Fleece und die kaputte Welt

Vleece: Weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli via flickr.com)

Vleece: Auch weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli/flickr.com)

Als Alpinisten wissen wir, wie man in jeder Situation stoisch reagiert. Dank der vielen langen und ausdauernden Touren ist unser Ruhepuls sehr tief. Folglich treibt uns nichts so schnell auf die Palme. Wirft man uns zum Beispiel vor, wir seien Kranke, die einer sinnlosen Beschäftigung nachgehen und den Adrenalinkick suchen – ja, dann reagieren wir mit einem müden Lächeln.

Zugleich sind wir Meister des Verdrängens. Zwar ärgert es uns, dass wir im Handel praktisch nur noch wind- und wetterfeste Jacken und Hosen finden, die von Mutter Natur nie mehr abgebaut werden können, weil sie mit giftigen Chemikalien behandelt wurden. Aber hey, was sollen wir tun? Etwa drei Schichten halbleinige Hosen überziehen, wie die Pioniere der Hochalpen vor 150 Jahren? Schliesslich wissen wir heute im 21. Jahrhundert, dass Baumwolle auch ganz schlecht ist für die Umwelt. Eigentlich noch schlechter als synthetische Fasern. Weil die Baumwolle enorme Wassermengen benötigt, um zu gedeihen. Und Wasser ist bekanntlich ein knappes Gut.

Darum nervt es ein bisschen, dass gewisse Medien aktuell die alte Fleece-Diskussion wieder aufflammen lassen und uns ein schlechtes Gewissen einreden. Fleece – dieser lieblich-flauschig-wärmende Stoff – ist nämlich eine ganz üble Sache. Fleece ist Plastik! Faserpelz ist sozusagen ein Wolf im Schafspelz, eine PET-Flasche in Jackenform. Kommt Fleece in die Waschmaschine, verliert es jeweils ein paar Fasern. Dadurch gelangen unsichtbare Partikel ins Abwasser, von dort ins Meer, in die Fische, Eisbären und Meeresfrüchte. Am Ende landen sie dann auf unserem Teller. Fleecepullis belasten also die Ernährungskette, was wiederum unsere Gesundheit gefährdet.

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographics)

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographic)

Aber wir Alpinisten leben nach dem Grundsatz: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Wir gehen davon aus, dass sich der menschliche Körper irgendwann an das Polyester in den Spaghetti Vongole gewöhnt. Übermässige Hygiene finden wir ohnehin absurd. Jedem Kind tut es gut, mal eine Handvoll Dreck zu essen. Klar, die Partikel aus unseren Fleecejacken nehmen wir durchaus ernst. Haftbar machen kann man uns dafür aber nicht. Wir Alpinisten sind eine Mikro-Gemeinschaft, viel zu klein, um die Erde unter den Boden zu bringen.

Denken wir bloss an die Wanderer. Von denen gibt es bedeutend mehr an der Zahl. Sie besitzen ebenfalls eine oder mehrere Fleecejacken. Ebenso die Skifahrer, Fischer, Biker, Camper, Golfer, Spaziergänger. 99 von 100 Outdoorern besitzen Fleece. Selbst Stubenhocker lieben es, sich am Abend vor dem Fernseher in eine flauschige Decke zu kuscheln. Sowieso: Jeder, der die Zähne mit Zahnpasta putzt und sich beim Duschen mit Gel einseift, schwemmt bedenkliche Mengen Mikroplastik in die Atmosphäre. Das Zeug sitzt schliesslich nicht nur im Fleece. Es lauert überall.

Somit versteht sich von selber, wer an der Umweltverschmutzung schuld ist. Wie in den Ferien: Da sind auch immer die anderen die Touristen. Wir sind die Alpinisten. Die stoische Frage lautet darum: Wem ist Naturschutz ebenso wichtig wie Fleece?

Was ist Ihre Meinung?

17 Kommentare zu «Fleece und die kaputte Welt»

  • Bernhard Folda sagt:

    So „argumentiert“ lässt sich letztlich jedes Fehlverhalten als partikular und kaum problematisch klein reden! Es ist wohl kaum die einzelne Gruppe, die als solche das eigentliche Problem darstellt, sondern dass sie Teil eines Ganzen ist und somit letztlich schlicht genau so in der Verantwortung wie alle anderen!

    Der Versuch sich aus der Verantwortung zu schleichen, weil man nur eine kleine Gruppe ist und Kritik weitgehend abtropft, weil man das eh schon macht, ist purer Zynismus und daher besonders verwerflich!

  • Hans sagt:

    Umwelt hin oder her – Fleece ist so ziemlich das grässlichste Bekleidungsmaterial überhaupt. Ich krieg‘ schon Hühnerhaut, wenn ich das Zeug nur anfasse und entsprechend besitze ich auch kein einziges Kleidungsstück aus diesem höllischen Material.
    OK, ich bin auch kein Alpinist, aber begeisterter Skifahrer und Wanderer.

  • P.Rolet sagt:

    am besten wäre ja Fudiblutt rumzulaufen. dann trägt man nix, was die Umwelt belastet. Und solange man die Seillänge ordentlich hält, plampt einem auch nicht die Nudel des Kameraden auf den Scheitel. Auf Sonnencreme müsste man natürlich auch verzichten, hat ja auch so umweltschädliches Zeux drin (Netter Nebeneffekt: es hilft auch bei der Ortung, wenn man sich verkraxelt hat: So ein paar rotleuchtende Bäuche in einer Felswand zu finden, wäre für die Rega ein Klacks)
    Das Nacktwandern ist ja verboten (schade eigentlich), aber gilt das auch fürs Nacktbergsteigen?

  • Kurt Müller sagt:

    Weshalb der Vergleich mit Baumwolle am Anfang des Artikels? Wenn es um Isolation geht (also Luftgehalt), dann ist die direkte Konkurrenz Wolle!

  • Steven S. sagt:

    Das Problem liegt doch viel mehr an der „Immer-alles-neu“-Mentalität unserer Gesellschaft. Ich gehe mit Klamotten in die Berge oder mache sonstige Aktivitäten, die vielleicht nicht ganz so hyper-modern sind. Da geh ich auch mal auf eine Wanderung in Jeans. Aber dann gibt es den Grossteil der Aktivisten (bewusst allgemein gehalten und nicht nur auf die Berge bezogen), welche immer das neueste und beste und funktionellste haben müssen. Das versteh ich einfach nicht!

  • Rahel S sagt:

    Was man auch tut- irgendetwas belastet immer die Umwelt. Der Wasserverbrauch bei der Herstellung, die Chemikalien, Plastikpartikel, CO2 Ausstoss…
    Aber man kann etwas tun- man muss ja nicht immer die neusten Sachen haben. Ich habe eine Fleecejacke, die ich nun schon ueber 15 Jahre trage. Dann wandert man halt im alten Baumwoll-t-shirt und nicht im Multi-funktional-super-saugfaehigen und luftdurchlaessigen Hemd… geht auch. Und der alte Filzhut, den ich vor ueber 20 Jahren angeschaft habe, ist immer noch der beste bei Regen… Es ist allgemein ein Problem, nicht nur bei der Kleidung, dass man staendig das Gefuehl hat, man muesse sich nun das Neuste und Toellste kaufen. Dinge werden nicht mehr repariert (oder koennen nicht mehr repariert werden) und landen im Muell.

  • Vierauge sagt:

    Liebe Frau Knecht, ich finde ihre Erklärungen sehr gut und wichtig. Nur in einem Detail muss ich IHnen widersprechen.
    Sie schreiben: „Jeder, der die Zähne mit Zahnpasta putzt und sich beim Duschen mit Gel einseift, schwemmt bedenkliche Mengen Mikroplastik in die Atmosphäre. “
    Für die meisten Zahnpasten und Duschgels hat das noch nie gestimmt, und die wenigen, die Plastik-Mikropartikel enthielten, sind inzwischen auch anders zusammengesetzt. Das meiste Mikroplastik in den Gewässern kommt vom Verpackungsmüll, den Sonne, Wind und Salzwasser kleingemahlen haben.

  • Paul Hurtig sagt:

    In der Zwischenzeit gibt es genügend Alternativen zum „traditionellen“ Fleece. Besonders hervorzuheben gilt es die Produkte der Firma RaffStaff. Die Jacken sind modern geschnitten, aus natürlichem Lodenstoff und übertreffen in Funktion und Robustheit normale Fleece um Welten.

  • Luise sagt:

    Ein grosses Thema, sind wir doch alle Umweltsünder. Wechseln wir von Fleece auf Merino, ist der CO2 Ausstoss der Schafe ein Problem. Und der Preis. Bleibt nur, dass jeder und jede vor der eigenen Tür kehrt. Es gibt ja auch recyceltes Fleece, nicht? Wir können Papier und Plastic sparen im Alltag, keinen Abfall liegen lassen in den Bergen. Ich staune immer wieder, wenn ich Verpackungen von Gel oder Riegeln finde. Ein Detail vielleicht, aber schade und beweist: Die Umweltzerstörung hat eine Eigendynamik entwickelt, die wir kaum bremsen können.

  • Roland K. Moser sagt:

    Wenn ich sehe, was für Autos in sehr gutem Zustand nicht mehr gefahren werden, nur weil sie nicht mehr neu sind, frage ich mich schon, ob man nicht eine Pflicht zum Behalten eines Autos einführen sollte. Die für die Produktion eines Autos verwendete Energie ist enorm.

    Die Roten und Grünen (Nicht nur die aktiven Politiker!) jammern ständig wegen Umweltschutz, kaufen aber ständig neue (der Moder angepasste!) Kleider, natürlich aus der umweltbelastenden Baumwolle.

    Ich nehme die roten und grünen Jammerlappen längst nicht mehr ernst, weil sie nämlich genau das Gegenteil von dem machen, was sie predigen: Genau wie das Judentum, das Christentum und der Islam.
    Die Roten und Grünen leiden an der rot-grünen Religionskrankheit.

    Patagonia verwendet teilweise Recycling-PET für seine Jacken, und seine PET-Jacke kann man Patagonia auch zurück schicken für die Wiederverwertung.

    • Kathy sagt:

      Du hast es nicht verstanden Roland.. genau um das geht es ja, schau bei dir, schau wo DU die Welt ein kleines bisschen besser machen kannst, wo DU zum Naturschutz beitragen kannst! Und lass die Roten und Grünen rot und grün sein. Es geht nicht um die anderen, es geht um DICH, und um DEINEN Beitrag.

    • Meyerhans sagt:

      Der Herr Moser ist wieder aktiv und weiss, wer wie und wie oft sündigt? Sind Sie Inhaber eines Kleiderladens und verkaufen Roten und Grünen modisches Outfit. Oder lungern Sie vor den Geschäften herum und beobachten die Kundschaft?

      • hallo herr meyerhans

        wenn Sie rückgrat haben schreiben Sie doch Ihren namen ganz aus, wenn Sie schon auf Antwort herrn moser geben.
        denn herr moser liegt vollkommen richtig, mit den rot-grünen. z.b. einige grüne und rote die die zweitwohnungs initative gestartet haben, hat sich im nach hinein herausgeestellt, genau diese haben eine zweiwohnung in paris und münchen.

        zum thema: ich gehe immer wieder mit meinen alten wollpulver in die berge. von den flecce brauche ich die patagonia produkte. diese firma macht das vorbildlich mit dem umweltschutz.

        es würde gar keine flecce produkte benütigen im outdoor berich. die pioniere hatte das nicht, und haben uns vorgezeigt, das der mensch immer noch mehr zählt als alles andere.

        gruss von
        raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

        • Gerd Fröbe sagt:

          Die Argumentation hört man sehr häufig – funktioniert so aber nicht. So könnte ich z.B. der Meinung sein, dass in der Schweiz zuviele Menschen leben und trotzdem würde ich in der Schweiz wohnen. Das muss natürlich kein Widerspruch sein. So haben die bösen Roten und Grünen nicht gesagt, es darf gar keine Zweitwohnungen mehr geben, sondern sie haben einfach den diesbezüglichen Bauboom begrenzen wollen. Und entschieden haben ja sowieso nicht sie, sondern das Volk.
          Der Artikel thematisiert aber einen wichtigen Punkt: Die meisten von uns sind relativ gut wirkliche Widersprüche in unserer Überzeugung und unserem Verhalten zu verdrängen. Eine Mehrheit von uns (aber natürlich lange nicht alle) glaubt an den durch Menschen verursachten Klimawandel, und die meisten vermuten wohl, dass die negativen Prognosen für die Zukunft mehr oder weniger zutreffen. Nichtsdestotrotz könnten wir viel mehr für die Umwelt tun, als wir wirklich tun, und wir könnte auf viel mehr verzichten. Aber wir tun es einfach nicht.

          • Ashiro Moto sagt:

            Egal ob Fleece oder Merino, egal ob Nagelschuhe oder Hüttenfinken, egal ob Segeltuch oder Goretex: jedes Produkt hinterlässt seinen ökologischen Fussabdruck. Deshalb scheint es mir wichtig, dass man sich dieses Fussabdrucks bewusst wird und ihn möglichst sanft werden lässt. Genauso wie wenn man vorsichtig über eine Blumenwiese geht. Nicht der Weg ist das Problem, sondern die Art und Weise. Wir sind nun mal Teil dieses Planeten und werden, egal was wir tun, ihn verändern. Das ist auch nicht schlimm, solange wir das auf eine bewusste, nachhaltige Art tun.

    • Mario Monaro sagt:

      Die Roten und Grünen kaufen ständige neue Kleider? Mein Gott, was fällt denen ein? Nur Bürgerliche und Konservative dürfen das.

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