Die Oberaargauer Steintour

Diese Woche von Attiswil via Wiedlisbach nach Oberbipp BE

Attiswil ist ein Dorf zwischen Oensingen und Solothurn, ich fuhr früh los, war früh da. Nebel lag auf dem Land, sodass ich die erste Jurakette über mir nicht sah. Balmberg, Chamben, Rüttelhorn: alle unsichtbar.

Zuerst ein Abstecher zur Kirche. Ich wollte den Freistein besichtigen, einen nahen Menhir; er gilt als der einzige im Kanton Bern. Zur Erinnerung: Menhire oder Hinkelsteine sind längliche Steine, oft Findlinge, die von Menschen in der Vorgeschichte aufgerichtet wurden.

Unterwegs zur Kirche passierte ich das Atelier von Bildhauer Schang Hutter. Vor dem Gebäude am Boden eine Menschengestalt aus rostrotem Eisen, den einen Arm um den Kopf gekrümmt, den anderen flehentlich ausgestreckt.

Gab es beim Stein Asyl?

Gleich danach die Kirche und weiter vorn zur Rechten in der Wiese der Freistein. Gut 3,60 Meter hoch ist er und wurzelt zur Hälfte im Boden. Angeblich waren einst Flüchtige für eine gewisse Zeit unbelangbar, wenn sie bei ihm verharrten. Wirklich belegt ist das nicht.

Auf der nahen Strasse fuhren Autos vorbei, die Insassen glotzten: Was macht der Knülch da in der Wiese? Ich kehrte zurück zur Station. Der Wanderweg zog durch das Dorf in den Hang, drehte nach rechts, führte vorbei am Gerberhof in den Burchwald. An seinem Ende verliess ich den signalisierten Weg: Ich bog links ab, stieg am Waldrand auf, hielt wieder in den Wald hinein. Laub, morsche Äste, eine Krete. Auf der anderen Seite der Bernerstein, ein vermooster Findlingklotz von 200 Kubikmetern. Auf dem Rhonegletscher ritt er einst vom Dent-Blanche-Gebiet heran. Trutzig hockte er da, eine Inschrift verkündete: «Fündling staatlich geschützt.»

Bald war ich wieder auf dem Wanderweg, langte einige Zeit später in Wiedlisbach an. Die Grafen von Frohburg legten es um 1240 an zwecks Kontrolle der Hauensteinstrasse. Zwei Gassen und drei Häuserreihen, was für ein rührender, tapferer Winzling von Stadt.

30 Tote in Oberbipp

Das letzte Stück nach Oberbipp war kurz. Schloss Bipp hoch am Hang war nur knapp auszumachen, blieb eine Märchenskizze im Dunst. In Oberbipp fand ich auf der Hinterseite der Kirche den dritten Stein meiner Wanderung. Eigentlich war es ein Steinarrangement: Seitenblöcke und darüber eine Platte von sechs Quadratmetern. Ein prähistorisches Kammergrab, ein Dolmen. Dieser, gut 5000 Jahre alt, lag ursprünglich in einer Wiese an der nahen Steingasse, nur ein Teil lugte aus dem Boden. 2011 realisierte man, um was es sich handelte. Man grub und fand die Knochen von gut 30 bestatteten Menschen. Später zügelte man den Dolmen zur Kirche. Wobei: Nur die Deckplatte ist echt. Die Seitenblöcke mussten ersetzt werden.

Ich war beeindruckt. Bloss der Hunger irritierte meinen spirituellen Höhenflug. Ich schaute mich um und fand den Bären. Bald darauf wurde mir ein hervorragendes Mittagsmahl serviert, und ich dachte: Jungsteinzeit, sehr interessant. Aber essen tut man in der Neuzeit ganz sicher besser.

PS: Eben ist ein Wanderführer aus der bewährten Rother-Reihe erschienen, der punkto Gegend in diese Kolumne passt: «Emmental mit Oberaargau und Entlebuch». Zusammengestellt hat die 50 Routen der Berner Wanderautor Daniel Anker. Eine gute Sache. Der Bernerstein kommt übrigens auch vor.

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Karte: Auf der Wanderkarte 1:50’000 «Delémont» sind weder Freistein noch Bernerstein eingezeichnet. Auf der Landeskarte 1:25’000 ist der Freistein eingezeichnet und der Bernerstein als «Err. Bl.» (Erratischer Block) im Burchwald markiert; genau gleich verhält es sich mit der digitalen Karte von Schweizmobil.

Route: Attiswil Station – Kirche – Freistein (man sieht ihn bereits von der Kirche in der Wiese südlich) – wieder retour zur Kirche und zur Station – Gerberhof – Burchwald – Abstecher zum Erratischen Block und retour – Eichholz – Dettenbühl/ Alters- und Pflegheim Dahlia – Wiedlisbach Station – Städtchen – Oberbipp Kirche – Oberbipp Station.

Wanderzeit: 2 Stunden.

Höhendifferenz: 215 Meter aufwärts, 190 abwärts.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Die Bahnlinie Oensingen – Solothurn bedient Attiswil, Wiedlisbach und Oberbipp.

Charakter: Leichte Halbtageswanderung. Reizvolle Terrasse unter der ersten Jurakette, viel Historie.

Höhepunkte: Der Freistein. Der abenteuerlich gelegene Bernerstein. Das alte Städtchen Wiedlisbach. Und das stimmungsvolle Dolmengrab. Sowie die Einkehr im Bären Oberbipp.

Kinder: Keine grossen Probleme. Im improvisierten Steilstück zum Bernerstein muss man sie im Auge behalten.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: In den Dörfern. Hervorragend isst man im Bären in Oberbipp am Schluss. Täglich geöffnet, reservieren!

Neuerscheinung: Daniel Anker, «Emmental mit Oberaargau und Entlebuch», Rother-Wanderführer. 50 Touren samt Kärtchen, Höhenprofilen, Fotos. 208 Seiten, 20.90 Franken. Ein neuer Band aus der Standardreihe im praktischen Kleinformat.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

1 Kommentar zu «Die Oberaargauer Steintour»

  • Dieter Neth sagt:

    Das Rüttelhorn werden Sie von Attiswil aus nur schwer sehen können, auch ohne Nebel. Einer der wenigen richtigen Felsgipfel des Solothurner Juras, steht das Rüttelhorn nicht an der Krete am Südhang, sondern etwas zurückgesetzt, eher über dem Dünnerntal. Die höchste Erhebung des sogenannten Lebernberg, oberhalb der von Ihnen erwanderten Gegend ist jedoch das Hellchöpfli mit gut 1220 m ü M, diese gratartige Erhebung ist gut vom Vorland aus einsehbar. Das Rüttelhorn ist etwa 50 Meter niedriger. Die ganze Wanderung von Balsthal bis auf den Weissenstein wäre auch einmal lohnend.

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