Über die Brüw nach Kastels Sankt Dionys

Heute in der Romandie (VD/FR)

Bisher fuhr ich in Palézieux immer durch, Richtung Lausanne oder Genf. Diesmal steige ich aus. Im Hôtel de la Gare trinke ich einen Kaffee und betrachte auf der Karte noch einmal die Route: Ich werde in zwei Kantonen wandern, Waadt und Freiburg. Und drei Flüsse queren: Ochette, Mionne und Broye.

Nach dem Kaffee ziehe ich los, den Schienen entlang retour, leicht aufwärts zum Kern, nicht des Dorfes, sondern der Siedlung um den Bahnhof. Palézieux-Gare und Palézieux-Village liegen anderthalb Kilometer auseinander. Der Ortsname kommt übrigens von Palatiolum, «kleiner Palast». Schon die Römer siedelten in der Gegend: sanft gewelltes Mittelland mit den Alpen Savoyens am Horizont. Der nahe Hügelberg mit dem Fernsehturm ist der Mont Pèlerin.

Lamas oder Alpakas?

Via Strassenüberführung gelange ich auf die andere Seite der Bahnlinie, das Wanderschild lenkt mich rechts in den Wald, ich atme auf und atme durch, ich bin draussen. Und bald schon lange ich bei der Ochette an, einem munteren Gewässer. Ein Kanälchen dient einer Jungforellen-Zuchtanlage. Palézieux-Village streife ich nur, ich habe keine Lust auf den Abstecher. Unter der Bahn hindurch, und schon bin ich bei der Mionne. Und gleich noch einmal unter der Bahn hindurch und das Tobel auf steilem Pfad verlassen: Nun bin ich wieder auf der Höhe, auf der ich startete.

Bei Chaumiau beglotzen mich Alpakas oder Lamas; tut mir leid, ich kenne den Unterschied nicht. Weiter oben bei Ecoteaux eine freudige Überraschung. Das Dörfchen hat eine Wirtschaft. «La chasse est arrivée», steht auf einem Schild vor der Auberge, des weitern ist die Rede von «Filets de perche frais». Bald schon steht der Teller mit den Eglifilets, appetitlich angerichtet, schön gebuttert und von Pommes Frites getreulich flankiert, vor mir. Serviert hat eine junge Chinesin, deren Mann in der Küche wirkt; beide sind unglaublich freundlich. Sie heissen Pang und Yuan. Keine Ahnung, wer wer ist.

Die Fondue-Hochburg

Mit vollem Bauch walze ich zur Broye hinab, die den deutschen Namen Brüw trägt. Heute ist er nicht mehr gebräulich, dafür spricht man das Wort Broye als Deutschschweizer nicht welsch aus, also nicht Broa, sondern Brojjä. Und wenn wir schon beim Röstigraben-Sprachthema sind: Nach der Broye gehe ich auf Freiburger Boden und bin im Bezirk Veveyse. Weil die Veveyse auf Deutsch Vivisbach heisst, bin ich also im Vivisbachbezirk. Und mein Ziel, Châtel-Saint-Denis, war einst auch Kastels Sankt Dionys.

Nachdem ich das geschmacklose Neo-Einfamilienhaus-Dorf Remaufens gemeistert habe, taucht besagtes Châtel-Saint-Denis vor mir auf. Der Ort, stelle ich einige Zeit später fest, hat Cachet. Besonderen Eindruck machen mir diverse Gastroschilder: Dies ist eine echte Freiburger-Fondue-Hochburg, hätte ich nicht gegessen, würde ich jetzt gern…

Zwischen Faszination und Befremdlichkeit

Stattdessen steige ich, bevor ich das Bähnli retour nach Palézieux nehme, hinauf zur Gewaltskirche, die fast schon hysterisch dem Himmel zustrebt. Sie ist reine Neogotik, entstanden in den 1870er-Jahren. Auch den Friedhof nebenan besuche ich, der in diesem Fall ebenso riesig dimensioniert ist wie die Kirche. Ein emailliertes Riesenschild, gezeichnet mit Leo XIII., ist datiert auf den April 1893. Der Papst verspricht einen „Nachlass von sieben Jahren, anwendbar auf die Seelen im Fegefeuer“. Erwirken können ihn alle Gläubigen, die hier beten. Als Protestant finde ich diese Art von Heilsverwaltung ebenso faszinierend wie befremdlich.

Infos:

Route: Palézieux-Gare – Palézieux-Village (Dorfrand) – Mionne-Tobel – Chaumiau – Ecoteaux – Remaufens – Châtel-Saint-Denis.

Dauer: drei Stunden.

Höhendifferenz: circa 250 Meter aufwärts und 100 abwärts.

Charakter: Leichte Wanderung. Abwechslungsreich.

Höhepunkte: Entdeckung eines unbekannten Stücks Welschland. Die drei idyllischen Flüsschen Ochette, Mionne und Broye. Die Einkehr in der Auberge. Das geschlossene Städtchen Châtel-Saint-Denis.

Einkehr: Auberge d’Ecoteaux zur Wanderhalbzeit. Montag geschlossen.

Karte: Es reicht die Landeskarte 1:50 000 262T „Rochers de Naye“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

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6 Kommentare zu «Über die Brüw nach Kastels Sankt Dionys»

  • Ditmar Friedli sagt:

    Ich will mich nicht in den Streit um sprachlich korrekt bezeichnete Ortschaften oder Gewässernamen einmischen. Hingegen hat sich der Wanderer Widmer beim ersten Gewässer zwischen Palézieux Gare und Palézieux Village wohl getäuscht: das heisst mitnichten Ochette, sondern Broye (oder eben Brüw, Broje oder Broa, wie beliebt). Dieser Fluss wird nämlich auf der Wanderung zwei Mal gequert. Vielleicht ist der kleine Bach, welcher von dem den Forellen gewidmeten Kanal überbrückt wird und in die Brpoye mündet, die Ochette, aber die Landeskarte gibt hierzu keine Auskunft.
    Wenn ich schon am Herummäkeln bin: die im Plänchen eingetragene Wanderroute macht einen unnötigen Schlenker weit die Broye hinauf (bei deren zweiter Überschreitung zwischen Ecotaux und Remaufens). In Realität ist der markierte Wanderweg viel kürzer. Die genaue Route fehlt aber auch auf der Website ‚Wanderland.ch‘.
    Aber sonst sind die Wanderungen gut beschrieben. Ich habe den Weg gestern bei leichtem Schneefall gut gefunden, obwohl ich das falsche Kartenblatt dabei hatte und obwohl ich mich nicht an die Empfehlung, die Wanderung nicht allein zu unternehmen, gehalten habe. Einzig ein entwurzelter Wegweiser hat kurze Verunsicherung verursacht. Und auch der Restauranttipp in Ecotaux war korrekt. Besten Dank für den Beitrag.

  • Thomas Michael Merkli sagt:

    Herr B. U. von Schenck: Erstens: „war einst auch Kastel Sankt Dionys“ kann kaum anders interpretiert werden, als dass der Ort früher auch (oder zum allg. Verständnis: unter anderen Bezeichnungen auch) so genannt wurde. Zweitens halte ich mich als überdurchschnittlich belichtet, weshalb ich weiss, dass bezüglich der Aussprache von Namen auf nichts anderes Verlass ist, als auf die ortsübliche Aussprache. Niemand verbietet Ihnen, die französische Aussprache zu verwenden, allerdings leitet sich daraus nicht das Recht ab, jene, welche die deutschsprachige Aussprache verwenden, als nicht normal belichtete zu bezeichnen.
    Aus Distanz betrachtet fallen letztendlich alle Vorwürfe, die Sie dem Autoren des Blogs machen, auf Sie selber und Ihren Kommentar zurück. Ich benutze Ihre Worte (etwas anderes würde ich mir NIE erlauben): „dümmlich“, „nicht gedankenschwer“, „ziemlich unbedarft“.

    • B.U.von Schenck sagt:

      Ich pflege normalerweise nicht, an Internet-Foren teilzunehmen. Im vorliegenden Fall hat mich ein Freund per E-Mail auf diesen Wanderbericht aufmerksam gemacht. Daraufhin habe ich meine qualifizierte Kritik im Kommentarfeld angebracht.

      Wenn ich nun auf die unqualifizierte Kritik des Herrn Merkli überhaupt reagiere, dann, weil ich so viel Ignoranz wie sie sich in seinem Schreiben ausdrückt, nicht unerwidert lassen will. Offensichtlich hat er von dem, was ich kritisiert habe, gar nichts begriffen.

      So sei’s denn :

      Der von mir kritisierte Titel « Über die Brüw nach Kastels Sankt Dyonis » ist natürlich aus journalistischer Sicht ein geglückter Aufhänger, ein sogenannter Eye-Catcher, eben weil es ja ganz ungewöhnlich ist, diese im Welschland gelegene Ortschaft deutsch benannt zu sehen.

      Einen solchen Gag hätte ich noch hinnehmen können. Nicht aber hinnehmen konnte ich die Aussage « Mit vollem Bauch walze ich zur Broye hinab, die den deutschen Namen Brüw trägt. Heute ist er nicht mehr gebräulich, dafür spricht man das Wort Broye als Deutschschweizer nicht welsch aus, also nicht Broa, sondern Brojjä ».

      Diese Aussage suggeriert einesteils, dass diese deutsche Bezeichnung einst allgmein gebraucht wurde. Da aber Châtel St.Denis nie deutschsprachig war, leistet diese Aussage Missverständnissen Vorschub. Andereseits statuiert sie, jeder Deutschschweizer spreche den Namen des Flusses Broye als Brojjä aus.

      Tatsächlich hatte man bis ins 18. Jahrhundert in Châtel St. Denis wie in der gesamten französischen Schweiz mit der winzigen Ausnahme der im Kanton Jura gelegenen Landschaft Ajoie (deutsch : Elsgau, wo ein Dialekt der Langue d’Oeil gesprochen wurde ), nicht Französisch gesprochen, sondern den zur Langue d’Oc gehörenden Patois. Diese Gruppe von Patois gehört zum Franco-provenzalischen, das dem Lateinischen und Italienischen näher steht als es die Langue d’Oeil, das Französiche Nordfrankreichs, tut. Moderne Sprach-Autonomisten und Lokalpatrioten, vor allem im heutigen französischen Savoyen, nennen diese Spielart des Patois Arpitan, worüber im Internet einige Sites zu finden sind. Zu dieser Gruppe gehörende Patois werden in der Schweiz noch im Wallis, und zwar im Val d’Anniviers und im Val d’Hérens gesprochen sowie in der Gruyère im Kanton Freiburg, in Italien im Aostatal, während er im französischen Savoyen eher am Aussterben ist.

      Auch habe ich in meinem Kommentar zum besagten Wanderberichtchen die Aussage kritisiert, dass man das Wort Broye als Deutschschweizer nicht Französisch, also Broa, sondern eben deutschschweizerisch als Brojjä, ausspreche.

      Denn nicht als Deutschschweizer, sondern als Deutschfreiburger aus dem Murtengebiet spricht man den Namen des Flusses « Broye » als Brojjä aus. Wenn also Merkli schreibt : « Zweitens halte ich mich als überdurchschnittlich belichtet, weshalb ich weiss, dass bezüglich der Aussprache von Namen auf nichts anderes Verlass ist, als auf die ortsübliche Aussprache. », so desavouiert er sich selbst, denn am weitaus grössten Teil des Laufs der Broye, insbesondere in Châtel St.Denis, wo sie entspringt, spricht man eben Französisch oder Patois, nicht aber Murtendeutsch, demnach ist die ortsübliche Aussprache eben Französisch

      Von einem Ort so apodiktisch zu sagen, früher habe man ihn in einer andern Sprache benannt, kann man in der Schweiz eigentlich nur dann, wenn eine fremdsprachige Bevölkerung eingewandert ist, die die Bezeichnung geändert hat. Dies ist z.B. der Fall bei St.Moritz im Engadin. Dies hiess früher richtigerweise romanisch San Murezzan. Da so viele sich nicht assimilierende Deutschschweizer eingewandert sind, heisst es heute hässlicherweise Sankt Moritz, das die Deutschschweizer immerhin, in Anlehnung an das Romanische und von den einheimischen Romanen beeinflusst, « Sankt Morizz » aussprechen, mit Betonung auf « rizz », so wie die romanische Endsilbe « -rezzan » ausgesprochen wird, während die Deutschen, die nicht um diese romanische Wurzel wissen, es Sankt Moooritz aussprechen, mit Betonung auf dem Vokal « O ».

      Es ist aber auch klar, dass man früher, insbesondere wichtige Orte und Städtenamen, übersetzt hat. Diese wichtigen Städtenamen haben sich teilweise bis heute erhalten. So sagen wir auch heute noch Genf und nicht Genève, oft auch Neuenburg, statt Neuchâtel, Venedig und nicht Venezia, Mailand und nicht Milano, Rom und nicht Roma. Hingegen hat sich das früher oft übliche Neujork oder Neu York verloren zu Gunsten des englisch ausgesprochenen New York.

      Dass auch in umgekehrter Richtung übersetzt wurde, zeigt z.B. Regensburg in Deutschland, das auf Französich Ratisbonne heisst oder München in Bayern, das auf Italienisch Monaco heisst.

      Und wie viele Deutschschweizer wissen, dass Burgdorf auf Französich Berthoud, Ins Anet, Düdingen Guin heissen ? Sie mögen gerade noch wissen, dass Basel auf Französisch Bâle heisst.

      Jedoch besteht im Allgemeinen die Tendenz, die Namensgebungen nach dem Territorialitätsprinzip vorzunehmen.

      So würde heute kein Deutschschweizer mehr Bellenz für Bellinzona, Lauis für Lugano und Luggarus für Locarno verwenden, wie es etwa in älterem Schrifttum oder in eidgenössischen Abschieden in der Zeit des Ancien Régime Brauch war.

      Zum Schluss möchte ich den Herrn Merkli, der sich selbst als überdurchschnittlich belichtet, mithin als überbelichtet, bezeichnet, daran erinnern, dass überbelichtete Photographien genauso wie unterbelichtete Photographien keine deutlichen, scharfen Bilder ergeben.

      • Regula von Gunten sagt:

        Sehr geehrter Herr von Schenk

        Ich finde es eine Anpassung und Frechheit, dass Sie glauben der Allgemeinheit ihre ach so interessante Meinung aufdrücken zu müssen. Sind sie frustriert? Oder befinden sich in einer unangenehmen Lebenslage? Dann tut mir dies natürlich leid für Sie! Versuchen Sie doch das positive in dem Artikel zu sehen. Auch Korrekturen oder Anmerkungen, lassen Sich ohne Beleidigungen ausdrücken und erst dann sind sie konstruktiv und fachgerecht.
        Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe Sie können entspannter und positiver mit der Welt in Kontakt treten.

  • Balthasar U. von Schenck sagt:

    Die hübsche Wanderung von Thomas Widmer in Ehren, aber was soll die dümmliche Deutschtümelei, die jeden Schweizer entsetzen müsste ?!

    Châtel St.Denis hiess mitnichten früher Kastels Sankt.Dionys, denn immer sprach man dort Französisch, bestenfalls war früher in deutschsprachigen Freiburger Landen diese deutsche Namensform nicht unüblich. Dass sich im Ancien Régime die regierenden Patrizier der Stadt Fribourg des Deutschen befleissigten, ist eine andere Frage. Ein bisschen mehr Exaktheit im Denken und Formulieren tut auch einem nicht gerade gedankenschweren und ziemlich unbedarften Wanderberichtchen keinen Abbruch !

    Bekannt ist mir, dass Deutschfreiburger Broje sagen statt Broye, doch bedeutet dies nicht, dass man als Deutschschweizer Broje sagt, vielmehr sprechen normal belichtete Deutschschweizer Broye durchaus französisch aus. Schliesslich sprechen sie „Restaurant“ auch französisch aus und nicht mit deutschem Diphtong (Umlaut).

    • marcus sagt:

      herr von schenck: der autor ist arabist und studierter islamwissenschaftler. verzeihen wir ihm also die hiesigen, etwas schrägen ortsbezeichnungen.

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