Ihr habt ausgelacht, Babys!

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen.

Cherix, Muskelberg Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann Eine Serie in acht Teilen . 25.11.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas)

Bitte nachmachen: Autor Yann Cherix stemmt die Kettlebell. Foto: Urs Jaudas

Ich hatte keine einfache Zeit hinter mir. Mein Lieblingsfussballclub ist Tabellenletzter. Mein Lieblingsfussballtrainer Lucien Favre demissionierte. Und ich selbst setzte mich in der Seniorenliga jüngst öfter, als mir lieb war, mit der harten Sitzgelegenheit auf der Ersatzbank auseinander. Dem nicht genug. Als Dienst an der geschätzten Leserschaft stieg ich auch noch in die Tiefen der Fitnesswelt hinab, um dort von meinen Erfahrungen als schwächlicher Neuling zu berichten.

Sportliches Selbstvertrauen holt man sich in dieser Konstellation keines ab. Wenigstens gewinne ich noch die Pingpongspiele gegen die Bürokolleginnen. Würde mich nicht wundern, wenn sich auch das noch ändern würde. Die Arbeitskollegen meinten grinsend, dass sie froh waren, nicht selbst unter den Gewichten im My Gym zu ächzen. Half mir auch nicht gross weiter.

Wenigstens wurde in den Kommentarspalten auf dem Onlinekanal mein guter Wille wohlwollend zur Kenntnis genommen, es gab aufmunternde Worte. Das half etwas weiter.

Der lieb gewonnene Türke

Doch die Zeit der Tristesse ist nun vorbei. Denn: Ich bin jetzt der 50-Kilo-Mann. So viel Gewicht drücke ich neuerdings auf der Bank jeweils fünfmal hintereinander in die Höhe. Coach Sara Steinmann klatschte bei der Premiere begeistert ab und meinte, dass sich in den letzten sieben Wochen bei mir viel getan habe. Zum Vergleich: Bei meinem ersten Gewichtstemmen an der Langhantel schaffte ich knapp 30 Kilogramm.

Heute, nach vielen nervigen, aber wirksamen Korrekturen des Coachs, stimmt meine Körperspannung, stimmt die Technik. Das zeigt sich insbesondere beim Türken, meinem Favoriten im Fitnessraum. Beim Turkish Get-up geht es darum, am Boden liegend mit einer Kettle­bell in sechs Schritten aufzustehen. Das Gewicht hält man dabei stets mit ausgestrecktem Arm über dem Kopf. Zu Beginn des Projekts quälte ich noch mickrige 8 Kilogramm in die Höhe. Aktuell bin ich bei 20. Doch ich will mehr. Mein Ehrgeiz ist geweckt.

Der Schwächling mit der rosafarbenen Hantel, der von Biberli und Daiquiris träumte, ist verschwunden. Endlich bin ich ein Krieger. Einer, der sich von Kraft und Emotionen nährt, mutig Liegestütze raushaut und selbst die unvorteilhafte Entenfüdlihaltung würdevoll mit grimmiger Miene ausführen kann. Doch der Krieger befindet sich, kaum auferstanden, bereits wieder am Ende. Wir haben Woche sieben, im Rahmen eines Projekts, das auf acht Wochen angelegt ist. Bald wird also Schluss sein. Nächste Woche wird das Ergebnis präsentiert.

Eddy the Eagle der Fitnesswelt

Es wird Antworten auf die Frage geben: Was passiert mit einem durchschnittlich trainierten Mann, der sich während zweier Monate eisern an ein Fitnessprogramm hält? Der sich dem Diktat einer Personal-Trainerin unterwirft und sich gar in den Menüplan dreinreden lässt? Ich kann jetzt schon sagen: Dieser Mann wird vor allem charakterlich gefestigt. Denn er muss sich vieles anhören. Ein Kumpel nannte mich «Eddy the Eagle der Fitnesswelt». Wer den englischen Skispringer nicht kennen sollte, dem soll gesagt sein: Die Bezeichnung ist nicht besonders nett gemeint. Ein anderer meldete sich vorzugsweise vom heimischen Frühstückstisch aus – natürlich bei stark gesüsstem Kafi und Butter­gipfel – mit ironischen gefärbten Bemerkungen zu meinen jüngsten «Nichtleistungen». Den beiden Faulpelzen soll gesagt sein: Wir sehen uns in der Welle auf dem Surfbrett, Baby! Wir sehen uns auf dem Fussballplatz, Baby!

Keiner wird dann dort noch über den 50-Kilogramm-Krieger lachen.

Outdoor Cherix* Yann Cherix, Teamleiter «Züritipp», mag jegliche Art von Ballsportarten, Tschutten ist ihm die liebste. Ein Fitnesscenter hat er aber noch nie von innen gesehen. Mit 38 Jahren realisiert er nun, dass er ziemlich ausser Form ist.

6 Kommentare zu «Ihr habt ausgelacht, Babys!»

  • Patrik Schuster sagt:

    Fitness baut nicht nur dein selbsvertrauen auf sondern deine geistige Fähigkeit Durch mein personal Trainer in Bern habe ich vieles gelernt. Ich wog vorher bei 1.77 gross 61 Kg. Nach 3 Monaten war ich schon 70kg mit Muskelmasse. Und so konnte ich mich endlich auch im Schwimmbad zeigen ohne mich zu schämen Ich wusste vorher auch nicht TRX training war bis ich auf die activepeople.ch gestoßen bin. Jetzt bin ich zwar etwas beschäftigt mit meiner Arbeit aber immerhin habe ich mein wissen über Fitness erweitert.

  • Dieter Neth sagt:

    Herzlichen Glückwunsch.Das Selbstvertrauen,das aus diesen Zeilen strömt ist nicht zu übersehen.Aber der echte 50 kg Krieger,der war ich. Gut 55 kg war mein Kampfgewicht zu Beginn der RS, mit 1 m 75. BMI und Selbstvertrauen tendierten gegen Null.Aber den Seinigen gibts der Herr im Schlaf(Ein Bibelspruch, ist ja Advent)Statt 8 Wochen Plackerei brauchte ich nur 7 Jahre zu warten-und aus dem „Ritter von trauriger Gestalt“ war ein Latin Lover geworden.Aber gesagt werden musste es mir schon.In Mexiko, weil mich hier immer alle in die Wüste geschickt hatten.Aber ich sah im letzten Kommentar mit Vergnügen,dass Sie sich diesbezüglich nie beklagen durften.Aber jetzt bin ich neugierig,wie dieses wissenschaftlich fundierte Verfahren angeschlagen hat.Ich bleibe aber Gipfelis und süssem Kaffee treu.

    • Adi sagt:

      „Ich bleibe aber Gipfelis und süssem Kaffee“

      Ein echter Latinlover eben!

      Was haben aber Ihre amourösen Memoiren jetzt genau mit dem Thema dieses Sport-Blogs zu tun?

  • Rüegseggergang sagt:

    Ach Yann, das wäre doch alles nicht nötig gewesen, Du warst doch damals im OSOS schon unser Held und Schwarm, als Du selbst noch weniger als 50kgs gewogen hast! Goooood ol‘ times, …. :)
    Grüsse eines ehemals schwer schwärmenden Mädchen (ca 3 Klassen unter Dir… Aber keine Sorge, voll drüber hinweg und so…)

  • Roland K. Moser sagt:

    Wenn Sie es nach der 8. Woche durchziehen, sind Sie nach 1 Jahr fit wie ein Turnschuh.
    Und solche Socken wie Sie tragen, sollte man eben nicht anziehen, weil die Achilles-Sehne so nicht genügend warm hat. Die Achilles-Sehne muss immer schön warm haben, vor allem während Belastungen wie joggen, velofahren, usw. Wenn Sie es mir nicht glauben, fragen Sie den Orthopäden.

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    „«Eddy the Eagle der Fitnesswelt»“ scheint mir recht gut getroffen. Ich mag keine
    Krieger. Ich mag den netten, verlässlichen, verantwortungsvollen , abgeklärten Mitmenschen. Ich mag den Kumpel, der Termine und Absprachen einhält und der auf windige Tricks der Vorteilsnahme verzichtet. Fitness ist gut, aber bitte keine Feindbilder und immer auf dem Boden bleiben, Mensch bleiben.

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