Überflieger mit höheren Zielen

Rund 1000 Kilometer Weg trennen Salzburg in Österreich und das Fürstentum Monaco, was gemäss Routenplaner einer Wanderung von mindestens sieben Tagen entspricht – ohne Pause versteht sich. Doch wer will sich diesen langweiligen Gewaltmarsch durch die Poebene antun, wenn es eine viel spannendere Strecke durch sechs Länder und über den höchsten Gipfel der Alpen, den Mont Blanc, gibt? Dass diese Route um einiges länger und anstrengender ist, versteht sich ganz von selbst. Und dennoch will sich der Berner Oberländer Christian Maurer am 5. Juli zum vierten Mal dem Abenteuer stellen, das alle zwei Jahre unter dem Namen Red Bull X-Alps stattfindet.

Seine Söhne lässt er wie Drachen steigen: Chrigel Maurer, Gleitschirm-Genie aus Adelboden. Foto: Red Bull

Seine Söhne lässt er wie Drachen steigen: Chrigel Maurer, Gleitschirm-Genie aus Adelboden. Foto: Red Bull

Laufen sei nicht seine Stärke, wird Chrigel später im Gespräch sagen – und wirklich, nach vier Schritten sind wir bereits in der Luft hoch über dem Thunersee. Denn die wahre Stärke von Chrigel ist das Fliegen. Mit drei Siegen in Folge gilt Chrigel als Favorit für das X-Alps 2015, das eigentlich nur eine Regel kennt: Wer als Erster den Alpenbogen von Ost nach West überquert und dabei nur zu Fuss geht oder aber mit dem Gleitschirm fliegt, gewinnt.

Ganz so einfach ist das X-Alps, das als inoffizielle Weltmeisterschaft der Gleitschirmpiloten gilt, aber doch nicht. Zehn Wendepunkte müssen von den Piloten zwingend angepeilt werden: Unter anderem muss die Zugspitze überquert werden, von dort geht es einmal quer über die Alpen zur Cima Tosa in Italien, weiter durchs Engadin und im Halbkreis um das Matterhorn, über den Mont Blanc und Richtung Mittelmeer. Ob fliegend oder laufend, ist weitgehend den Athleten überlassen oder aber vom Wetter abhängig.


Begleiten Sie Chrigel Maurer bei seinem dritten Streich am X-Alps 2013. Video: Go Pro

Während ich mich am Tandemschirm auf meine Fragen konzentriere, steuert Chrigel die Thermik an, fliegt uns immer höher über den Startplatz auf dem Beatenberg und beantwortet seelenruhig meine Fragen. Aufgewachsen in Adelboden, hing Chrigel bereits mit 9 Jahren am Gleitschirm seines Vaters. Mit 16 durfte er endlich das Brevet absolvieren, und mit 17 folgten die ersten Wettkämpfe. Ab da gewann Chrigel alles, was man mit Fliegen gewinnen kann: Schweizer Meister im Deltafliegen, Europameister im Akrobatikfliegen, Weltmeister im Streckenfliegen und zur Abwechslung Rekordhalter im Infinity Tumbling mit 210 Drehungen am Stück. Mir wird bereits vom Zuhören mulmig.

Und nun will der «Adler von Adelboden» zum vierten Mal das härteste Gleitschirmrennen der Welt gewinnen. Chrigel winkt ab. Gewinnen müsse er nicht mehr, er könne ohne Druck an den Start gehen. Er wolle vielmehr «clean and clever», sprich möglichst ressourceneffizient von Salzburg nach Monaco kommen. Es gehe nicht an, dass er fliegend und zu Fuss die Strecke meistere, sein Betreuer am Boden aber fossilen Brennstoff verbrauche. Deswegen werde sein Teamkollege Thomas Theurillat, der zeitgleich sein Meteorologe, Psychologe und Bergführer ist, dieses Jahr mit einem Elektroauto unterwegs sein. Die Alpen ressourcenschonend zu überqueren und dennoch konkurrenzfähig zu bleiben, das müsse das Ziel sein.


Salzburg–Monaco «einfach»: Die Route des Red Bull X-Alps 2015. Video: Red Bull

Trotzdem, Chrigel gilt als klarer Favorit für das Rennen. Denn auch bei den letzten drei Austragungen schonte er Ressourcen: Während seine Konkurrenten bei schlechtem Wetter jeweils bis zu 76 Prozent der Strecke zu Fuss zurücklegen, wartet Chrigel lieber einmal an einem guten Startplatz auf Flugwetter, um dann die Läufer in der Luft wieder zu überholen. Mit dieser Strategie gewann er das letzte X-Alps in der Rekordzeit von 6 Tagen und 23 Stunden und einem Vorsprung von 40 Stunden auf den Zweitplatzierten. Er sei eben Flieger, nicht Läufer, lautet seine Erklärung. Aber so richtig Glauben schenken mag ich dem durchtrainierten Alpinisten nicht, der erst gerade mit seinem Projekt, alle 152 SAC-Hütten in 12 Monaten zu erklimmen, auf sich aufmerksam gemacht hat.

Wir landen nach 20 Minuten punktgenau am Thunersee. Chrigel muss gleich weiter, seine Ressourcen optimal einsetzen: Zu Hause wartet die Familie. Ob seine zwei Buben auch fliegen wollen? Aber sicher. An einer Leine lasse er diese wie einen Drachen in die Luft steigen.

Das Rennen und die Athleten können ab dem 5. Juli hier live mitverfolgt werden.


Am Sonntag gehts los: Trailer zum X-Alps 2015. Video: Red Bull

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