Der Preis, ganz ohne Schweiss

Bequem nach oben und dann ausgeruht rasant nach unten: Biketransport in Kandersteg. Quelle: baguslife.com

Seit einer Stunde läuft die Pumpe auf Anschlag, der Schweiss dringt aus allen Poren. Die Gesichtsfarbe passt sich von Minute zu Minute immer mehr derjenigen des roten Fahrrad-Trikots an. Noch ist das Ziel längst nicht erreicht, da reisst ein aufheulender Motor den Mountainbiker aus dem fast schon meditativen Tret-Rhythmus. Ohne auch nur ansatzweise den Fuss vom Gaspedal zu nehmen, setzt der Fahrer des Transporters auf der schmalen Forststrasse zum Überholen an. Ein kurzer Blick zur Seite zeigt zuerst ein paar grinsende Gesichter hinter der Fahrzeugscheibe, Sekundenbruchteile später einen Anhänger mit einem halben Dutzend Mountainbikes.

Bis zum Startpunkt der geplanten Abfahrt fehlen noch 800 Höhenmeter. Weit genug, dass sich das Schauspiel noch zwei weitere Male wiederholt. Auch wenn der Anstieg und die damit verbundene Anstrengung für den Tourenfahrer integraler Bestandteil des Tourenerlebnisses sind – ein klein wenig ärgert er sich trotzdem darüber, dass der Mountainbike-Shuttle dreimal eine grosse Staubwolke hinterlässt. Und ja, der Gedanke nervt, dass die paar Freerider den Lieblingstrail ganz ohne Anstrengung schon dreimal abgefahren sein werden, bis dass man den höchsten Punkt mit Muskelkraft erreicht hat. Den Preis gibt es immer öfter auch ohne Schweiss.

Abfahrtsorientierte Mountainbikes

Spätestens seit bessere Fahrwerke und mehr Federweg der breiten Masse sorgenfreien Trailspass bereiten, sind abfahrtsorientierte Mountainbiker mehr Regel als Ausnahme. Aufstiegshilfen sind längst salonfähig. Ob Gondelbahn, Sessellift, Autoshuttle oder gar Helikopter – die Limiten der gefahrenen Tageshöhenmeter werden längst nicht mehr durch Lungenvolumen und Muskelkraft definiert und limitiert. Aus Sicht der Tourismusverbände und Bergbahnbetreiber ist die Sache klar: Der Biketourismus sorgt als sommerliches Pendant zum Skitourismus für eine bessere Auslastung und stopft Umsatzlöcher. Zwar erst kleinere – aber immerhin.

Denn allein durch Wanderer sind die Bahnen längst nicht ausgelastet. Die Idee, die ohnehin durch Skipisten und Liftpfeiler verschandelte Landschaft für Freerider und Downhiller herzurichten, schreckt auch Umweltaktivisten immer seltener auf. Allerdings geht der Trend weg von künstlich angelegten Bikeparks hin zu natürlichen alpinen Trails, bei denen Mountainbikern der Anstieg zumindest teilweise durch Aufstiegshilfen erleichtert wird. Lifte nutzen längst nicht mehr nur reine Downhill-Biker. 1000 Höhenmeter mit der Bahn, 1000 Höhenmeter selber hochkurbeln, um danach 2000 Höhenmeter abzufahren – so oder so ähnlich lauten mittlerweile für viele die «Idealmasse» einer Mountainbike-Tour.

Prättigau

Ein gewohntes Bild: Das Postauto bringt die Biker in die schöne Landschaft, und irgendwann gehts mit eigener Muskelkraft weiter. Foto: praettigau.info

Das belegen übrigens auch die Zahlen von Postauto: Im Sommer 2014 wurden im Schnitt 170 Velos pro Tag transportiert – davon waren 88 Prozent Mountainbikes. In den Monaten Juni bis Oktober waren es insgesamt 22’815 Bikes. Kritisch wird es, wenn der Druck auf alpine Regionen zu gross wird. Denn klar ist: Wo Biker Liftunterstützung finden, werden Trails stärker frequentiert. Das kann zu Konflikten mit anderen Wegnutzern führen – und auch innerhalb der eigenen Spezies für Protest sorgen. Verständlich, dass fleissige Pedalritter, die nach wie vor ausschliesslich auf Muskelkraft setzen, lieber ihre wohlverdiente Ruhe haben. Liftunterstützt Biken sorgt immer noch für Kopfschütteln.

Wenn Liftfahren zum Standard wird

Interessant ist hier ein Seitenblick zum Wintersport. Das alpine Skifahren erntet maximal unter ultraorthodoxen Bergsportlern oder Umweltschützern Kritik. In der Gesellschaft gilt das liftunterstützte Skifahren als Normalfall, das Skitourengehen als Spielart einiger weniger. Objektiv betrachtet ist das beim Biken nichts anderes. Beide Sportarten stellen hohe Anforderungen an die technischen Fähigkeiten der Athleten und begeistern durch Geschwindigkeit, Dynamik und Fahrfluss. Dennoch ernten Mountainbiker an Liftstationen und in Gondeln misstrauische Blicke – von «echten» Bikern, genauso wie vom Fussvolk. Wie lange noch?

Nutzen Sie beim Mountainbiken Aufstiegshilfen? Wo sehen Sie Probleme und Chancen für den Mountainbike-Sport?

6 Kommentare zu «Der Preis, ganz ohne Schweiss»

  • Cybot sagt:

    Das Skifahren hat genau den gleichen Wandel ebenfalls durchgemacht, am Anfang gab es ja auch noch keine Skilifte. Ist noch gar nicht so lange her.

  • Roland K. Moser sagt:

    Skifahren und Snowboarden funktioniert auch so.

  • Mike sagt:

    Ich habe sowohl einen nicht bergauftauglichen Freerider wie auch ein Tourenbike, mit dem ich hochfahre – mir macht beides Spass, je nach Laune. Ausserdem frage ich mich bei der Leiher von der „verdienten“ Abfahrt immer, wie denn diese Helden der Bergwelt in die Ferienregion gekommen sind. Wohl kaum nur mit Muskelkraft.

    Und von all dem abgesehen – wer sich an der Präsenz von Shuttlebikern stört, muss halt irgendwo fahren gehen, wo man nicht mit dem Auto oder der Bergbahn hochkommt. Da hat’s meistens auch sonst weniger Leute, die Trails haben weniger Nutzungsspuren und man sieht mehr unberührte Natur ohne Bergbahnen und Hochspannungsleitungen. Wer in Gebieten fahren geht, wo’s Bergbahnen hat und sich dann ärgert, dass diese Bergbahnen benutzt werden, dem kann ich irgendwie auch nicht helfen.

  • Roger sagt:

    Ich nutze die Bergbahnen fast immer, wenn ich in den Alpen bin. Muss schon zu Hause – im Unter-Baselbiet – mangels Lift mehrmals wöchentlich selber hochtreten – so ist doch eine Aufstiegshilfe alleweil eine schöne Abwechslung, welche ich gerne nutze.

  • Marc sagt:

    Ich nutze die Bergbahnen sofern ich mit dem Down-Hill Bike unterwegs bin. Dann aber zu 95% auf den extra dafür angelegten Strecken. Bin ich mit dem Endurobike unterwegs zu 99% nur mit Muskelkraft. Probleme sehe ich bei den Bahnenunterstützten Touren keine. Zum einen beschränkt sich das Gebiet welches mit Bahen erreicht werden kann stark, zum andern wird so zur Finanzierung der Bergbahnen und deren Investitionen beigetragen. Einziger Nachteil ist, dass auch sehr unerfahrene Rider relativ leicht schwierige Trails erreichen. Wenn ich eine Tour fahre, dann sicher nicht dort wo Bergbahnen stehen. Die schönsten Trail erreicht mann sowiso nur mit Muskelkraft und diese sind dann auch nicht überfrequentiert.

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