Wanderung in die Zeit vor 4000 Jahren

Diese Woche im Süden des Kantons Zürich

Es regnet in Strömen, als ich in Rifferswil Post aus dem Bus steige. Mir doch egal! Ich bin auf einer Mission, will 4000 Jahre tief in die Vergangenheit eintauchen. In und um Rifferswil und dem benachbarten Mettmenstetten gibt es viele Megalithen. Uralte Steine und Steingruppen ungeklärten Sinnes: Waren es Gräber? Kultorte? Vermessungshilfen mit Ausrichtung auf die Gestirne?

Jedenfalls ziehe ich nun los. Und gleichzeitig eine Information für alle Nichtzürcher: Die Kolumne spielt südwestlich des Albis in der Gegend zum Zugerland hin, die «Knonauer Amt» oder auch «Säuliamt» heisst. Sommers sieht man kilometerweit über die Felder und hat am Horizont die Rigi und den Pilatus.

Okkulte Steine

Davon ist momentan nichts zu sehen, der Himmel ist verhangen. Rifferswil ist schnell durchquert. Ich folge vorerst dem Wanderweg nach Affoltern. Er führt mich zum Gerensteg, vorbei an einem hübschen B&B. Anschliessend wandere ich Richtung Herferswil und Türlersee. Auf dem Homberg lande ich in einer riesigen Waldlichtung mit einem Reiterhof. Und bevor ich diesen passiere, ist da…

… der erste Megalith! Ein Menhir, ein Einzelstein gleich am Pferdezaun neben der Strasse. Ich halluziniere mir einen Druiden herbei, der eine Art Teekessel mit heiligen Kräutern schwenkt und Zauberworte murmelt. Doch halt, Widmer! Zwei Dinge sind falsch. Druiden gehören in die Keltenzeit, und heilige Steine wie dieser sind viel älter. Und zweitens habe ich im Buch «Magisches Zürich» gelesen, dass ein Bauer den Stein gefunden und aufgestellt hat. Ob er überhaupt je heilig war: unklar.

Wer sucht, der findet

Nicht enttäuscht sein, Leserin, Leser! Die garantiert echte Megalith-Anlage ist nah. Ich muss allerdings beim Reiterhof fragen, wo genau sie liegt. Es ist simpel: Weiter auf dem Wanderweg nach Herferswil bleiben und den Reiterhof links liegen lassen. Fünf Minuten später geht es nach dem höchsten Punkt sanft abwärts, und nun kommt ein Baum mit einem Wanderweg-Rhombus – und wer wenig später beim Wasserreservoir Letten vorbeikommt, kehrt wieder um.

Exakt bei dem erwähnten Baum nämlich zweigt ein Trampelpfad nach rechts und zieht leicht abwärts. Nach gut 50 Metern bin ich bei den Megalithen. Die Steine sind zu Reihen aufgereiht, sind so circa hüfthoch und stark vermoost. Und automatisch gerät man ins Sinnieren, weshalb sie exakt hier aufgestellt waren und wozu sie dienten.

Das Blumendorf

Nach ausgiebiger Besichtigung und Betastung breche ich auf, wieder hinauf zum Wanderweg und am Reservoir vorbei hinab nach Herferswil. Dessen Einwohner müssen allesamt einen grünen Daumen haben. Das Dörflein ist ein Gartenparadies mit Efeu, Ranken, späten Rosen. Es erinnert an die Miss-Marple-Filme, an merry old England.

Hinter der nächsten Krete zeigt sich der Türlersee. Er entstand in der Vorzeit durch einen Felsrutsch vom Aeugsterberg her; 60 Millionen Kubikmeter Stein stauten die Reppisch. Beim sumpfigen Korridor des Hexengrabens, via den ich zum Seeufer komme, handelt es sich um den ersten Abfluss. Erst später floss das Seewasser über die Reppisch ab.

Zurück in die Zukunft

Der See ist ein Traum – jetzt, wo wenige Menschen an ihm unterwegs sind: die Fläche, das Raschelried, die schnakenden Enten, die umdunstete Albisflanke. Meine Wanderung endet schliesslich bei der Bushaltestelle Landhus; an der Strasse Richtung Birmensdorf erwache ich endgültig aus der Vorvergangenheit.

Infos:

Route: Rifferswil Post – Gerensteg – Homberg – Megalith-Reihe – Wasserreservoir Letten – Herferswil – Hexengraben – Türlersee – Bushaltestelle Landhus.

Dauer: Drei Stunden inklusive Besichtigung der Megalithen.

Höhendifferenz: Circa 200 Meter aufwärts und 100 abwärts.

Charakter: Leichte Wanderung. Auch mit Kindern machbar.

Höhepunkte: Der Blick über das Säuliamt. Die Megalithen. Der winterliche Türlersee.

Sicherheit: Um diese Jahreszeit soll man nicht allein wandern.

Einkehr: Zwischen Türlersee und Bushaltestelle Landhus liegt das Spielzeugmuseum «Pegasus Small World» mit einem Restaurant. www.spielzeug-museum.ch

Landeskarte 1:25 000: Blatt 1111 «Albis».

Buch: Barbara Hutzl-Ronge, «Magisches Zürich. Wanderungen zu Orten der Kraft». AT Verlag. Darin werden gleich mehrere Megalith-Anlagen in und um Mettmenstetten behandelt.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

2 Kommentare zu «Wanderung in die Zeit vor 4000 Jahren»

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