Tierische, also auch auf Eier. «Legehühner müssen nämlich auch leiden», sagte der Bergläufer. Und in meinen Madeleines habe es Ei drin. Recht hatte er. Es stand sogar gross auf der Plastikverpackung: «Mit Vollei».

Aus seinem Mini-Trailrunning-Rucksack zauberte er einen Riegel. «Selber gemacht», sagte er stolz. Das Rezept habe er eigens ausgetüftelt: Haferflocken, Nüsse, Kürbiskerne und irgendwelche Supersamen und Superbeeren aus Mittelamerika, die schon die alten Maya gegessen hätten und noch heute bei den indigenen Völkern als «Kraftnahrung» gälten. «Interessant», sagte ich höflich und biss in mein zweites Madeleine mit Vollei.

Dann zeigte er auf meine Schuhe und meinte, die Sohlen seien mit Klebstoff verarbeitet, der tierische Bestandteile beinhalte. Seine Laufschuhe waren dagegen vegan korrekt. Da achte er beim Kauf drauf, was gar nicht so einfach sei. Ohnehin sei das Leben als veganer Bergsportler gar nicht so einfach. Auch Daune sei ein Tabu. Genau wie Leder, Wolle und Filz. Ich trug ein Shirt aus Merinowolle – nicht gut in seiner Weltanschauung.

Dumme Beizer?

Als er anfing, über die Bergbeizen herzuziehen, packte ich meine Sachen. Die meisten Alpwirtschaften, so klagte er, hätten zwar ein paar wenige vegetarische Gerichte im Angebot, aber auf vegane Kundschaft seien sie überhaupt nicht eingestellt. Er könne da nicht einmal Rösti essen, weil diese mit Butter gebraten werde. Und in der Salatsauce habe es Mayonnaise. Diese Beizer seien einfach nur dumm, so der Bergläufer. Denn die Veganer-Gemeinde werde immer grösser, viele von ihnen seien Outdoorsportler und Berggänger. Aus Protest gegen die alpine Küchenpolitik würden viele Veganer solche Beizen gänzlich meiden, dort also nicht einmal etwas trinken.

In vielem hatte der Bergläufer sicher recht. Ich finde es gut, wenn jemand konsequent vegan lebt. Meinetwegen darf er auch missionieren. Die Lust auf Madeleines mit Vollei vergeht mir trotzdem nicht. Die Lust auf veganes Flirten ist mir dagegen für immer vergangen.

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