Die Gelenkprüfung

Diese Woche auf die Silberen im Pragelpass-Gebiet (SZ/GL)


Man muss auf der Silberen, dieser berühmten Kalkwüste, gewesen sein, doch stellt sie Leute ohne Auto vor ein Problem: Optimaler Startpunkt für die anstrengende Tour ist die Pragelpasshöhe. Ein Postauto dort hinauf gibt es nicht.

Die Lösung heisst Heinz Schelbert und stand mit dem Kleinbus in Muotathal bereit, als wir ankamen. Schelberts Pragel-Garage bietet Taxifahrten auf den Pass an. Wir unterhielten uns gut, während wir hinaufkurvten; unser Chauffeur erzählte von den strengen Wintern, vom Urwald der Bödmeren und von den Kindern, die er zur Schule fährt.

Vorsicht, Löcher

Ein tiefblauer Himmel empfing uns auf dem Pass, wir strahlen gleich selber. Die Hochfläche der Silberen hatten wir nun direkt vor uns. Unser Plan war es, sie in einem weiten Bogen von hinten zu erobern. Via Chalberloch, Zingel, Ruch-Tritt gewannen wir Höhe, der Kalk wurde immer dominanter. Der zerfurchte, zerklüftete, durchlöcherte Grund setzte uns zu: Bei jedem Schritt muss man Vorsicht üben.

Weiter gegen den Gipfel zu wurde es besser, mancherorts bildete der Kalk komfortable Platten. Dann waren wir oben auf 2318 Metern. Die Silberen, eine weite Kuppe, ist ein perfekter Lagerplatz für müde Leute. Rundum hatte es Berge, wir fühlten uns wie Adler. Dazu passte das Greifvogel-Denkmal einer Fliegerstaffel, dessen Sinn ich allerdings nicht ganz begriff.

Der Abstieg war hart. Gegen Butzen hinab war der Kalk in den verfarnten Passagen feucht und glitschig. Mich haute es einmal auf den Hintern, Peider ebenfalls; keine Ahnung, wie sich Ronja weiter vorne hielt, sie war mit ihrer unmenschlichen Fitness wieder einmal davongeeilt.

Beim Alpgebäude von Butzen tranken wir Wasser und ruhten. Mit einem 30-minütigen Effort hinüber zum Ausgangspunkt hätten wir die Unternehmung beenden können. Bloss hatten wir uns bei Herrn Schelbert abgemeldet. Auch fanden wir den Tag zu schön, um Schluss zu machen. Wir entschieden, hinüber und hinab zur Richisau weiterzuwandern.

Glückliche Sau

Via Biet zogen wir vorwärts, es ging wieder aufwärts. Schliesslich das Alpeli. Der Älpler hatte einen Gästetisch. Vier Deutsche sassen da, tranken Kafi mit Schnaps, die Flasche stand zur Selbstbedienung auf dem Tisch. Auch wir griffen zu, gsprächleten, schauten den Sauen zu, die frei herumliefen; die eine hatte sich im Dreck eingegraben, nur die Schnauze schaute heraus. Was für ein zufriedenes Vieh.

Der Senn hatte uns noch gewarnt, nicht die Direttissima via Ober Gampel zu nehmen, sondern via Chälen zu gehen. Wir wussten es besser. Bald fanden wir uns in einem Steilhang, er war unglaublich ruppig, der Kalk noch rutschiger als zuvor; an einigen Stellen war der Weg total überwachsen. Diese 600 Höhenmeter abwärts: etwas vom Heikelsten, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Eine Gelenkprüfung. Ein paar Hochlandrinder beglotzten uns. Sicher dachten sie: Idioten!

Unten bei der Richisau zitterten uns die Beine. Es reichte grad für ein Schlussbier, schon kam der letzte Bus hinab nach Glarus. Auf der Fahrt empfand ich weniger Glück als vielmehr Erleichterung. Wir hatten alle die Silberen überstanden, wir waren alle heil.

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Route: Pragelpass, Passhöhe – Chalberloch – Zingel – Ruch Tritt – Twärenen – Silberen, Gipfel – Ochsenstrich – Butzen – Biet – Alpeli – Ober Gampel – Unter Gampel – Richisau.

Sicherheit: Der Wanderweg vom Alpeli in der Direttissima via Ober Gampel zur Pragelstrasse ist brutal steil, glitschig und nicht gut unterhalten. Nur für Leute mit guten Knien und viel Trittkontrolle. Alternative ab Alpeli: Via Chälen zur Pragelstrasse; das ist weiter, aber einfacher. Kürzere Variante ohne Alpeli siehe weiter unten.

Pragel-Taxi: Zum Pragelpass hinauf kommt man mit einem privaten Transporteur, Pragel-Taxi in Muotathal. Rechtzeitig reservieren auf 041 830 11 81. Busse bis 15 Plätze, auch Hunde und Velos werden befördert. Preis je nach Fahrzeug und Passagierzahl. Beispiel: Bei 5 Leuten ab Muotathal bis zur Passhöhe zahlt jeder 13 Franken. Wichtig: Am Wochenende kann das Taxi nicht hinab zur Richisau GL fahren, da die Glarner ihr Stück Passstrasse Sa/So sperren. Jederzeit fahrbar ist der Passabschnitt Richtung Muotathal, also Kanton Schwyz.

Wanderzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 968 Meter auf-, 1409 abwärts.

Wanderkarte: 246 T Klausenpass, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von der Richisau (Restaurant) zum Bahnhof Glarus.

Kürzer: Ab Butzen in einer halben Stunde zum Pragelpass. Mit dem Pragel-Taxi wieder hinab nach Muotathal. Diese Variante braucht 4 1/2 Stunden (je 880 Meter auf und ab).

Charakter: Spektakuläres und strapaziöses Wandern im Schrattenkalk. Vielerorts ist die Unterlage Kalk, der keine ebenen Trittflächen bietet, sondern gerundete Oberflächen mit Löchern dazwischen. Ohne gute Schuhe und Kondition geht gar nichts. Aussichtsreich in der Höhe, wild, grosse Vegetation. Ein Klassiker.

Höhepunkte: Die Ankunft auf dem Pragelpass. Das Gipfelkreuz der Silberen mit dem Rundumpanorama, die Rast auf dem weiten Plateau. Der Anblick des Klöntalersees vom Alpeli.

Kinder: Muss man beaufsichtigen!

Hund: Der scharfe Schrattenkalk macht Hundepfoten zu schaffen.

Einkehr: Am Anfang (Alpwirtschaft auf dem Pass, im Sommer täglich offen) und am Schluss (Richisau, bis Saisonende täglich offen; hier kann man auch übernachten). Sonst nur im Alpeli, wenn der Älpler da ist.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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