Wenn Berge neue Namen bekommen

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:


Der Wunsch des Bundespräsidenten stiess bei der Gemeinde Zermatt auf offene Ohren: Die Ostspitze des Monte-Rosa-Massivs heisst seit letztem Oktober Dunantspitze, zu Ehren des Gründers des Roten Kreuzes Henry Dunant. Auch der höchste Schweizer Gipfel nebenan trägt den Namen einer historischen Persönlichkeit: 1863, im Gründungsjahr des Schweizer Alpen-Clubs, wurde das Gornerhorn mit dem Segen des Bundesrates zur Dufourspitze. Der Kartograf und General im Sonderbundskrieg ist damit sozusagen zum «höchsten Schweizer aller Zeiten» erhoben.

Die Walliser, die damals zum besiegten Sonderbund gehörten, haben sich damit abgefunden. Auch dass ein anderer ihrer Gipfel, das Ulrichshorn in der Mischabelgruppe, nach dem Zürcher Melchior Ulrich benannt ist, einem reformierten Theologen aus der «Üsserschwiiz», der bei der Erstbesteigung 1848 dabei war.

Louis Agassiz, Gletscherforscher und Rassist

Es gibt in den Schweizer Alpen etwa dreissig Gipfel, die nach Persönlichkeiten benannt sind, vor allem nach Alpenpionieren und Gletscherforschern aus dem «Goldenen Zeitalter des Alpinismus» nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Berner Oberland erzählen unter anderen Altmann, Agassizhorn, Hugihorn, Scheuchzerhorn und Studerhorn von diesem Tauffest der Alpenpioniere. Im Glarnerland beehrten sich Gründungsmitglieder des Alpen-Clubs mit dem Speichstock und dem Hauserhorn.

Die Verewigung bedeutender und weniger bedeutender Persönlichkeiten in den Gipfelnamen gab jedoch immer wieder zu Diskussionen Anlass – besonders auch in jüngster Zeit. Zum Beispiel als ruchbar wurde, dass Louis Agassiz nicht nur ein Gletscherforscher war, sondern auch ein ausgekochter Rassist. Nach Amerika ausgewandert, wollte er unter anderem durch die Fotografie eines Sklaven namens Renty die Minderwertigkeit schwarzer Menschen «beweisen». Die Kampagne «Démonter Louis Agassiz» und ein Vorstoss im Parlament forderten 2007 vom Bundesrat die Umbenennung des Agassizhorns in Rentyhorn. Der verwies auf die zuständigen Kantone und Gemeinden im Berner Oberland und Wallis, doch die sagten «Nein!».

Im Namen der Berge

Die Initianten präsentierten in der Folge einen neuen Vorschlag: Das Agassizhorn sollte seinen rassistisch befleckten Namen behalten, ein noch unbenannter Gipfel in der Nachbarschaft zum Rentyhorn erkoren werden, Pt. 3745 gemäss Landeskarten. Also Täter und Opfer in Ewigkeit versteinert und vereint. Die weise Lösung passte nun aber einigen Walliser Politikern nicht in den Kram. Im November lancierten sie die Idee, das Agassizhorn nach dem fast vergessenen Walliser Gletscherforscher Jean-Pierre Perraudin (1767–1858) zu benennen. Sicher eine gute und politisch korrekte Wahl.

Aber soll man überhaupt Berge um- und neu benennen? Ihre Namen sind in einem historischen Kontext entstanden, sie erzählen Geschichte, und die Geschichte wird bekanntlich nicht besser, wenn man sie nachträglich korrigiert. Löscht man das Agassizhorn aus den Landeskarten, so müsste man konsequenterweise auch alle anderen Berge mit Personennamen auf ihre politische Korrektheit prüfen. Zum Beispiel die Gertrudspitze in den Engelhörnern, auf eigenen Wunsch nach der britischen Alpinistin und Archäologin Gertrude Bell (1868–1926) benannt. Als Geheimdienstmitarbeiterin nahm die «ungekrönte Königin des Irak», wie man sie nannte, wesentlichen Einfluss auf die britische Kolonialpolitik im Nahen Osten. Wohin diese schliesslich führte, sehen wir heute.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

5 Kommentare zu «Wenn Berge neue Namen bekommen»

  • hallo mitenand

    da bin ich mit emil zopfi einig.
    icjh befasse mich sehr mit alpiner geschichte. wenn ich einen berg besteigen will, interessiert mich auch der hintergrund von diesem. name, erstbegeher, jahrzahlen, begehungen.
    Die Berge sollen ihre bestehenden namen erhalten. das hat auch mit respekt und achtung vor den grossen alpen pionieren zu tun. sie haben hier geschichte geschrieben, und meistens ja auch diese berge erforscht und entdeckt. ihnen zu ehren, sollen die namen so heissen wie sie sind.

    besten dank.

    grüsse von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

  • Max Wartenberg sagt:

    Da bin ich einig mit Ihnen, Berge umtaufen ist Mumpitz. Ebenso sollten die wenigen noch verbleibenden unbenannten Bergspitzen nach Personen benannt werden. Berge sind kein Friedhof.

  • Urs Kym sagt:

    Und der Piz Jenatsch müsste nach dem Mordopfer des Jürg Jenatsch in Piz Planta umgetauft werden. Mussten die Italiener die Namensänderung ebenfalls nachvollziehen und heisst die Dunantspitze in Italien jetzt Punta Garibaldi ?

    • Jack Stoffel sagt:

      Nach dem Sieger einer Tour-de-Suisse-Etappe nach Samnaun GR wurde vor ein paar Jahren ein bisher namenloser Gipfel benannt. Es siegte dann der Rennfahrer Alexander Vinokourov aus Kasachstan, und der Berg heisst jetzt leider Piz Vinokourov… Dummerweise wurde der Mann später als übler Gewohnheits-Dopingtäter entlarvt und lange Zeit gespert. Es hätte allerdings auch anders herauskommen können: Es gab zum Beispiel einen Rennfahrer namens Hamburger. Oder man stelle sich vor, der Athlet, der damals als Erster in Samnaun eingetroffen war, hätte Putin oder Mussolini geheissen…

  • Frau Cavelti sagt:

    Lieber Herr Zopfi

    Ich bin keine Bergsteigerin und als Berggängerin fehlt mir oft der Atem. Dazu komme ich auch noch aus dem Unterland (trotz des Namens). Jedoch habe seit je her eine Faszination für die Bergsteigerei und Kletterei, Loretan war einer meiner Kinderhelden.

    Eigentlich möchte ich mich nur bedanken für Ihre Blogbeiträge, die ich jeweils gespannt lese. Es ist immer eine spannende und lehrreiche Angelegenheit, diese zu lesen. Herzlichen Dank dafür und dass sie Ihre Leidenschaft Menschen näher bringen, die nicht unbedingt viel damit zu tun haben.

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