Texmex statt Rösti

Diese Woche von Arbon nach Roggwil TG

Der Hafen, die Möwen, der Bodensee und gegenüber Deutschland als matte Uferlinie. Mein Wandertag begann gegen neun Uhr in Arbon so wunderschön, dass ich gar nicht wandern wollte. Einfach nur zu verweilen, hätte mir mindestens ebenso sehr gefallen. Aber natürlich weiss man ab einem gewissen Alter, wie man sich motiviert. Ich nahm mir vor, am Ende in Roggwil zu essen. Die Aussicht auf etwas Feines war mein Treibstoff.

Bevor ich von der Route erzähle, etwas zum Startort. Die früheste belegte Form des Ortsnamens ist lateinisch: «Arbor Felix». Glücklicher Baum. So hiessen im Alten Rom Bäume, die einen Blitzschlag überlebt hatten. Die «Flamines», eine weitverzweigte Priesterkaste, vergruben unter solchen Bäumen ihre abgeschnittenen Haare und Fingernägel. Obskur und faszinierend zugleich, der Brauch.

Tote Betten am Bodensee

Vorbei am Denkmal von Industriepionier Adolph Saurer verliess ich Arbon. Das Seemoosriet bot, was der Name heraufbeschwört: sumpfigen Boden, Schilf, Totholz, dümpelnde Enten. Nach dem Strandbad geriet ich auf eine lange Gerade Richtung Egnach. Eine Zeitlang konnte ich nicht direkt am Wasser wandern, alles privat, beneidenswert, die Besitzer dieser Häuser mit Seeanstoss, von denen freilich keiner zu sehen war. Tote Betten gibt es auch am Bodensee.

Kurz vor Egnach verordnete mir der Wanderwegweiser einen Linksschwenk weg vom See. Ich geriet nun in jene Art Landschaft, die man mit dem Thurgau assoziiert: Obstbäume weit und breit. Bei Stocken passierte ich das Riesenareal der Gärtnerei Häberli, die auf Obst- und Beerenpflanzen spezialisiert ist. Was mich, dies nebenbei, bei jedem Blick auf meine Karte subtil ärgerte: die Unsitte, Flurnamen streng phonetisch zu schreiben, «Stogge» für Stocken etwa. Das verschleiert Ursprung und Bedeutung des jeweiligen Wortes.

Freude hatte ich einige Zeit später am Namen des Weilers Burkartsulishaus. In ihm lebt ein Uli Burkart auf ewig weiter. Eine schnelle Einkehr im Burkartshof wäre mir willkommen gewesen. Doch er hatte zu, Ruhetag. Bald darauf freute ich mich schon wieder. In Esserswil, einem der nächsten Weiler, sah ich eine rote Rose. Eine einzelne rote Rose. Wäre es Sommer gewesen, hätte ich sie vielleicht übersehen. Aber jetzt, im Thurgauer Winter, war sie der allerschönste denkbare Schmuck vor all den mattgrünen Wiesen und Brachäckern.

Schon wurde es Mittag. Und Roggwil zeigte sich, unverkennbar markiert durch den Kybun-Tower, ein siloartiges Gewerbegebäude. In ihm haust die Firma Kybun, die eigenwillige Produkte zur Förderung des gesunden Gehens anbietet, etwa ihren Ky-Boot. Ich armer Wanderer kann mir den Markennamen allerdings nie recht merken. Ich denke immer nur: Kyburg.

Der schwankende Schüler

Der letzte Kilometer brach an. Schulkinder auf dem Weg heimwärts kamen mir entgegen, ein Bub fuhr auf einem Velo, das viel zu gross war, er und sein Gefährt schwankten erbärmlich. Und dann kam ich in Roggwil an, das mit einem imposanten Schloss dotiert ist. Und mit Riegelbauten noch und noch. Ein Lokal war schnell entdeckt: Ich fand das Tres Amigos. Und siehe da, es war offen.

Bald sass ich vor meinen Fajitas. Köstlich, eine Wanderung mal nicht mit einer Rösti, sondern mit mexikanischem Essen abzuschliessen. Ich sms-te meinen Redaktionsfreund Sandro an, der viele Jahre für den Tagi aus Mexiko berichtet hatte. Ein knurriges SMS kam zurück. «Das ist nicht mexikanisch», schrieb Sandro, «das ist Texmex.» Okay, okay, Sandro. Gut wars auf jeden Fall!

++

Route: Arbon, Bahnhof – See – Seeweg nach Nordwesten bis knapp vor Egnach – Abzweiger vor Egnach – Buch – Stocken – Burkartsulishaus – Hüslen – Esserswil – Roggwil.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 121 Meter auf-, 83 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Per Bus von «Roggwil, Post» zum Bahnhof Arbon.

Charakter: Schöner, vom Winter weitgehend verschonter Thurgau. Seeufer, dann Obstland. Etwas, aber nicht allzu viel Hartbelag.

Höhepunkte: Der Blick am Anfang über den Bodensee. Das Ried gleich danach. Die Riegelbauten von Roggwil.

Kinder: Bestens geeignet.

Hund: Gute Hunderoute. Aber: Anleinen wegen der Wasservögel!

Einkehr: Am Anfang in Arbon. Burkartshof in Burkartsulishaus: Mo/Di Ruhetag, ganzer Februar geschlossen, 071 477 13 02. Am Schluss in Roggwil: mehrere Möglichkeiten. Zum Beispiel das Tres Amigos. Mexikanisch/Texmex. Jeden Tag offen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

++

5 Kommentare zu «Texmex statt Rösti»

  • Hans Stärkle sagt:

    Sind tote Betten Liegestätten ohne Wanzen? Sonst wären es kalte Betten in Ferienwohnungen..

  • Peter Steiner sagt:

    In allen Jahreszeiten eine schöne Sache. Und Das beste am Schluss: Café Schwarz in Arbon mit vielen süssen Sachen!

  • Marc Heusser sagt:

    Mexikanisches Essen schmeckt tatsächlich viel besser als TexMex :-) Der Unterschied etwa wie Convenience Food und hausgemacht ;-)

  • Dieter Neth sagt:

    Und wenn Sie unter Fajitas etwas in einer grossen Mehltortilla Eingewickeltes bekommen haben, assen sie keine Fajitas sondern ein Burrito! Fajitas ist eine mexikanische Version von Geschnetzeltem. Beide Gerichte sind aus Mexiko. Genauer aus Nordmexiko. Nur weil man sie anderswo auch kennt, etwa in Texas, tut dem keinen Abbruch. Aber ihr Freund Sandro kennt halt nur die Hauptstadt Mexikos. Hauptsache es schmeckte. Allein die Existenz dieses Lokals könnte mich zu einem Ausflug in diese Gegend bringen. Zudem mag ich den Bodensee. Kann man schön mit einer Schifffahrt nach Konstanz verbinden und von dort dann zurück.

  • Gregor Rölli sagt:

    Es hat sich noch ein kleiner Fehler eingeschlichen. Die Wanderkarte ist die Nummer 217 Arbon und nicht 237 Walenstadt.
    Gruss vom schönen Bodensee

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.