Die neue Moderne in den Bergen

Ich gehöre sicher zu den Letzten, die den alten, kratzigen Militärwolldecken in den SAC-Hütten nachtrauern. Wenn Duvets zur Verfügung stehen, weiss ich diese zu schätzen. Meinen Bergfreunden geht es auch so. Dennoch diskutierten wir kürzlich darüber, ob wir die Kratzdecken eines Tages vielleicht doch vermissen werden, ebenso die engen Massenschläge und die stinkigen Toiletten. Denn solch spartanische Gebirgsunterkünfte, wie sie in den Schweizer Alpen noch vor zehn Jahren gang und gäbe waren, gibt es heute kaum mehr.

Der SAC investierte in den vergangenen Jahren grosse Summen in den Um- oder Neubau der Hütten. Alleine in diesem Sommer öffneten fünf Unterkünfte «in veränderter Gestalt». Die Cabane Rambert oberhalb Ovronnaz VS beispielsweise wurde komplett ausgekernt und um einen auffälligen, flügelartigen Anbau erweitert, der die Hüttentechnik, den Sanitär- und Hüttenwartsbereich umfasst. Auch die Tierberglihütte im Berner Oberland erhielt einen neuen Anbau mit Haustechnik, Sanitär-, Lager- und Seminarräumen. Renoviert und zum Teil erweitert wurden die Konkordiahütte (BO), die Cabane d’Arpitettaz (VS) und die Sardonahütte (SG). Gekostet haben die fünf Projekte zusammen 6,1 Millionen Franken, plus 2 Millionen für den laufenden Unterhalt. Finanziert von den Besitzersektionen und dem Zentralverband.

Wollen wir das überhaupt?

Lange Jahre galt etwa die Tracuit-Hütte (VS) als «Sorgenkind». Sie war ungemütlich und nicht zum Schlafen gemacht, sondern nur zum Übernachten. Seit 2013 wartet dort ein neues, imposantes Gebäude, das 5,5 Millionen kostete. Der Neubau der Domhütte kostete 3,5 Millionen, der Umbau der Täschhütte 2,8 Millionen – um nur einige zu nennen. Von den 152 SAC-Hütten besteht heute nur noch etwa bei einem Dutzend «dringender Handlungsbedarf», ihre Sanierung ist bereits aufgegleist.

Es wird also gewaltig Gas gegeben und finanziell mit der grossen Kelle angerührt. Es scheint sogar, die Sektionen würden unter sich einen Wettkampf austragen. Nach dem Motto: Wer hat die schönere, tollere, modernere, ökologischere Hütte? Ein Trend, der 2008 mit der neuen Monte-Rosa-Hütte, der «Hütte der Zukunft», begann. Uns Besuchern kann dieses Aufrüsten nur willkommen sein. In einem futuristischen Sechserzimmer schläft man definitiv besser als in einem angegrauten Schlag mit 40 Personen. Gegen eine Toilette mit Spülung hat auch niemand etwas.

Aber wollen wir das überhaupt? Haben uns spartanische Unterkünfte je von einer Tour abgehalten? Wer braucht auf 3000 Meter Höhe eine warme Dusche? Werden Gratis-Internetverbindung und laktosefreie Gerichte bald zum Standardangebot gehören? Was kommt danach?

Retro könnte wieder modern werden

Wer heute gegen die Modernisierung im Gebirge rebelliert, rebelliert ins Leere. So wie damals die konservativen Herren, die keine Frauen im Club wollten und keine Duvets in den Massenlagern. Trotzdem wird der eine oder andere von uns irgendwann mit Wehmut an die Zeiten zurückdenken, als uns die alpinen Schutzhäuser nicht nur vor Kälte und Naturgewalten schützten. Sondern auch vor dem Alltagsstress und vor der ständigen Erreichbarkeit. Bisher war das Hochgebirge einer der letzten Rückzugsorte überhaupt, wo das digitale Zeitalter noch nicht Einzug gehalten hat. Damit wird früher oder später Schluss sein. Als Retrotrend könnten die Hütten dann wieder Militärdecken einführen.

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