Kamor hat nichts mit Camorra zu tun

Diese Woche von Brülisau auf den Kamor und hinab nach Rüthi (AI/SG)

Hat es Sonne auf dem Kamor? Die Frage plagt uns, als wir im Innerrhoder Dörfchen Brülisau im Nebel starten. Die Webcam auf dem bekannten, geringfügig höheren Nachbarberg des Kamors, dem Hohen Kasten, motiviert uns: Dort hat es Sonne.

Saftig steigt der Hang vor uns an, Kühe glotzen verdutzt, wenn wir quasi aus dem Nichts vor ihnen auftauchen; dann senken sie wieder die Köpfe und fressen weiter. Schnell sind wir auf dem Rossberg, schnell danach beim Ruhesitz, exakt eine Stunde hat das gedauert.

Wir treten ein, alles so schön Holz im Restaurant Ruhesitz, diesem Stützpunkt der Gemütlichkeit. Ich mampfe natürlich einen Nussgipfel, Ronja findet das natürlich absonderlich. Mein Bauch frohlockt.

Der Gemütsschalter

Draussen immer noch Nebel. Wir gelangen in die Fluh unterhalb des Kastensattels, unser Felspfad ist glitschig von der feuchten Luft, aber Gott sei Dank breit. Was wir nicht haben, ist Tiefblick; der eine, sehr schwindelanfällige Wanderkollege ist froh darüber.

Immer wieder erstaunlich, was in einem passiert, wenn es hell wird. Eine Art gemütsinterner Schalter wird gekippt, Freude schiesst ein. Unterhalb des Kastensattels deutet sich die Sonne an und wird mit jedem Schritt aufwärts stärker.

Auf dem Sattel sind wir ganz im Licht. Unter uns ein Nebelmeer, das Rheintal ist wattiert, die hohen Berge im Vorarlbergischen aber, im Liechtensteinischen und zum Bündnerland hin, die sehen wir. Ganz in der Nähe ist die Antenne des Hohen Kastens markant; eben fährt dort die Schwebebahn in die Bergstation ein.

Der Kamor ist schnell erobert. Etwas befremdlich das Strässchen bis fast auf den Gipfel, Teil einer Militäranlage. Der Gipfelspitz selber ist unversehrt und sieht so aus, wie man sich einen Gipfelspitz vorstellt. Ein Grasgupf mit Dohlen und Felsen. Vorsicht mit Kindern! Der Abgrund Richtung Norden birgt Gefahr!

Wir tanken Sonne, strecken uns aus, dösen. Als wir doch wieder aufstehen, sind wir dankbar; adieu Kamor, du warst gut zu uns. Der Bergname, nebenbei gesagt, hat nichts mit der Camorra zu tun. Er setzt sich zusammen aus «ganda» und «mora» und bedeutet schwarze Geröllhalde.

Weiter unten wieder Nebel. Durch kupierte Weiden halten wir abwärts, passieren den Stofel und den Zapfen. Schliesslich das Gasthaus Montlinger Schwamm, gleich gibt es Zmittag. Bei dem Wetter in eine Wirtschaft einzutreten, ist eine Lust. Und das Essen mundet.

Winnetous Lagerplatz

700 Höhenmeter liegen noch zwischen uns und dem St. Galler Rheintal. Vorerst gehen wir im Bereich der kurvenreichen Strasse, wobei der Wanderweg immer wieder die Direttissima nimmt. Nach dem Brunnenberg kommen wir in eine Schlucht, gehen unter einem Felsband, überall liegen Blöcke, es hat Geröll auf dem Pfad, an einigen Stellen ist das Felsband überhängend. Winnetou würde an dieser Stelle sagen: «Hier wollen wir lagern, tapfere Apachen.»

Unsereins muss weiter und langt endlich in Rüthi und am Rhein an. Nein, halt, das träge Gewässer ist ein Seitenkanal. Einige Zeit später sind wir beim Bahnhof Rüthi. Das nahe Hotel hat zu, Ruhetag Samstag. Schade, es wäre perfekt für einen Schlusstrunk, bei dem man noch einmal des besonnten Berges gedenken könnte; es heisst Kamor.

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Route: Brülisau (erreichbar in kurzer Busfahrt ab der Bahnstation Weissbad der Appenzeller Bahnen) – Brand – Rossberg – Ruhesitz – Kastensattel – Kamor – Stofel – Zapfen – Montlinger Schwamm – Schönenboden – Brunnenberg – Schlattenbrand – Planggi – Moolen – Rüthi, Dorf – Rüthi, Bahnstation.

Wanderzeit: 5½ Stunden.

Höhendifferenz: 895 Meter auf-, 1394 abwärts.

Wanderkarte: 227 T Appenzell, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Per Zug nach Sargans oder St. Gallen.

Kürzer: Dank der Seilbahn von Brülisau auf den Hohen Kasten kann man die Wanderung kürzer gestalten. Zuerst von Brülisau auf den Kamor wie im Text. Dann retour zum Kastensattel und auf den Hohen Kasten. Diese Variante dauert nur 3 Stunden.

Charakter: Ab Ruhesitz bis Kastensattel eine Bergwanderung, schmaler Pfad, gute Schuhe zwingend! Ansonsten eine voralpine Route mit einem guten Fünftel Hartbelag. Einige Abschnitte steil und ruppig, auch deswegen braucht es die guten Schuhe. Sehr aussichtsreich.

Höhepunkte: Die Einkehr im Ruhesitz. Der Anblick der Kasten-Seilbahn vom Kastensattel aus. Der Gipfelspitz des Kamors und der Tiefblick übers Appenzellerland Richtung Bodensee und darüber hinaus. Die Planggi-Passage mit der gewaltigen Fluh, unter der man geht.

Kinder: Man muss sie beaufsichtigen wie bei jeder Bergwanderung, an einigen Orten lauert Gefahr, z. B. unter dem Kastensattel oder auf dem Gipfel.

Hund: Keine besonderen Probleme.

Einkehr: Am Anfang (Brülisau) und Ende (Rüthi). Unterwegs der Ruhesitz (Mi Ruhetag) und das Restaurant Montlinger Schwamm (kein Ruhetag).

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Kamor hat nichts mit Camorra zu tun»

  • Werner Brülisauer sagt:

    Herzlichen Dank für die schon lange überfällige Information, dass der Kamor nichts mit der Camorra zu tun hat.
    Im Übrigen: Warum nicht bei Gelegenheit einen Fotokurs besuchen?

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