Dörferhüpfen auf der
Strada Alta

Diese Woche das oberste Drittel der Strada Alta ab Airolo (TI)


Tessiner Dörfer sind schon durch ihre Namen Poesie. Madrano, Brugnasco, Altanca, Cresta di Sopra, Ronco, Deggio, Lurengo, Freggio, Osco, Mairengo: Klingt das nicht unnachahmlich?

Ich kam durch diese Flecken an meinem Tag auf dem obersten Abschnitt der Strada Alta. Jeder war ein wenig anders, und doch hatten sie vieles gemein: eine Portion Trautheit durch die Gedrängtheit ihrer Häuser am Hang. Eine ebenso grosse Portion Traurigkeit oder doch Wehmut angesichts des Schwundes an Menschen und Leben in den letzten Jahrzehnten. Weitsicht das Tal hinab und auf die schneebedeckten Berge. Und immer wieder passierte ich ein Kirchlein aus kristallinem Stein.

45 Kilometer Panoramaweg

Strada Alta, so nennt sich der ostseitige Höhenweg die Leventina hinab; er beginnt in Airolo und zieht sich, immer in pfleglichem Abstand zum geschäftigen Talgrund mit Bahn und Strasse, bis Biasca. 45 Kilometer sind das. Manche Abschnitte verlaufen auf Hartbelag, andere muten wild und atemberaubend an; als Ganzes stimmt die Dramaturgie.

Ich machte das erste Drittel der Strada letztes Jahr im fortgeschrittenen November und ging damals ernsthaft davon aus, ich könnte die Route gleich anschliessend in der Zeitung bringen. Doch in derselben Woche kam mit Macht ein Temperatursturz, und so musste ich das Schreiben verschieben.

Nun ist wieder Strada-Alta-Saison, ich möchte in den nächsten Monaten alle drei Etappen einzeln präsentieren. Heute also Etappe eins. Sie begann in Airolo bei blitzendem Morgenlicht. Ich hielt aus dem Dorf, kam nach Valle; von links oben, aus dem Val Canaria, zog sich ein Tobel hinab. Es war das erste, das zu queren war; schwierig war das nicht. Bald darauf gönnte ich mir in Brugnasco einen Kaffee. «Tazza grande?», wurde ich wie jeder Deutschschweizer gefragt. «Ja», nickte ich, denn ich wollte keinen Espresso, der bei den Tessinern bekanntlich lapidar «caffè» heisst.

Nach der Rast ging das Dörferhüpfen weiter, es würde keinen Sinn ergeben, davon linear zu erzählen. Sagen wir zusammenfassend, dass bis Lurengo alles gesittet verlief: Da war etwas viel Hartbelag, aber gleichzeitig sah ich weit in den Süden und auf die verschneiten Berge. Und es gab auch Abschnitte im Wald und durch Wiesen. Ab und zu sah ich unten die Autobahn und dachte: Arme Raser, ihr verpasst bei eurer Geschwindigkeit das Wesentliche.

Schauerliche Flühe

Nach Lurengo änderte sich alles. Die nächste halbe Stunde war Abenteuer. Der Weg zog in den Bosco d’Öss, einen verzauberten Wald. Steinplatten führten den Steilhang hinab, ich freute mich, dass der Boden trocken, also nicht rutschig war, und kam – stets in gutem Abstand – an schauerlichen Senkrechtflühen vorbei.

In Freggio beruhigte sich alles. Ich stieg, wieder auf einem Strässchen, nach Osco auf, Ende der eigentlichen Tagesetappe. Allerdings war ich zu freudig erregt von der Unternehmung, um anderthalb Stunden auf den Bus zu warten. Ich beschloss, bald wieder nach Osco zu kommen für die zweite Etappe, und stieg in weniger als einer Stunde ab ins verschattete Faido. So war das letzten Herbst auf der Strada Alta.

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Route: Airolo, Bahnhof – Valle – Madrano – Brugnasco – Altanca – Cresta di Sopra – Ronco – Deggio – Lurengo – Bosco d’Öss – Freggio – Osco – Mairengo – Faido Bahnhof.

Wanderzeit: 6 Stunden.

Höhendifferenz: 754 Meter auf-, 1079 abwärts.

Kürzer: Wer in Osco aufhört und das Postauto nach Faido nimmt, braucht 45 Minuten weniger und spart 400 Abwärtsmeter.

Wanderkarte: 266 T Valle Leventina, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Längere Abschnitte auf Hartbelag. Im Kontrast ein wildes Stück nach Lurengo im Bosco d’Öss auf Steinplatten im Steilwald. Aussichts- und abwechslungsreich mit charaktervollen Kirchen.

Höhepunkte: Die Unterquerung der ultrasteilen Ritom-Standseilbahn kurz vor Altanca. Das fulminante Wegstück durch den steilen Bosco d’Öss. Die Rast in Osco.

Kinder: Keine Probleme. Doch Vorsicht im Bosco d’Öss! Der Pfad ist nicht ausgesetzt, führt aber an senkrechten Flühen vorbei.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: In einigen Dörfern. Zum Beispiel: Bar Sole in Brugnasco. Osteria Altanca in Altanca. La Campagnola in Deggio. Osteria Salzi und Ristorante Marti in Osco.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

Neuerscheinung: Ausflugsführer «Schweizer Wunder» von Thomas Widmer mit Ausflügen zu 184 staunenswerten und kuriosen Dingen im Land. Echtzeit-Verlag, 27 Franken.

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3 Kommentare zu «Dörferhüpfen auf der
Strada Alta»

  • Hofmann Béatrice sagt:

    Weissenstein: Wir wollten am Do. 6.10. im Hofbergli den von Ihnen im Wander-
    beschrieb gelobten Hacken essen. Welch eine Enttäuschung: Es gibt ihn nur auf
    Vorbestellung. Diese wichtige Tatsache fehlte in Ihrer Beschreibung. Die Wirtin sagte uns auch, wir seien nicht die ersten enttäuschten Wanderer. Bitte holen Sie doch dies in einer Ihrer nächsten Wanderbeschreibungen als PS nach.
    Herzlichen Dank. B. Hofmann, Herrliberg

  • Peter Steiner sagt:

    Warum ich diesen Weg nicht mehr machen würde:
    Die Wanderung entlang der Hochspannungsleitung.
    Der Dauerlärm der Autobahn von unten.
    Die vielen Temporär-Ferienhäusler (ist das das Tessin ?).
    Die unfreundliche Übernachtung in Osco.
    Einzig die Etappe Calonico – Sobrio und dann hinüber ins Bleniotal war wirklich sehr schön. Kleiner Tipp: Anschliessend hat mich die Durchwanderung des Bleniotals mehr als entschädigt.

  • dominic sagt:

    auf der rückreise in die nordschweiz sind die züge ab locarno und lugano oft überfüllt. so war es auch vor einer woche am pfingstmontag als ich mit bike ab locarno kam und in biasca die strada-alta wanderer einstiegen, jedoch nur noch im gang platz fanden. vielleicht kann jemand von euch mir helfen die stada-alta bekanntschaft zu finden (Bahnfahrt Biasca-Zürich, St.Galler von Bern sucht Zugerin aus Basel –> https://www.brizzl.de/m/64082 )

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