Thurgauer Leistenbruch

Diese Woche von Sulgen auf den Ottenberg und via Bommer Weiher nach Kreuzlingen (TG)

Es war einfach noch nicht richtig Frühling, das Wiesland von schwächlichem Grün, als wir von Sulgen nach Kreuzlingen gingen. Etwas kraftlos erschien uns die Landschaft deswegen. Und doch wurde es eine gute, sogar sehr gute Wanderung.

Warum? Weil wir viel sahen und erlebten. Und weil bei den Jahreszeiten auch das Dazwischen reizvoll ist. Die kleinen Schneeflecken etwa zwischen den Primeln auf dem Ottenberg.

Sulgens Bahnhofsgegend fanden wir zu Beginn öd. Etwas höher kam der Ortskern mit seinen Riegelbauten, der war schön, alles wieder gut. Dann jenes flache Land, in dem wir vor der Mittagsrast zu grossen Stücken wandern würden; der Thurgau ist der Kanton der weiten Horizonte.

Wer kennt Caroline Farner?

Wir passierten Leimbach, wir passierten Guntershausen. Dort, hatte ich auf Wikipedia gelesen, wurde 1842 Caroline Farner geboren, die erste allgemein praktizierende Ärztin der Schweiz. In Zürich hatte sie ihre Praxis und trat ganz allgemein für mehr Rechte für Frauen ein. Man behandelte sie deswegen als Unperson, erst noch lebte sie mit einer Frau. Eine Rufmordkampagne gipfelte 1893 in einem Prozess wegen Veruntreuung. Farner wurde freigesprochen, zog sich aber aus der Öffentlichkeit zurück. 1913 starb sie.

Uff. Und nun zurück zur Wanderung. Der vorbeigleitende Zug lenkte uns bald ab respektive die kuriose Schlinge, die unser Wanderweg vor dem Dorf Berg von den Schienen weg und wieder zu den Schienen zurück vollzog. An eine Darmschlaufe erinnert, taufte ich das Wegstück «Leistenbruch».

Nach Berg machten wir uns an den Ottenberg, den Hausberg Weinfeldens, der Aufstieg war anstrengend. Oben ein Restaurant, in dem ich reserviert hatte, was sich als schlau erwies. Es war recht voll. Mein Kalbsschnitzel mit Gemüse war gut, bloss etwas passte mir nicht. Die Morchelsauce morchelte nicht.

Die zweite Hälfte der Wanderung begann. Wir stiegen ab, sahen bald von oben in eine Geländegrube mit winzigen Tümpeln. Hörte ich Frösche quaken oder war es eine Illusion? Hernach der Weiler Ufhüüsere und einige Zeit später die Tütschemüli. Nun rätselten wir: Würden wir auf dem Weg nach Ellighausen wohl am Anwesen des Formel-eins-Rennfahrers Sebastian Vettel vorbeikommen?

Vettel im Abseits

Per iPhone begab ich mich ins Internet. Ich fand heraus, dass Vettels Gut «Neumühle» hiess und etwas westlich unseres Weges lag. Mir war das letztlich egal, ich verabscheue Autorennen und Autorennfahrer; ein Wanderer mag kein Bolidenröhren.

Ellighausen, ein Schwenk nach rechts, schon langten wir bei den Bommer Weihern an. Sie sind ein Schmuckstück des Thurgaus. Recht einsam liegen sie und sind von Ried umstanden, Pro Natura ist Mitbesitzerin. Ob wohl der Vettel mit dem Velo hinfährt und der Stille lauscht, sinnierte ich.

Sanft begann es zu regnen. Uns war das gleich, denn nach Kreuzlingen war es nicht mehr weit. Durch den Wald hielten wir lange geradeaus, kamen an einem Bunker vorbei, der an den letzten Weltkrieg erinnerte. Gleich danach ging es abwärts mit uns, Kreuzlingen begann und die Wanderung endete kurz darauf mit einem Schlussbier im Restaurant Bahnhof.
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Route: Sulgen Bahnhof – Leimbach – Guntershausen – Lantershof – Berg – Ottenberg/Alp – Ottenberg/Stelzenhof – Ufhüüsere – Ellighausen – Bommer Weiher – Kreuzlingen, Bahnhof.

Wanderzeit: 5 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 438 Meter auf-, 483 abwärts.

Wanderkarte: Am übersichtlichsten ist die Wanderkarte von Kümmerly+Frey «Thurgau-Bodensee» 1:60’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: Nur knapp vier Stunden braucht, wer die Wanderung anders beginnt: von Weinfelden aus direkt auf den Ottenberg zum Stelzenhof (danach weiter wie in der Hauptvariante).

Charakter: Viel weites Land im Frühlingserwachen. Einige Stücke auf Hartbelag, dafür auch besonders idyllische Flecken. Als Ganzes anstrengend mit doch einigen Steigungen.

Höhepunkte: Der Blick vom Ottenberg. Die idyllische Biotop-Grube am Nordhang des Ottenbergs. Die lauschigen Bommer Weiher.

Kinder: Gut machbar.

Hund: Gut machbar.

Einkehr: In den Dörfern. Stelzenhof auf dem Ottenberg: Kein Ruhetag. Reservieren! Hunde nicht gestattet.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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2 Kommentare zu «Thurgauer Leistenbruch»

  • Toni Amstad sagt:

    Ich habe die Beschreibung der Wanderung auch gelesen, mit Vergnügen übrigens, aber in meinem Text kam keinerlei Kommentar gegen Vettel vor. Hatten Sie, Wolfgang, einen anderen Text? In meiner Zeitungsausgabe sagte der Autor nur, dass er kein Freund von Autorennen ist. Und für diese Haltung gibt es nun wirklich gute Gründe.

  • Wolfgang sagt:

    Ihr Kommentar gegen den Formel-eins-Rennfahrers Sebastian Vettel ist einfach daneben. Auch ich wandere sehr gerne, aber solch einen Kommentar würde ich nicht abgeben. Leben und leben lassen…. und keinen Moralapostel spielen

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