Durch die gefährlichsten Gebirge der Welt


Einer der mutigsten Menschen, die ich kenne, ist der Tessiner Bergführer, Journalist, Film- und Buchautor Mario Casella. Ein bescheidener, freundlicher Mittfünfziger, Kletterer von Kindsbeinen an, unter anderem in den heimischen Denti Della Vecchia, für die er einen hervorragenden Führer verfasst hat. Höhenbergsteiger im Himalaja (Cho Oyu ohne künstlichen Sauerstoff), in Alaska (Denali), in den peruanischen Anden, in Kirgistan, im Kaukasus. Korrespondent der Televisione della Svizzera Italiana unter anderem in Washington.

Zusammen mit dem Tessiner Alpinisten, Kameramann und Regisseur Fulvio Mariani hat er Filme der Skidurchquerung der Gebirge des Iran und Afghanistans entlang der alten Seidenstrasse realisiert. Dabei haben sie Gebiete weitab jeder Zivilisation durchwandert, lawinengefährliche Zonen und solche, in denen Räuber, Drogenschmuggler und islamistische Kämpfer ihr Unwesen treiben. Sieht man diese Filme an, so zieht man den Hut: Casella und Mariani filmen in den gefährlichsten Gebirgen der Welt, erkunden auf ihrer Tour die Geschichte der Gegend, die sozialen und politischen Verhältnisse, unter denen die Einheimischen leben, übernachten in ihren Hütten, essen mit ihnen, schliessen Freundschaften, lassen sich über die Routen beraten. Ihre Filme dokumentieren grandiose Bergwelten, die uns weitgehend unbekannt sind und schwer zugänglich, die sich aber zum Teil rasch verändern durch den Einfluss der modernen Medien, der Politik, den teilweisen Raubbau an der Natur.

Mario Casella ist nicht nur ein hervorragender Dokumentarfilmer, er ist auch Autor von Erzählungen und von einem Buch über den Gebirgskrieg zwischen Pakistan und Indien. Auf Deutsch erschienen ist im Frühling im Zürcher AS-Verlag das Buch «Schwarz Weiss Schwarz. Eine abenteuerliche Reise durch das Gebirge und die Geschichte des Kaukasus». Zusammen mit dem russischen Gefährten Alexej Shustrov hat Casella die tausend Kilometer lange Bergkette vom Kaspischen Meer bis nach Sotschi am Schwarzen Meer auf Ski durchquert – so weit es von den politischen und alpinistischen Bedingungen her möglich war. Auch das ein gewagtes Unterfangen, ist die Region doch seit langem von ethnischen und religiösen Spannungen und endlosen Kriegen geprägt. Ein tiefschürfendes, spannend erzähltes und auch nach der Olympiade in Sotschi noch immer hochaktuelles Buch in der Tradition literarischer Reiseberichte.

Übersetzung ins Deutsche fast gescheitert

Die Originalausgabe ist mit zwei italienischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden – das rief geradezu nach einer Übersetzung ins Deutsche. Ein Übersetzungsbeitrag durch Pro Helvetia wäre eigentlich eine Selbstverständlichkeit, gehört doch zum Leistungsauftrag der staatlichen Kulturstiftung die Förderung des Kulturaustauschs unter den Sprachregionen. Doch auf ein erstes Gesuch hin kam eine Absage, denn es handle sich «um ein Sachbuch ohne thematischen Bezug zur Schweiz». Dass die Schweiz im Kaukasus vielfache humanitäre, wirtschaftliche und politische Hilfe leistet und der Autor ein Schweizer ist, spielt offenbar keine Rolle.

Nach dem Hinweis auf die italienischen Literaturpreise beugten sich die Zuständigen von Pro Helvetia über das Manuskript, das der Verlag zuvor auf eigene Kosten übersetzen musste. Ein Gutachten wurde in Auftrag gegeben, die Übersetzung «soweit korrekt» empfunden, bis auf so seltsame Einwände wie: Ein Abschnitt sei «im Originaltext nicht vorhanden» oder es seien «die Zeiten der Verben systematisch in Ordnung» zu bringen. So, als handle es sich um eine Maturaarbeit und nicht um ein hervorragendes Werk eines mutigen und kompetenten Autors aus der italienischsprachigen Schweiz. Also endgültig abgelehnt! Zum Glück ist die Herausgabe nicht am Kleinmut von Kulturbürokraten gescheitert – dank dem Mut des kleinen Zürcher AS-Verlags.

Website von Mario Casella: www.crealpina.ch

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6 Kommentare zu «Durch die gefährlichsten Gebirge der Welt»

  • Veit Schumacher sagt:

    Hallo Herr Zopfi,

    wir wollten uns auf diesem Wege auch noch einmal bedanken für ihre wunderbaren Kurzgeschichten. Eine Rezension zu Ihrem Buch finden Sie hier: https://www.airfreshing.com/rezension-emil-zopfi-as-verlag-felsenfest-noch-schoener-als-fliegen-klettersport-schweiz

    Darüber hinaus können wir uns Ihren Worten zur Skjitour durch den Kaukasus nur anschließen. Auch hierzu haben wir eine kurze Rezension geschrieben: https://www.airfreshing.com/rezension-as-verlag-mario-casella-schwarz-weiss-schwarzes-skitour-kaukasus

    Machen sie weiter so!
    Erfrischende Grüße

  • Marianne Kocher sagt:

    Aha, endlich eine Platform zum grossartigen Thema „Pro-Helvetia-Bashing für Einsteiger, die lieber etwas anderes als die Weltwoche lesen“. Danke, Herr Zopfi.
    Eine Frage: Waren zufällig Sie für die Übersetzung verantwortlich?
    (Vielleicht war schlicht die Qualität der Übersetzung das Problem?)

  • Lucas Cannolari sagt:

    Ein sehr spezieller Alpin Blog, wenn auch durch die Thematik einer fremden Bergwelt durchaus berechtigt. Offensichtlich will Zopf hier einem befreundeten Autor zu etwas Publizität verhelfen. An und für sich nichts schlechtes. Allerdings sollte er auch mit offenen Karten spielen und nicht einfach durchaus seriöse Literaturkritiker durch den Dreck ziehen. Wie immer bei solchen Anträgen, manchmal hat man Erfolg, manchmal halt nicht. Das gilt es zu akzeptieren. Falls man dann eine alternative Finanzierung findet, umso besser!

  • Ernesto sagt:

    Guter Artikel. Das Buch will ich gelegentlich lesen. Kulturförderung ist eine schwierige Sache, es sollte vielleicht eine demokratisch legitimierte Kommission die Anträge der Verwaltung prüfen und ablehnen könne. Die Mitglieder sollten ehrenamtlich tätig sein und Interessenbindungen im Bereich Kultur und Wirtschaft völlig offenlegen.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Das Beispiel zeigt, staatliche Kulturförderung ist idiotisch, weil BEAMTE darüber entscheiden. Das einzige, was staatliche Kulturförderung bewirkt, ist eine Flutung des öffentlichen Raums mit Kunst, die für das Publikum keine Bedeutung besitzt, weshalb das private Geld dafür fehlt. Dagegen werden populäre Künstler nicht unterstützt, obwohl ihre Kunst weit mehr Ausdruck unserer Kultur sind.
    Staatliche Kulturförderung bewegt sich auf dem Niveau der vom Staat jährlich in Auftrag gegebenen, tausenden von wissenschaftlichen Studien: der Auftraggeber bestimmt letztendlich nicht nur, was gefördert wird, sondern oft auch gleich, was abgeliefert wird. Das Ergebnis ist oft ein unnützes Wischi-Waschi mit möglicherweise seichtem Unterhaltungswert, jedoch ganz selten Kultur.

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