Verschossen in zwei Wasserfälle

Diese Woche vom Lauenensee zur Geltenhütte (BE)
Caspar Wolf, 1735 bis 1783, Schreinersohn aus dem aargauischen Muri, Pionier der Hochgebirgsmalerei. Ich musste an ihn denken, als das Postauto von Gstaad zum Lauenensee die Haltestelle «Under Tungel» passierte. Plötzlich sah ich nicht nur den Tungelschuss, sondern weiter rechts auch den Geltenschuss – Wolfs berühmtes Sujet, das er mal in hellen Farben, mal als düsteres Schauspiel verewigte.

Für Nichtkenner der Gegend: Tungelschuss und Geltenschuss sind zwei Wasserfälle.

Endstation, das Postauto wendete, eine Handvoll Wanderer stieg aus. Zwei welsche Frauen schauten sich verwirrt um, wo war denn nun der berühmte Lauenensee? Knappe zehn Gehminuten entfernt, wusste ich von der Karte.

Das brüllende Tier

Der Weg zur Geltenhütte, meinem Tagesziel, wurde schnell stotzig, nachdem ich nass-feuchte Blackenfelder durchzogen hatte. Durch den Wald keuchte ich mich aufwärts und schätzte die Gepflegtheit des Weges, etwa die Querhölzer, die besonders abrupte Tritte befestigten. Vom nahen Tungelschuss sah ich nichts, hörte nur sein Brausen oder vielmehr Brüllen. Wasserfälle sind, wenn man nicht Distanz hält, weniger romantisch als unheimlich. Wilde Tiere sind sie.

Endlich die Alp Chüetungel: flacher Boden. Blumenwiesen. Durchatmen – aber nur kurz. Bald erreichte ich die Schlüsselstelle des Tages, die mit einem Trepplein begann. Ich geriet nun in die Flanke des Follhorns, die es 300 Meter über dem Talboden des Geltenbaches zu queren galt. Besonders ausgesetzt fand ich den Pfad nicht, war aber froh um das Seil zu meiner Linken und ging vorsichtig.

Hernach wurde mir leicht ums Herz. Ich sah so viel. Da war tief unten der Lauenensee, der aus einem kleinen und einem grossen Teil besteht. Das Dorf Lauenen, durch das ich mit dem Bus gekommen war. Der Geltenschuss. Und der Talabschluss zum Wallis hin, eine Kette von Gipfeln mit dem Wildhorn als König. Wieder dachte ich an Wolf, an die Mischung von Frohlocken und Beklemmung in seinen Gemälden ob der gewaltigen Gebirgsszenerien.

Bei der Alp Usseri Gelten bucklige, irgendwie schalkhafte Urviecher mit riesigen, perfekt gebogenen Hörnern. Yaks, wie ich eine halbe Stunde später in der Geltenhütte erfuhr. Schwer, nicht aus dem Schwärmen zu kommen in dieser Kolumne: Auch diese Geltenhütte war ein Anblick für Maler, wie sie geborgen in ihrer Senke lag mit zwei, drei Miniwasserfällen in der Nähe und Kiesflächen, über die Glitzerwasser strömte.

Die defekte Duschbrause

Ich kehrte ein, mochte das helle Holz des Raumes, ass eine Rösti mit Spiegelei. Sie gab mir Kraft für den folgenden Abstieg am Geltenbach entlang, der sich über die Kante ins Nichts warf, diesen Todesmut auf immer und ewig repetierend. Mein Zickzackweglein hatte ich schon von Usseri Gelten gesehen; immer wieder beeindruckend, wie Bergwege noch die abweisendsten Geländepartien in Eleganz meistern, als seien sie auf gute Stilnoten aus. An einer Stelle ging ich unter einem überhängenden Felsen, über den ein Bach stürzte. Es spritzte auf mich wie aus einer defekten Duschbrause.

Auf dem Boden des Unteren Feissenbergs, einige Zeit noch entfernt vom Lauenensee, wo die Wanderung schliessen würde, hielt ich an. Ich drehte mich um, der schroffen Felsbastion zu, die ich glücklich überstanden hatte. Nun hatte ich ihn unverstellt vor mir, den Geltenschuss, den die Schneeschmelze noch mächtiger machte. Sein Bild ist fortan Teil meines Lebens und wird es bis zum Ende bereichern.

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Route: Lauenensee, Legerlibrügg (Endstation des Postautos von Gstaad) – Alp Chüetungel – Usseri Gelten – Geltenhütte – Unter Feissenberg – Lauenensee – Lauenensee, Legerlibrügg.

Wanderzeit: 3 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 705 Meter auf- und wieder abwärts.

Wanderkarte: 5025 T Saanenland-Simmental, 1:5000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Postauto retour von Lauenensee, Legerlibrügg retour nach Gstaad.

Charakter: Wanderung mittlerer Länge, relativ anstrengend wegen der ausgesprochen steilen Partien hinauf nach Chüetungel am Anfang und nach der Geltenhütte. Eine leicht ausgesetzte Partie zwischen Chüetungel und Usseri Gelten ist mit einem Seil gesichert. Bei Nässe meiden!

Höhepunkte: Die wässerigen drei: Lauenensee, Tungelschuss und vor allem Geltenschuss. Der wunderschöne Talabschluss hinter der Geltenalp. Die Einkehr in der Geltenhütte.

Kinder: Vorsicht in der ausgesetzten Passage.

Hund: Keine besonderen Probleme.

Einkehr: Restaurant am Lauenensee mit schönem Bergblick und Sicht auf den Tungelschuss. Derzeit durchgehend offen. Geltenhütte, derzeit durchgehend offen.

Lied zur Wanderung: Louenesee von der Gruppe Span.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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2 Kommentare zu «Verschossen in zwei Wasserfälle»

  • Christoph Kappeler sagt:

    Fast wie früher bei Radiowanderungen waren heute viee Leute unterwegs zur Geltenhütte. Zum Dessert gab es für mich noch eine eindstündige Ründwanderung ab SAC-Hütte ins Furggetäli und über das Rottal zürück, zwei ausgesetze Stellen auf blauweiss markiertem Bergwanderweg.

  • Sportkrücke sagt:

    Beste Erinnerung an diese Wanderung! Ihr Beitrag ist Motivation genug, dies nochmals mit einer Generation mehr zu versuchen.

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