Sprinten mit Shaqiri, joggen mit Abrashi

Ein Beitrag von Thomas Renggli*

England’s Luke Shaw, right battles for the ball with Switzerland’s Xherdan Shaqiri during the Euro 2016 Group E qualifying soccer match between England and Switzerland at Wembley stadium in London, England, Tuesday, Sept. 8, 2015 . (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Nicht ganz so schnell wie Usain Bolt, aber der musste auch keinen Ball mitnehmen: Xherdan Shaqiri (links) ist einer der besten Sprinter im Fussball. Foto: Keystone

Noch sechs Tage bis zum Final der Euro 2016 – drei Spiele und dann kehrt die Normalität in den Schweizer Haushalten zurück. Für viele kommt der Schlusspfiff einer Erlösung gleich. Fussballer seien keine aufrechten Sportler, hiess es in diesem Medium auch schon – das Kernprinzip des Sports sei Betrug, und nur mit etwas gutem Willen könne man dem Spiel etwas Positives abgewinnen.

Gesellschaftspolitisch ist dies eine Beschönigung. Nimmt man die Massstäbe aus dem Alltag eines normalen Erdenbürgers als Vergleichswert, fallen Fussballprofis durch alle sozialen Raster. Wer als Fussballer jeden Morgen pünktlich zum Training erscheint, wer weder seine Frau schlägt, noch mit 100 km/h durch die Fussgängerzone rast – wer sogar noch gelegentlich auf seine Kinder aufpasst, kann sich Musterprofi, Charakterkopf oder Führungspersönlichkeit nennen.

Alexander Kerschakow, unlängst Teilzeitarbeitskraft beim FCZ, machte vor, wie es geht: Beim Stellenantritt absolvierte er doch tatsächlich einen einstündigen Dauerlauf mit der Mannschaft – trotz Regen und Kälte. Sein damaliger Trainer Hyypiä war von dieser exemplarischen Arbeitsmoral schwer beeindruckt: «Er wird für uns ein grosses Vorbild sein – auf und neben dem Platz», sagte der Finne. Ein paar Monate später stieg Kerschakow mit dem FCZ sang- und klanglos ab. Hyypiä war seinen Job schon vorher losgeworden.

An einem Marathon würden Fussballer alt aussehen

An der EM in Frankreich beweisen die Fussballer dieses Kontinents aber, dass sie durchaus höheren athletischen und artistischen Ansprüchen genügen. Xherdan Shaqiri etwa, angeblich der talentierteste Schweizer Kicker seit dem Rütlischwur, erzielte im Achtelfinale gegen Polen nicht nur ein Tor für die Youtube-Geschichte. Er gehört gemäss Uefa-Statistiken auch zu den sprintschnellsten Spielern des Turniers. Gegen Frankreich erreichte er einen Spitzenwert von 31,4 Stundenkilometern. Zum Vergleich: 100-Meter-Weltrekordhalter Usain Bolt wurde bei seinem explosivsten Start 2009 in Manchester mit 41,0 km/h gemessen.

Ob Shaqiri aber der geeignete Partner für einen Waldlauf auf höherer Belastungsstufe wäre, ist eher zweifelhaft. Sein Verhältnis von Körpergrösse (169 cm) und Gewicht (72 kg) ist weiter vom Ideal entfernt als die Schweiz vom Gewinn des EM-Titels. Fish and Chips scheinen dem England-Söldner näher zu liegen als Zusatzschichten im Kraftraum. Gemäss einer englischen Studie gehört Shaqiri zu jenen Premier-League-Profis, die zu viele Kilos auf den Platz schleppen.

Der Kritisierte dementierte umgehend und erklärte, dass es sich bei den überschüssigen Pfunden um reine Muskelmasse handelt. Als ihm im Vorbereitungsspiel gegen Belgien das Trikot raufrutschte, sah man allerdings eher ein paar Speckröllchen als einen Waschbrettbauch.

So oder so. In der Uefa-Statistik der laufstärksten Spieler fehlt Shaqiris Name. Der Marathonmann der Euro ist bisher der Italiener Marco Parolo. Er spulte gegen Belgien 12,570 Kilometer ab. Von den Spielern mit Schweizer Bezug kann der albanischstämmige Winterthurer Amir Abrashi mit 12,143 km gegen die Schweiz am besten mithalten.

Als Vorbilder für ambitionierte Hobbyläufer eignen sich Fussballstars aber trotzdem nicht. Parolos Durchschnittsgeschwindigkeit bei seinem Rekordspiel gegen Belgien betrug 8,38 km/h. Der Vergleichswert aus dem letztjährigen London-Marathon für einen Läufer, der die 42,195 Kilometer in der durchschnittlichen Endzeit von 4:04:23 absolvierte, lag bei 10,35 km/h. Mit anderen Worten: Marco Parolo wäre nach Kontrollschluss ins Ziel gekommen.

thomas_renggli*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger, Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).

3 Kommentare zu «Sprinten mit Shaqiri, joggen mit Abrashi»

  • Daniel Keller sagt:

    Ich wundere mich ja auch öfters, wenn die Fussballer nach 70 Min. schon erste Krampferscheinungen zeigen. Aber die Rechnung von Thomas Renggli ist etwas gar banal; wenn man berücksichtigt, dass etwa ¼ bis ⅓ der Spieldauer von 90 Min. durch Unterbrüche wegfällt, ergibt sich für Parolo ein Tempo von gut 5 Min./km. Für einen Läufer nichts spektakuläres, aber die wechselnden Tempi und die Tatsache, dass man nebst Rumrennen auch noch ein wenig Fussball spielen sollte, stellt die Sache doch schon in ein anderes Licht.

    • Mark Carrier sagt:

      Der Vergleich hinkt tatsächlich, ändert aber nichts daran, dass trotz der massiv gestiegenen körperlichen Intensität des Fussballs in den letzten 10-15 Jahren viele Protagonisten immer noch einen relativ bescheidenen Aufwand betreiben, verglichen mit Ausdauersportlern. Und dementsprechend fragt sich der Zuschauer dann auch, ob aus Spieler XY nicht mehr gewordern wäre, wenn er öfters den Kraftraum der Diskothek vorgezogen hätte.

  • Roger sagt:

    Ich finde diesen Artikel sehr oberflächlich. Dieser Vergleich sagt nahezu gar nichts aus. Ein Fussballer absolviert zwar eher wenige Kilometer, diese aber abwechselnd im Vollsprint, seitwärts, rückwärts und mit dem Ball am Fuss. Gleichzeitig muss er noch Gegen- und Mitspieler im Auge behalten. Unter diesen Gesichtspunkten sind 12km höchst beachtlich. Das wäre für selbst für gute Marathonläufer kaum machbar. Von den läuferischen Anforderungen her sind Fussballer wohl am ehesten mit Sprintern, allenfalls noch mit kürzeren Mittelstrecklern vergleichbar. Gleichzeitig brauchen sie aber genügend Ausdauer, um über 90 Minuten leistungsfähig zu bleiben. Das ist ziemlich komplex. Ich habe jedenfalls grossen Respekt vor diesen Leistungen.

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