Zermatt & Co. setzen auf Biker


Erst der späte Schneefall im Winter, dann der verregnete Frühsommer – die Wetterkapriolen haben so manche Tour oder sogar die Urlaubspläne vermiest. Das bekommen auch die Tourismusorte in den Schweizer Bergregionen zu spüren – die Nachfrage sinkt. Hinzu kommt der starke Franken. Also müssen neue Konzepte her. Immer mehr Destinationen sehen den Mountainbiker als Chance, den Sommertourismus zu stärken. Zum Glück, kann man sagen. Oder: erst jetzt? «Viele erkennen die Potenziale – aber noch nicht die meisten», meint Darco Cazin, Gründer von Allegra Tourismus. «Es gibt sehr viele gute Entwicklungen, aber aus unserer Sicht steht man in der Schweiz noch immer am Anfang.»

Trails plus Services

Als Cazin vor 13 Jahren als Berater anfing, war er nur im Ausland tätig. Livigno, heute eine profilierte und beliebte Bike-Destination, war sein erstes Projekt. «In der Schweiz galt ich damals als Freak.» Das änderte sich, als 2008 erst Engadin St. Moritz und 2009 ganz Graubünden eine Mountainbike-Strategie erstellten. «Etablierte Bike-Destinationen fungieren als Vorbild, andere ziehen nach. Ihr Erfolg schwächt die Argumente der Kritiker», fügt Adrian Greiner, Geschäftsführer der Bike-Plan AG, hinzu. Mit seinem Planerteam ist er in der Destinationsentwicklung tätig, u. a. in seiner Wahlheimat Wallis.

Was macht eine Bike-Destination aus? «In erster Linie, dass es Biker gibt», antwortet Cazin. Klingt simpel, aber: Biker fahren dorthin, wo es Trails gibt. Wo sie Natur erleben können. Wo sie eine Unterkunft finden, in der man nicht nur nichts dagegen hat, dass jeder Gast auch noch sein zweirädriges Schätzchen mitbringt, sondern möglichst auch noch abschliessbare Bike-Räume und Waschplätze vorhanden sind. Wo man nicht nur aus eigener Muskelkraft, sondern auf Wunsch auch mit der Bahn oder einem Shuttle zu den hoch gelegenen Ausgangspunkten schöner Touren gelangt. Wo man wahlweise auf eigene Faust oder mit lokalen Guides unterwegs sein kann. Und eine gute Stimmung herrscht, in der man sich wohlfühlt.

Bottom-up

«Eine Destination soll als Ganzes entwickelt werden», sagt Greiner. «Das bedeutet auch, ihre Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale zu erkennen und zu nutzen. Es bringt nichts, ein Image zu kreieren, das nicht zur Destination passt.» Soll heissen: Eine Region, die für Tourenfahrer interessant ist, ist nicht zwangsläufig auch der beste Ort für Enduristen oder Downhiller. Meistens sind die Tourismusorte selbst die treibende Kraft und kommen auf Beratungsdienstleister wie Allegra Tourismus oder Bike-Plan zu. Die Büros kennen die Gesetzeslage und verstehen sich auch als Mediator für die unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Sie analysieren, beraten und koordinieren, langfristig sollen sich die Destinationen aber selbst tragen. Essenziell sei es, lokale Trailbauteams einzubinden und zu schulen. «Sie müssen das entsprechende Know-how haben und mit Leidenschaft bei der Sache sein», so Cazin.

Eine professionelle Planung trägt dazu bei, mögliche Nutzungskonflikte zu minimieren. «Die Interessen der Wandernden müssen von Anfang an miteinbezogen werden», sagt Sybille Schär vom Dachverband Schweizer Wanderwege. «Wir orientieren uns grundsätzlich am «Koexistenzpapier», welches die gemeinsame Position verschiedener Interessengruppen bezüglich der Nutzung von Wanderwegen darlegt. Auf Wanderwegen muss jedoch immer sichergestellt werden, dass Wanderer nicht gefährdet werden.»

Angebot statt Verbot

Cazin und Greiner ist es wichtig, nicht über Verbote, sondern Angebote zu lenken. «Wenn man Trails anbietet, die mehr Spass machen, werden sie gegenüber den Hauptwanderwegen bevorzugt», sagt Greiner. Und: «Die Zukunft liegt in der Breite – es geht nicht darum, hier und da mal eine Downhillstrecke zu haben, sondern Trails für jeden Anspruch. Ein gut geplanter und gut gebauter, flowiger Trail ist ausserdem langfristig viel günstiger im Unterhalt und hat ein wesentlich höheres Kanalisierungspotenzial.»

Was denken Sie – ist die Schweiz, was die (professionelle) Entwicklung von Bike-Destinationen angeht, Vorbild oder viel zu spät dran? Nutzen Sie die entsprechenden Services vor Ort? Welche Angebote sind Ihnen in einer Bike-Destination besonders wichtig?

6 Kommentare zu «Zermatt & Co. setzen auf Biker»

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich finde es gut, dass etwas geht in diese Richtung.
    Ferien in der Schweiz mit dem MTB und Zelt im Bündnerland oder Wallis? Sehe ich kommen.

  • Martin Rossel sagt:

    So sei es! Herzlich willkommen in Leukerbad! Herzlich willkommen im Quellenhof! Sicher einiges noch in den Kinderschuhen – aber wunderschön, noch nicht „überlaufen“ und vorallem unglaublich abwechslungsreich. Vom Naturpark Pfynwald, dann Rebberge, „verbrannter Wald“ hoch auf über 2300 m und dann noch im Thermalwasser entspannen! Was willt meh?

  • Erika sagt:

    Ich kann mich in Bellwald nicht beklagen! Noch praktisch keine Verbotsschilder und super Trails die im Frühling menschenleer sind, super! Rücksicht heisst auch hier das Zauberwort :-)
    Beidseitig!!! Und es klappt. Danke an alle.

  • bruno kienast sagt:

    Ich staune immer wieder über solche Koexitenzpapiere und Richtungspapiere gut gedacht, nur halten sich die wenigsten daran… Niemand Kontrolliert, – die Biker und allenfalls die Wanderer . Es gibt keine Bussen und Strafen… und mit dem Goodwill der Rücksichtsnahme steht es auf beiden Seiten nicht zum besten.

  • peter wichtig sagt:

    haha zum glück haben wir jetzt noch mehr theoretiker, wo theoretisch alles super klappt. die geniale strategie von bikeplan sieht in realität in zermatt etwas anders aus: schritt nr.1. biketransport auf den gornergrat wird verboten und ist erst ab nachmittag erlaubt. bravo!

  • Ali Nalbant sagt:

    Zitat: Essenziell sei es, lokale Trailbauteams einzubinden und zu schulen.

    In Zermatt liegen auf dem markierten Mountainbikeweg von Schwarzsee herunter 20 cm breite Wasserrinnen, die zusätzlich noch mit Holzbrettern abgestützt sind, mit messerscharfen Kanten!!! Letzten Herbst habe ich dort an beiden Rädern einen Platten gehabt!

    Ich frage mich, wer solche Velofallen baut, und nachher für Radtourismus wirbt. Da gibt es wirklich viel Verbesserungspotential.

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