Wie eine Vision steht das Kloster am Horizont

Diese Woche von Schaffhausen nach Rheinau (SH/ZH/D)

Kürzlich war ich in Schaffhausen verabredet. Weil ich bis zum Treffen noch anderthalb Stunden Zeit hatte, stieg ich auf den Munot. Ich fühlte mich wieder wie damals auf der Schulreise. Und dann stieg ich ab in die Altstadt und merkte, dass der Trutzklotz Munot beileibe nicht das Wichtigste an Schaffhausen ist.

Was mich viel mehr begeisterte, sodass ich unbedingt mit mehr Zeit wiederkommen will, war Allerheiligen, der gewaltige, in der Romanik verwurzelte Klosterkomplex. Das zugehörige Riesenmünster. Der – ebenfalls riesige – Kreuzgang mit dem angegliederten Kräutergarten. Die fünf, wenn ich recht zählte, Kapellen.

Der Stifter zeigt das Modell

Im Münster beschaute ich mir die Kopie der Grabstätte der Nellenburger, jenes Adelsgeschlechtes, das die Anlage im 11. Jahrhundert begründet hatte. Der Herr in der Mitte des Trios auf der Grabplatte ist Graf Eberhard VI. von Nellenburg. Als Stifter hält er stolz ein Modell des Münsters im Arm.

Also, unbedingt nach Schaffhausen gehen und dort auch all die historischen Häuser in der Altstadt anschauen. Zum Beispiel das Haus zum grossen Käfig, Vorstadt 43, auf dessen Fassade eine orientalische Triumph- respektive Demütigungsszene aufgemalt ist. Ich will hier gar nicht verraten, was man sieht; man gehe hin und schaue sich die Malerei an.

So. Und wenn man die Stadt besichtigt hat, kann man wandern, diese Kombination ist toll. Der Weg führt vom Bahnhof durch die Altstadt zur und über die Strassenbrücke nach Feuerthalen. Danach laufen wir linksufrig flussabwärts, unterqueren das neue Wahrzeichen Schaffhausens, die N4-Brücke mit dem gekippten Brückenpfeiler aus Beton, geraten bald in den Wald.

Dann Schloss Laufen und der Rheinfall, wer schon wieder besichtigen will, muss zahlen. Zwingend ist das nicht, ein Wanderweg führt am eingehagten Gelände vorbei zum Fluss hinab, und etwas Rheinfall sieht man auch so, bloss gischtet es einem nicht ins Gesicht. Bald darauf kommt der Fussgängersteg in Sicht, der hinüber nach Nohl führt. Wer dort meint, er sei nun in Deutschland, täuscht sich. Der alte Fischerweiler gehört zum Kanton Zürich.

Grossartig die nächsten, rechtsufrigen Wanderkilometer. Bis knapp vor Rheinau gehen wir auf Naturboden meist im Wald. Der Fluss ist endlos breit und hat bisweilen Auen geschaffen, der flache Boden ist je nach Jahreszeit und Wetter überflutet oder knapp trocken. Manche Bäume zeigen Nagespuren von Familie Biber.

Barock zum Schluss

Schliesslich kommt das Kraftwerk Rheinau in Sicht, wir wechseln auf dem Wehr zur linken Seite des Flusses. Geradezu überirdisch, wie sich in einiger Entfernung das Kloster Rheinau auf seiner Insel im Rhein zeigt, licht und hell wie eine Vision steht es am Horizont.

Kommen wir bei dem einstigen Benediktinerkloster an, auf dessen Areal heute Musiker in Ruhe komponieren und spielen können, ist die Wanderung noch nicht fertig. Meine Empfehlung: Vom Kloster zur erhöhten Siedlung aufsteigen – dort fährt der Bus – und auf der anderen Seite wieder zum Rhein hinab, dessen Doppelschlaufe einen immer wieder verwirrt. Bei der alten Holzbrücke hinüber nach Deutschland wurden einst Waren verladen und umgeladen, ein wichtiger Handelsplatz lag dort. Das Restaurant Salmen, 1691 erstmals erwähnt, ist als stilvolles Barockhaus der richtige Ort, um die Wanderung zu beschliessen. Eine Unternehmung, bei der Kultur und Natur, Geschichte und Grün perfekt ausbalanciert sind.
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Tipp: Zuerst eine Schaffhausen-Besichtigung und dann wandern. Für die Ersteigung des Munot und das Anschauen der Altstadt samt Allerheiligen-Münster braucht man im Minimum zwei Stunden.

Route (ohne Stadtbesichtigung): Schaffhausen, Bahnhof – durch die Altstadt zum Rhein – über die Brücke nach Feuerthalen – linksufriger Flussweg – Schloss Laufen/Rheinfall (Umgehung, wer den Rheinfall besichtigen will, muss Eintritt bezahlen) – Brücke bei Nohl – rechtsufriger Flussweg – beim Kraftwerk Rheinau über das Wehr – Kloster Rheinau – Dorf Rheinau – Salmen-Holzbrücke (wegen des Restaurants). Das Postauto fährt oben im Dorf Rheinau, wir müssen also am Schluss von der Holzbrücke wieder hinauf.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 133 Meter auf-, 169 abwärts.

Nicht vergessen: Ein Teil der Wanderung verläuft auf deutschem Boden. ID oder Pass mitnehmen!

Wanderkarte: Am besten eignet sich die Kümmerly+Frey-Karte «Schaffhausen–Winterthur» 1:60’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Postauto von der Rheinau zur S-Bahn-Station Marthalen.

Charakter: Zuerst städtisch. Dann erstaunlich viel Naturnähe und Weichbelag. Idyllische Passagen am Rhein vor allem nach Nohl.

Höhepunkte: Schaffhausens Altstadt. Der Rheinfall. Die Stille später am deutschen Ufer. Der überirdische erste Anblick der Rheinau von ferne.

Kinder: Keine Probleme. Allerdings muss man sie auf den Uferpassagen beaufsichtigen, der Rhein ist wie jeder grosse Fluss gefährlich.

Hund: Perfekt.

Einkehr: Einige Möglichkeiten. Gasthaus zum Salmen am Schluss in Rheinau. Di/Mi Ruhetag, am Sonntag durchgehend warme Küche.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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2 Kommentare zu «Wie eine Vision steht das Kloster am Horizont»

  • Peter Nussbaumer sagt:

    Warum ist es eigentlich nicht möglich, die Wanderkarte – so wie sie in der Zeitung erscheint – IMMER und ohne Ausnahme als letztes Bild einzufügen?

  • Michi sagt:

    Schöne Route, tatsächlich. Der rechtsufrige Weg zwischen Nohl und Rheinau war am 12. März 2016 auf einem Abschnitt gesperrt infolge Hangrutschungen. Ist der jetzt wieder offen?

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