Wer Stil hat, trägt Textil

Ein Beitrag von Thomas Renggli*

Shirtless man jogging at the coast

Ohne modische Contenance: Dieser Jogger verstösst gegen den Lauf-Knigge. Foto: Getty Images

Endlich Sommer! Nach der Mai-Nässe, der ewigen Schafskälte und den Juli-Fluten können die Neoprenanzüge verstaut und die Schwimmwesten eingelagert werden. Dem Laufvergnügen steht nichts mehr im Weg – mit neuer Zuversicht, Sonnencreme im Gesicht und einem Lächeln auf den Lippen der schönsten Jahreszeit entgegen. Los gehts!

Doch Vorsicht. Bei allem Bewegungsdrang und allen Motivationsschüben gibt es gewisse Verhaltensformen zu beachten. Als Gedankenstütze hier die wichtigsten Paragrafen des Lauf-Knigges:

Dresscode

Vielleicht beschert uns dieser Sommer ja doch noch tropische Verhältnisse. Trotzdem: Bleiben Sie cool und wahren Sie die modische Contenance – nicht nur, um einen akuten Sonnenbrand zu verhindern. Wer mit nacktem Oberkörper seine Runden dreht, verstösst gegen jegliche Stilformen. Diese Sünde fällt höchstens an der Copacabana in Rio de Janeiro oder an der Muscle Beach von Santa Monica unter mildernde Umstände. Wer Stil hat, trägt Textil. Oder können Sie sich vorstellen, dass Roger Federer auf dem Centre Court von Wimbledon plötzlich ohne T-Shirt aufschlägt?

Joggen mit Hund

Läufer und vierbeinige Wesen mögen sich nicht sonderlich. Doch das Laufen mit Hund kann auch integrativen Charakter besitzen. Plötzlich lernt der ambitionierte Jogger die Herrchen und ihre Gefährten von einer ganz anderen Seite kennen. Denn wer selber einen Hund führt (oder von ihm geführt wird), gehört automatisch zur grossen Familie der Tierliebhaber. Wuff! Aber Vorsicht. Halten Sie ihren tierischen Laufpartner entweder an der kurzen Leine oder lassen sie ihn ganz frei. Denn wer mit einer Rollleine unterwegs ist, wird nicht selten zum wandelnden Hindernis.

Wegrecht

Unters gleiche Kapitel fällt das Laufen in kommunikationsfreudigen Gruppen. Der soziale Austausch hat auch während des Trainings durchaus seine Berechtigung – und er kann sogar helfen, die Atmung zu regulieren und das Tempo nicht zu stark zu forcieren. Doch wird die Diskussion so angeregt geführt, dass der Rest der Welt vergessen geht, wird dies für die übrigen Wegbenutzer zum Ärgernis. Staugefahr!

Grüss Gott!

Bleiben Sie stets freundlich und galant. Bei Laufen gelten dieselben Umgangsformen wie im Alltag. Wer sich nicht auf den letzten Metern eines Marathonlaufs befindet oder eine Olympiamedaille in Griffnähe hat, sollte seine Mitmenschen freundlich grüssen. Ausgenommen von dieser Regel sind alle Stadtjogger – sonst droht spätestens zur Rushhour akute Sauerstoffknappheit.

Walkman (oder iPod, iPhone)

Joggen mit Musik kann motivieren und beschleunigen (wie an dieser Stelle auch schon beschrieben). Doch wer sich zudröhnt, verpasst eine wichtige Dimension des Laufvergnügens. Das Rauschen eines Baches, das Zwitschern der Vögel und das Säuseln des Windes sind inspirierender als jeder Beat und alle Melodien zusammen. Oder wie es der Schweizer Olympiamedaillengewinner Markus Ryffel sagt: «Die schönste Musik spielt das Orchester der Natur.»

Bescheidenheit

Bleiben Sie stets auf dem Boden. Verbissenheit und Verkrampfung sind schlechte Ratgeber. Natürlich können Nordic Walker nerven, Radiowanderer den Flow stören oder Mountainbiker das Leben anderer gefährden. Doch wer selber einen Schritt zurück macht, den anderen den Vortritt gewährt oder einen Umweg in Kauf nimmt, kommt am sichersten und zufriedensten ans Ziel. Und ein Tipp für alle männlichen Läufer: Die Laufrunde eignet sich nicht, um der Partnerin zu beweisen, wie schnell Mann ist. Wer gemeinsam läuft, sollte auch zusammen ins Ziel kommen – im Sinne einer langen und glücklichen Beziehung.

thomas_renggli*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger, Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).

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