Der Trick mit dem Plastikmänteli

Diese Woche von Bad Ragaz zur Tamina-Thermalquelle und nach Valens (SG)

Das Portugiesenmädchen ging an der Hand des Vaters. Vier oder fünfjährig, nackte nasse Füsse in Sandalen, das Kleidchen klatschnass, die Haare ebenfalls. Es tropfte und strahlte. So war das kürzlich am Drehkreuz zur Taminaschlucht, die Portugiesen kamen heraus, wir wollten hinein.

Unsere Tour hatte gut zwei Stunden zuvor am Bahnhof von Bad Ragaz begonnen, wo wir den Schluchtenbus sahen, wie das Postauto durchs Badtobel zum alten Bad Pfäfers heisst. Wir gingen zu Fuss, Ehrensache. Auf dem Weg nach Bad Ragaz hinein erblickten wir die Jesusstatue auf dem Guschakopf. Eine Kopie derjenigen von Rio de Janeiro, elf Meter hoch, aufgestellt für eine Kunstaktion. Bleiben darf der Jesus nicht; möglicherweise kommt er aber ins nahe Pfäfers.

Geologiekino Badtobel

Wir betraten das Badtobel, den Schlitz der Tamina. Auf dem Natursträsschen flanierte es sich herrlich, eine Art Geologiekino war das mit turmhohen Fluhen. Irgendwann unterquerten wir die neue, noch nicht ganz fertiggestellte Autobrücke von Pfäfers nach Valens. Derzeit führt die Strasse zum Kurort Valens noch durch einen prekären Rutschhang.

Endlich das alte Bad Pfäfers, ein restaurierter Barockbau. Statt in den Selbstbedienungskiosk gingen wir in den Speisesaal und bestellten Kaffee und Kuchen. Von den Wänden schauten Dichter, Naturforscher, Staatsmänner auf uns herab. Alles ehemalige Badegäste. Rainer Maria Rilke sagte einst über den Ort: «Hiersein ist herrlich.»

Nach der Einkehr besichtigten wir das Haus, das mit seinen Steinfluren und der Kapelle an ein Kloster gemahnt. Im Untergeschoss Badewannen des 19. Jahrhunderts, in den Boden eingetieft, die Fliesen abgewetzt.

Dann zwei Gehminuten entfernt die Taminaschlucht. Am Drehkreuz warfen wir jeder einen Fünfliber ein. Traten ein. Zogen die Gratis-Plastikmänteli über, die wir uns am Kiosk besorgt hatten; die Portugiesen hatten das wohl versäumt.

Tosendes, rasendes, schiessendes Wasser. Stege und Stollen und ab und zu ein verirrter Sonnenstrahl: So war die Schlucht. Irgendwann wurde es wärmer – die Thermalquelle. Meine Brillengläser waren totalbeschlagen. Ich nahm die Brille ab, beschaute mir das aus dem Berg kommende Wasser. Bei dem ausgestellten Holzteil handelte es sich um ein Stück der ersten Leitung von 1840, durch die das Wasser hinab nach Ragaz geführt wurde, das zum europaweit gefeierten Kurort aufstieg und sich zu «Bad Ragaz» umtaufte.

Todesangst in der Schlucht

Wieder draussen, nahmen wir vom Bad den Weg hinauf nach Valens. Ein Stück weiter oben machten wir einen Abstecher praktisch der Höhenlinie entlang zur Naturbrücke und nahmen gleich ein älteres  amerikanisches Touristenpaar mit. Die Naturbrücke über der Thermalquelle entstand wohl, indem Felsbrocken die Schlucht verschütteten. Eine Illustration zeigte, wie im Mittelalter Mönche des Klosters Pfäfers Badegäste mit Seilzügen abseilten. Die Gäste litten Todesangst.

Indem wir vollends nach Valens aufstiegen, entkamen wir dem Schattenreich. Die Sonne beschien uns grosszügig, die Berge gleissten, der Ausflug ins Dunkel schien nunmehr wie ein Traum. Ein schöner Traum, versteht sich.

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Route: Bad Ragaz, SBB – Bad Ragaz, Dorf – Badtobel – Altes Bad Pfäfers – Thermalquelle (Eingang 100 Meter nach dem Alten Bad, Drehkreuz) – Altes Bad Pfäfers – Weg nach Valens – Abstecher zur Naturbrücke und retour – Valens, Dorf – Valens, Post.

Wanderzeit: 3 Stunden samt Besichtigung der Thermalquelle.

Höhendifferenz: 590 Meter auf-, 170 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt und 247 T Sardona, 1:50’000

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Bus von Valens, Post nach Bad Ragaz, Dorf und Bad Ragaz, SBB.

Kürzer: Nach der Besichtigung der Tamina-Thermalquelle per Schluchtenbus vom alten Bad Pfäfers hinab nach Bad Ragaz. Eine Stunde weniger.

Charakter: Kurz und spektakulär, ein Feuerwerk der Sinneseindrücke. Hartbelag nur am Anfang und am Schluss. Schön auch bei Regen.

Höhepunkte: Der Eintritt ins Badtobel. Die alten Badewannen im Boden im Untergeschoss des alten Bades Pfäfers. Die gewaltige Taminaschlucht. Die Thermalquelle.

Kinder: Perfekt. In der Taminaschlucht muss man sie aber beaufsichtigen.

Hund: Ab dem Drehkreuz sind in der Taminaschlucht Hunde verboten.

Einkehr: Bad Ragaz und Valens. Im alten Bad Pfäfers kann man gediegen tafeln, es gibt aber auch einen Selbstbedienungskiosk mit zugehöriger Gartenterrasse. Täglich geöffnet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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