Ein Marathon für die Geschichtsbücher

Grosser Bahnhof im Panathinaiko-Stadion: Der Kenianer Felix Kipchirchir Kandie gewinnt den Athens Classic Marathon 2014. Foto: Alkis Konstantinidis (Reuters)

Grosser Bahnhof im Panathinaiko-Stadion: Der Kenianer Felix Kipchirchir Kandie gewinnt den Athens Classic Marathon 2014. Foto: Alkis Konstantinidis (Reuters)

Der diesjährige Marathon von Athen wird in die Geschichte eingehen. Das steht drei Monate vor dem Start bereits fest. Nicht weil dort der Weltrekord von Dennis Kimetto (2:02:57 in Berlin 2014) bereits wieder fallen wird. Nicht weil eine historisch hohe Teilnehmerzahl den Lauf bestreiten wird. Und auch nicht weil die Organisatoren ein noch nie dagewesenes Preisgeld versprechen – im Gegenteil. Sie werden am 8. November überhaupt keines auszahlen. Das hat der Veranstalter kürzlich die Laufwelt wissen lassen. Er verzichtet auch auf ein Elitefeld. Grund dafür ist die wirtschaftliche Krise, in der sich das Land befindet.


Ημιμαραθώνιος Αθήνας 2015_Promo Trailer von Athens_classic_marathon

Der Marathon von Athen wird als Symbol in die Bücher eingehen – als Sinnbild der Zuversicht, des Widerstandes gegen die Krise. Nachdem der Organisator verkündet hatte, aus finanziellen Gründen auf die Dotation und die Rekrutierung von Eliteläufern zu verzichten, fürchteten die bereits angemeldeten Sportler der Anlass würde ganz aus der diesjährigen Laufagenda scheiden. Darauf reagierte der Veranstalter und verkündete: «Jetzt erst recht!» Sein Aufruf galt der ganzen Welt. Der Marathon soll zur Solidaritätskundgebung werden – und es hat funktioniert.

Die Anmeldungen nahmen nach dem Appell markant zu, Läufer aus aller Herren Länder haben sich eingetragen. Die Wettkämpfe über kürzere Strecken (5 und 10 Kilometer), die im Rahmen des Marathons stattfinden, sind längst ausgebucht, sodass die Organisatoren ein zweites 5-Kilometer-Rennen mit 4000 Startplätzen anbieten – auch dieses ist bald schon ausverkauft. Der Veranstalter erwartet einen deutlichen Teilnehmerrekord und zeigt sich auf der Homepage des Laufes vom internationalen Aufmarsch gerührt: «Die Läufer zeigen damit nicht nur ihr Interesse an unserer Stadt und unserem Rennen. Sie bekunden dem griechischen Volk gegenüber Empathie.»

Teilnehmer des New York City Marathons auf der Verazzano-Narrows Bridge am 4. November 2001. Foto: Peter Morgan Reuters)

Teilnehmer des New York City Marathons auf der Verazzano-Narrows Bridge am 4. November 2001. Foto: Peter Morgan (Reuters)

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Marathon den Charakter eines Protestmarsches gegen eine Krise erhält. Nach dem Attentat des 11. September 2001 in New York setzten die Läufer ebenfalls ein Zeichen. Die Angst hockte den Teilnehmern und den Veranstaltern noch in den Knochen, als zwei Monate nach dem Terroranschlag der Startschuss fiel. Rückblickend ist Renndirektorin Mary Wittenberg überzeugt: «Es hat nie einen bewegenderen Marathon gegeben.» Die New Yorker und mit ihnen Läufer aus aller Welt trotzten der Bedrohung auf den Strassen der vom Terror gezeichneten Stadt. Für die meisten ging es dabei nicht darum, Bestzeiten zu schlagen oder sich selbst irgendetwas zu beweisen. Die Menschen lechzten innerlich nach Hoffnung und Zuversicht.

Genauso ergeht es heute den Griechen. Die düsteren wirtschaftlichen Prognosen prägen den Alltag des Volkes, das kaum direkten Einfluss auf den aktuellen Geschäftsgang der Nation hat. Die Menschen werden Durchhaltevermögen brauchen, um die Krise zu meistern. Und genau dafür steht ein Marathon, er ist ein Symbol für Widerstandsfähigkeit, für den Willen, über seine Grenzen hinauszugehen. Es ist den Organisatoren deshalb zu wünschen, dass die Teilnehmerzahl des diesjährigen Athen Marathons die kühnsten Erwartungen übertreffen wird. Und sich das Volk an diesen Lauf erinnern wird – weil er ihm Hoffnung schenkte.


Athens Marathon. The Authentic_ΝΕΟ ΛΟΓΟΤΥΠΟ… von Athens_classic_marathon

4 Kommentare zu «Ein Marathon für die Geschichtsbücher»

  • Fred sagt:

    Eigentlich schade, dass erst die Krise dazu führt, mal den Trend zu bezahlten Spitzenläufern an Volkssportveranstaltungen zu hinterfragen. Was habe ich als Teilnehmer davon, wenn in Startreihe eins ein paar Kenianer stehen, die ich auf der Strecke niemals sehen werde – für die aber meine Startgebühr teilweise eingesetzt wird? Nicht dass ich denen das Geld nicht gönne, aber das Geschäftsmodell Profisport beim Marathon würde ich schon gern hinterfragen.
    Übrigens – der grösste Crosslauf Europas, der Rennsteiglauf, verzichtet seit Jahren auf Siegprämien und Startgelder. Was zu der schrägen Situation führte, dass ich mal im Shuttlebus mit einem Herrn mit Blumen und einem Sack Nudeln unterm Arm vom Ziel zurück zum Startort sass… Der Sieger hatte ganz normal mit den Hobbyläufern geduscht und auch kein Geld fürs Taxi bekommen. Einfach nur Sport, absolut sympathisch.

  • Q. Lavor sagt:

    Ach, das wohlige Schaudern, wenn man sich für kurze Zeit in dieses Elend begibt und die Gewissheit hat: Ich kann bald wieder in meinen sicheren Hafen zurück.

  • Markuss sagt:

    Schoener Bericht!

    Was mich allerdings interessieren würde: Was ist die Botschaft der upside-down Stars ’n Stripes auf der Wange des Läufers in New York?

    • spectacops sagt:

      Amerikaner tragen ihr Länderwappen immer mit den Sternen Richtung Herz. Kann auch beobachtet werden bei den Militäranzügen; beim Länderflaggen-Batch auf dem rechten Ärmel des Anzugs handelt es sich jeweils um einen „reversed“ Flag-Batch, wonach die Sterne oben rechts platziert sind und damit Richtung Herzpartie zeigen.

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