Das Läuferhoch aus dem Bauch heraus

Der Schweizer Viktor Roethlin schreit sich nach dem Gewinn der Silbermedaille im Marathon die ganze Belastung von der Brust, an den Leichtathletik Europameisterschaften in Goeteborg, Schweden, am Sonntag, 13. August 2006. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Glücksschrei: Der Schweizer Viktor Roethlin nach sich nach dem Gewinn der Silbermedaille im Marathon an der Leichtathletik Europameisterschaften in Göteborg, 13. August 2006. Foto: Arno Balzarini

Dieses Gefühl von unbändigem Glück! Es lindert Schmerz, vernichtet Erschöpfung und verleiht Flügel, wenn die Füsse streiken. Es schenkt dir die Welt und das Verlangen nach mehr. Das Runner’s High! Nach jeder Marathonziellinie überwältigen mich die Emotionen, aber dieses Glücksfeuerwerk erlebte ich nur ein einziges Mal. In einer Extremsituation.

Nach 29 Etappen des sechstägigen Gigathlons 2013 im Zweierteam, durch 12 Kantone hatten wir uns die 515 Kilometer im Velosattel, 258 Kilometer auf dem Bike, 158 Kilometer auf den Inlineskates, 86 Kilometer in den Laufschuhen und 24 Kilometer Schwimmen aufgeteilt. Der letzte Tag, die allerletzte Etappe, es fehlten noch die 16 Kilometer am Lausanner Ufer des Lac Lémans. Ein Tape stärkte mein müdes Fussgelenk, mein Körper schrie förmlich nach Erholung. Ich funktionierte nur noch, als ich von meinem Couple-Partner übernahm und loslief. Und irgendwo auf den schattigen Trails übermannte es mich.

Schmerzen und Müdigkeit wichen einer geballten Ladung Glückseligkeit. Es gab keine Grenzen mehr, in meinem Kopf verflogen sämtliche Zweifel, euphorischer Mut liess mein Herz jubeln – mir gehörte die Welt. Ich flog durchs Ziel und wollte mehr, weiter! Meine vom Tape wundgescheuerte Ferse blutete. Schmerzen? Keine. Die Erinnerung an dieses Hochgefühl lässt mich schmunzeln und vergeblich suche ich seither das nächste High. Braucht es dazu tatsächlich einen einwöchigen Gigathlon mit fünf Disziplinen täglich?

Das Thema Läuferhoch hat bereits etliche Seiten gefüllt und zahlreiche Akademiker beschäftigt. Forscher der University of Montreal haben es nun mit dem Körperfetthormon Leptin in Verbindung gebracht. Erhält der Körper weniger Kalorien als er verbraucht, sinkt mit den schrumpfenden Fettreserven der Leptinspiegel im Blut. Die zuständigen Hirnzentren deuten dies als eine Lebensbedrohung. Eine der Massnahmen ist die Anregung des Appetits – so viel war bisher bekannt.

Jetzt stellten die Kanadier aber fest, dass Mäuse mit tieferem Leptinspiegel doppelt so viele Meilen im Laufrad zurücklegten als ihre normalen Artgenossen. Sie gehen davon aus, dass ein sinkender Leptinspiegel den Organismus zur körperlichen Ertüchtigung motiviert – um Nahrung zu beschaffen. Die neusten Forschungen lassen vermuten, dass Menschen mit weniger Fettreserven, also tieferem Leptinspiegel, empfänglicher auf das Motivationsgefühl reagieren.

Kurzum: Ich befand mich faktisch in den Westschweizer Wäldern damals also auf Nahrungssuche. In diesem Fall, liebe Wissenschaftler, bedarf ich keiner Erklärung – ich verzehre mich doch nur nach diesem High!

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