Zum Konferenztisch der Höhlenbewohner

Diese Woche durch die Schlucht der Engelberger Aa (OW)

Die Engelberger Aa wird im Urnerland als Stierenbach geboren, durchfliesst die Obwaldner Exklave von Engelberg, später Nidwalden und endet nach 37 Kilometern im Vierwaldstättersee. Sie ist ein Dreikantonefluss.

Zwischen dem Talboden von Engelberg, entstanden durch einen prähistorischen Bergsturz, der einen See staute, worauf der Fluss diesen wieder mit Schotter und Sand füllte – zwischen dem ebenen Talboden von Engelberg und dem Elektrizitätswerk Obermatt 350 Meter tiefer hat die Aa eine Schlucht geschaffen. Sie schlage ich vor zu durchwandern. Dies umso mehr, als diese Schlucht mit ihrem Karl-May-Ambiente von Steilhängen, Felsblöcken, baumstamm-durchsetzem Geschiebe den Nutzern des öffentlichen Verkehrs bald optisch entzogen sein wird.

Abenteuer für Komfort

Bisher war es ja so: Der Zug nach Engelberg kommt von Luzern her in Obermatt an. Alsbald geht er in den Zahnradmodus über, bäumt sich auf wie ein Pferd, macht sich unter stampfendem Lärm an die Rampe – und der Passagier geniesst das Kletterritual und erhascht imposante Anblicke der Schlucht zur Rechten.

Mit dem Fahrplanwechsel am 12. Dezember wird alles anders. Eleganter und geschmeidiger, freilich auch weniger abenteuerlich. Der Zug sticht weiter unten in Grafenort in den Tunnel, der dann in Betrieb geht; kommt er wieder ins Licht, ist man in Engelberg. Die Schlucht geht vergessen.

Es ist wie mit der Gotthard- und Lötschberg-Neat. An sich sind das speditive Einrichtungen, doch blenden sie Gebirge und Naturspektakel aus. Im Fall von Engelberg gewinnt der Reisende dank dem Tunnel und flankierenden Neuerungen 14 Minuten. Sie wurden teuer bezahlt. Der Tunnel, mit 69 Millionen Franken budgetiert, kostet 176.5 Millionen. Wassereinbrüche trieben die Bauleitung zum Wahnsinn und bewirkten fünf Jahre Verspätung.

Sightseeing

Geniessen wir noch einmal die alte Strecke, nehmen wir Abschied. Im Bahnhof Engelberg steigen wir aus, und es wäre schade, sich vor der Wanderung nicht noch ein wenig im Ort umzusehen. Zumindest das Kloster, eine Benediktinergründung von 1120, sollte man besuchen; da ist auch eine kleine Schaukäserei und ihr zugehöriger Laden, in dem man – bald ist Weihnachten – Schenkbares kaufen kann.

Das dauert, sagen wir, eine Stunde. Dann sind wir wieder beim Bahnhof und zotteln in die andere Richtung los, retour, Richtung Schlucht. Am Ortsausgang treffen wir auf den Eugenisee, den Rest des erwähnten einstigen Bergsturzgewässers. Heute dient er der Stromgewinnung.

Kochen wie zu Urzeiten

Nun geht es linkerhand der Aa in die Schlucht, und wenn ich einen Rat geben darf: In der Mitte bei Punkt 818 nicht hinüber nach Ghärst und Grünenwald wechseln, sondern links bleiben. Beide Varianten sind als Wanderweg bezeichnet. Später geht es über zwei neue Hängebrücken – und schliesslich kommt weiter unten eine Feuerstelle mit einer Quellfassung in Sicht: ein perfekter Brätliplatz. Der Steintisch sieht aus, als hielten um ihn Höhlenbewohner ihre Aufsichtsratssitzungen ab: eine flache, gut fünf Meter lange Platte auf zwei Felsblöcken, darum herum Holzträmelsitze, die mit der Kettensäge zugeschnitten wurden.

Rasten, eine Wurst braten, verweilen, bevor man vorbei am Auffangbecken des Elektrizitätswerkes der Zugstation Obermatt zustrebt: eine Sache für die ganze Familie. Ein Ritual, mit dem man den klammen November aufwerten kann.

Thomas Widmer

Infos:

Route: Engelberg Bahnhof – Eugenisee – Aa-Schlucht – Obermatt Station.

Dauer: knapp eine Stunde.

Höhendifferenz: knapp 350 Meter abwärts.

Verlängerung: Von Obermatt auf schönen Wegen der Aa entlang durch Auengefilde talabwärts nach Grafenort, Wolfenschiessen oder gar Stans.

Spaziergang: In Engelberg empfiehlt sich zuvor ein Rundgang und eine Klostervisite. Schöne Kloster-Schaukäserei mit Laden; hier findet man Geschenklein für Weihnachten.

Charakter: Leicht, eine minimale Trittsicherheit ist auf dem (guten und breiten) Schluchtweg nötig.

Sicherheit: Um diese Jahreszeit sollte man nicht allein wandern.

Höhepunkte: Die Schlucht. Die Grillstelle mit dem Familie-Feuerstein-Konferenztisch: eine riesige Steinplatte, rundherum Holzträmelsitze im Kettensägendesign.

Einkehr: unterwegs keine.

Landeskarte 1:25 000: Blatt 1191 „Engelberg“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

1 Kommentar zu «Zum Konferenztisch der Höhlenbewohner»

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