Porno – die neue Rhetorik am Berg

Das findet, wer Climbingporn sucht: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah (r.). Fotos via Twitter und Reddit

Wer nach Climbing-Porn sucht, findet unter anderem das: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah. Fotos via Twitter und Reddit

«Ski-Porn» oder «Climbing-Porn» – man mag es seltsam finden, unter welchen Schlagwörtern die heutigen Freerider und Kletterer ihre «geilsten» Linien ins Netz stellen. Die Bilder und Videos zeigen keine klassische Pornografie, sondern lediglich Menschen in steilen Tiefschneehängen oder Felswänden. Erotisch aufgeladene Formulierungen haben in der alpinistischen Literatur Tradition. Sie lösten die militärische Rhetorik ab, die vor 150 Jahren gebräuchlich war, als das Freizeitbergsteigen in Mode kam. Der damals neu gegründete SAC fungierte als «Generalstab» der Alpinisten. Eine Vereinstour war ein «Feldzug» mit dem Ziel, einen Gipfel «anzugreifen» und zu «erobern».

Zwar hält sich der Ausdruck «einen Berg bezwingen» hartnäckig, allerdings praktisch nur noch in den Medien, geschrieben von Leuten, die sich wohl noch nie über die Waldgrenze hinausgewagt haben. Denn die Alpinisten begriffen schnell, dass sie im Gebirge oft einen «Kampf» führen, aber vor allem mit sich selber, nicht gegen den Berg. Dieser lässt sich nicht «besiegen», er bleibt immer stärker. Die schlauere Taktik ist also, sich behutsam an einen Gipfel «heranzumachen», wie bei einem zwischenmenschlichen Flirt. Bei zu aggressiver Methode ist der Fehltritt programmiert. Liebe und Leid stehen auch im Gebirge nahe beieinander.

Berge sind attraktiv, Alpinisten ebenfalls

Nun liegt es aber in der Natur des typischen Alpinisten, dass er sich unheimlich stark glaubt. Er trotzt Wind, Wetter, Gefahren und nimmt sein Leben «hart in die Hand». In seiner Logik sind sein gesunder, widerstandsfähiger Körper, sein Mut und sein Tun hochattraktiv. Inmitten der Gipfelwelt kommt er sich vor wie der Held in der Disco. So wundert es wenig, dass die Berge seit jeher «als Objekte des bergsteigerischen libidinösen Begehrens» inszeniert werden, wie Dagmar Günther in ihrem wissenschaftlichen Werk «Alpine Quergänge» feststellt.

In Tourenberichten liest man ständig von «Liebhabern der Höhen», die «leidenschaftlich» ins Gebirge «eindringen». Mit «Ausdauer» und aus reiner «Manneskraft». Beim Ausleben dieses «Triebs» verspüren sie «intime Gefühle». Sie «begehren» die Berge und haben das «brennende Verlangen» nach einer «Besteigung», am liebsten eines «unberührten» Gipfels. Auf dem «Höhepunkt» erfahren sie «tiefe Befriedigung».

«Gefesselt» von den «Reizen» der «Spalten» und «Ritzen» lassen sie sich von «unstillbarer Sehnsucht» leiten. Der Anblick von «schön geformten» Felsen «erregt» sie. Ein «blanker Vorbau» macht sie «schwach», sie können nicht «widerstehen». Besonders dann, wenn Wolken vor dem Auge des Alpinisten «hoch und höher ziehen», die Flanken «entschleiern» und diese in «vollendeter Herrlichkeit» «verführerisch» herübergrüssen. Je abweisender sie sich geben, desto grösser das Ansehen des Alpinisten, der sie «bekommt». Das verursacht natürlich auch «Versagensängste». Aber nach der geglückten Tour dank der «richtigen Technik» sind ihr «Selbstwert» und die «Sensibilität» gesteigert.

Während früher in den alpinistischen Schilderungen lediglich erotisch konnotierte Metaphern gewählt wurden, kommen die jungen Wilden nun ohne Umschweife zur Sache. Das neue Porno-Vokabular ist sozusagen eine sprachliche Weiterentwicklung des «immer schneller, höher, krasser» im Bergsport, angepasst an das 21. Jahrhundert.

13 Kommentare zu «Porno – die neue Rhetorik am Berg»

  • Dieter Neth sagt:

    Ist jetzt die Bezeichnung Teton Range für einen Bergzug in Wyoming auch Bergsteiger-Pornographie? Der Name soll immerhin von einem Franzosen stammen.

  • A. Koch sagt:

    also den terminus „kletterporno“ habe ich vor schon über 20 Jahren für Kletter-VHS videos (Rockmaster et al.) gebraucht. bin erstaunt dass die heutigen jungen wilden immer noch die selben begriffe verwenden, da ist aber nix neues dran, sonder repräsentiert altbewährten insider-jargon.

  • Robert Herz sagt:

    Sie Frau Knecht – also da haben Sie ja wieder mal SO EINEN GEILEN ARTIKEL GESCHRIEBEN!!!

  • Sherlock Holmes sagt:

    @Natascha Knecht: Der Ausdruck *was-auch-immer* porn wird schon sehr lange verwendet und hat nichts mit dem Bergsport und sehr wenig mit dem horizontalen Sport zu tun. Googeln Sie mal z.B. food porn. Es bezeichnet lediglich die Sammlung von „arousing material“ oder „stimulating content“, um den Urban Dictionary zu zitieren.

  • Marek Golder sagt:

    Besser „Climbing Porn Tube“ in Google eingeben…

  • Munter Werner sagt:

    Liebe Natascha, als Fan deines blogs vermisse ich in deinem Alpin-Porno die Bezeichnung VP. So wurde der Halbmastwurf von einer Clique von Luzerner und Zürcher Spitzenalpinisten bei der Einführung der neuen dynamischen Seilsicherung anfangs 70er Jahre genannt, reinster Porno, weil V=vagina und P = penis (der offene Karabiner=penis wird in eine Seilschlaufe=vagina gesteckt..) Die Namengebung wurde von den meisten Alpinisten übernommen, allerdings dürften die wenigsten gewusst haben, was dahintersteckt, sie glaubten wohl an eine techniche Bezeichnung. Heute hat sich glücklicherweise die sachliche Namengebung „Halbmastwurf“ durchgesetzt.

  • Hotel Papa sagt:

    Na ja. Das ist kaum Alpinismus-spezifisch. Der Ausdruck „XY-Porn“ ist üblich für attraktives Bildmaterial zu irgendwelchen mit persönlicher Leidenschaft aufgeladenen Themen.

    Ist wohl eher Resultat der Ausbreitung von Web-Speak in alltäglichere situationen. „The Internet, It’s not just for Porn and Cats!“

  • Oliver Denker sagt:

    Also ich habe jetzt gerade die Probe auf’s Exempel gemacht und bei Google im Bilderkatalog „Climbing-Porn“ eingegeben. Die Resultate unterschieden sich doch ziemlich substantiell von den Bildern, mit denen dieser Artikel illustriert ist…

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