Graf Dracula und das Haus der Schönheit

Diese Woche im Kanton Aargau

Ist es die Sonne, die nach düsteren Tagen in gesteigertem Masse das Gemüt erhellt? Jedenfalls waren wir kürzlich an einem Samstag im Schüttelbähnchen von Aarau nach Schöftland albern wie Kinder. Der Mann mit den ergrauenden Haaren, der in Muhen Nord, Muhen, Mittelmuhen und Obermuhen jeweils laut durch den Wagen muhte – ich geb’s zu, das war ich.

Gleich noch etwas zu Muhen im Suhrental. Man nennt dessen Einwohner Müheler, was ich originell finde. Und Schöftland, wo diese Unternehmung startet, heisst im Dialekt „Schöftle“. Am Bahnhof erwartet mich und mein Zürcher Grüppchen René P. Moor, der Wanderblogger, Wanderbuchautor, Wanderfreund aus dem Bernischen. Er hat etwas Kurioses festgestellt. Draussen am Selecta-Automaten kostet das Kägi-fret 1.70. Drinnen im Wartsaal-Selbstbedinungskiosk kostet es 1.50. Was für ein Preisgefälle auf zwei Metern! Der Schalterbeamte hat Moor zum Trost einen Kaffeejeton geschenkt.

Die Vampirgrotte

Wir ziehen durch den Ort, danach aufwärts und in den Wald. Unser Ziel ist das Plateau zwischen Suhrental und Wynental. Auf halbem Aufstieg lenkt ein Wegweiser nach rechts in einen Steinbruch. Wir absolvieren den 50-Meter-Abstecher, finden uns inmitten scharf abgestochener Sandsteinwände, auf denen frühere Besucher ihre Graffiti und Fresken hinterlassen haben. Besonders imposant ist eine kunstvoll in den Stein gehauene Fledermaus. Wir sind in Graf Draculas Reich, gut, ist es hell.

Oben auf dem Plateau beim Punkt Böhler teilt sich der Weg: geradeaus nach Unterkulm, links Richtung Rütihof und Suhr. Wir rasten, klauben jeder das 20-Centi-Fläschchen „Ur-Rosoli“ heraus, das Liliane uns als Präsent aus Einsiedeln mitgebracht hat. Rosoli ist ein „Appenzeller“-artiger Kräuterlikör, der wunderbar in Mund und Magen liegt, eine Spezialität der Schwyzer.

Deftige Hausmannskost und Kosmetik

Freilich macht der Rosoli auch die Beine zittrig, wie ich im folgenden, während wir nach Rütihof halten, feststelle. Toll ist diese Passage, wir vergessen die Zersiedeltheit des Geländes unten in den Tälern, geniessen den Weitblick, den Wald, das Spektakel der schnee-verkleideten Bäume, lieben die breiten und sicheren Wege, die uns im Sommer vielleicht banal vorkämen, nun aber durch die Requisiten des Winters ins Zauberhafte erhoben sind. Irgendwann allerdings ärgern wir uns auch kurz: Da stehen 10, 15 Geländewagen hintereinander. Jäger, die sich um ein Feuer versammelt haben. Ich verstehe nicht, warum die nicht zu Fuss aus einem der umliegenden Dörfer anmarschieren können.

Im „Rütihof“, der zum gleichnamigen Weiler gehörigen Wirtschaft, bestelle ich eine Rösti. Es kommt ein Riesending, die Kartoffeln frisch geraffelt, von göttlichem Duft. Alsbald wandern wir weiter über die Hochebene, bis es endlich abwärts geht. Gnädigerweise hält der Wald den Strassenlärm der nahen Ebene bis fast zum Schluss ab. Über die Autobahn, dann vorbei am „Haus der Schönheit“, in dem der Schweizer Fachverband für Kosmetik residiert, und hinüber zum Bahnhof Suhr; fertig ist die perfekte Winterwanderung.

Nachtrag: Später in Aarau habe ich noch etwas Interessantes erfahren. Nämlich, dass die Uhr an der Fassade des umgebauten Bahnhofs die grösste Europas ist. Sie hat einen Durchmesser von neun Metern, ist somit grösser als die am Big Ben zu London und die an der Kirche St. Peter in Zürich. Allein der Minutenzeiger wiegt 120 Kilo. Hoffen wir, dass er sauber montiert ist und gut hält.

Infos:

Route: Schöftland Bahnhof – Steinbruch/Felsenklause – Böhler/Hochwacht – Rütihof – Suhr Bahnhof.

Dauer: vier Stunden.

Höhendifferenz: circa 350 Meter aufwärts und 400 abwärts.

Charakter: Ohne Schnee leicht, mit Schnee mittlere Anstrengung. Keine besonderen Gefahren, wenn man die übliche Vorsicht (glitschige Wege) walten lässt.

Höhepunkte: Der Steinbruch oberhalb von Schöftland; drehte man einen romantischen Mittelalter, lagerten hier Zigeuner. Die Weite auf dem Hochplateau beim Punkt Böhler. Der verschneite Wald.

Einkehr: „Rütihof“, www.ruetihof.com, Mo/ Di Ruhetag.

Karte: Landeskarte 1:25 000, Blätter 1089 und 1109. Oder die Kümmerly+Frey 1:60 000, „Basel-Aarau“.

Tipp: In Aarau besichtige man die Bahnhofsuhr an der Aussenfassade, Europas grösste.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

2 Kommentare zu «Graf Dracula und das Haus der Schönheit»

  • Adriano sagt:

    Aber ein Schüttelbähnchen mit einem gar befremdlichen Fahrzeuggemisch ist es doch, auch wenn’s ‚Tram‘ genannt wird! ;-)

  • Oliver Marfurt sagt:

    Noch eine sprachliche Eigenheit dieser Region: Die Müheler und Schöftler fahren nicht mit dem Schüttelbähnchen sondern nehmen „s Tram uf Aarau“…

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.