Expedition ins Datengebirge Wikipedia

Von Emil Zopfi*

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Der Alpinismus droht seine Geschichte zu verlieren: Dieses Bild stammt aus den Schweizer Bergen. Mehr ist nicht bekannt.  Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Rentner sollten Freiwilligenarbeit leisten, heisst es. Und so hat sich der Rentner aufgemacht, sein Wissen über die Berge, ihre Besteiger(innen) und Beschreiber(innen) ins Wissen der Welt zu übersetzen, das da heisst: Wikipedia! «Die freie Enzyklopädie», wie sich das Online-Lexikon nennt, ist auch eine Art Gebirge, ein Datengebirge mit über dreissig Millionen Einträgen weltweit. Aufgehäuft von einem Heer von fleissig und freiwillig Daten sammelnden Ameisen.

Den Ausschlag gab eine Bekannte, die über ihren Vater einen Eintrag verfasst hatte. Er war ein Bergsteiger, dessen Namen vergessen ist, der jedoch zur Kletteravantgarde der Nachkriegszeit gehörte und unter anderem die Erstbesteigung des Ruchenfensterturms in den Urner Alpen schaffte.

Alpinismus droht allmählich zu einer geschichtslosen Disziplin zu werden: Speedrekorde und extreme Höchstleistungen auf allen Kanälen, alles andere Schnee von gestern. Man muss nur mal durch alte Kletterführer blättern und sie mit neuen vergleichen. Einst waren es literarisch-kulturelle Werke mit Informationen zu Geschichte, Geografie, Geologie, Pflanzen und Tieren eines Gebiets, dazu mit Beiträgen über Erstbegeher und Erstbegehungen und kunstvoll gestalteten Routenskizzen. Heute muss man froh sein, wenn neben mehr oder weniger sorgfältig ausgearbeiteten Topos die Namen der Erschliesser noch aufgeführt sind, der Vorname nur als Buchstabe, vom Datum allenfalls die Jahreszahl. In der nächsten Ausgabe fehlt dann auch das.

Gratisarbeit in einem Ameisenstaat

Wer kennt noch einen Alfred Amstad, Hans Haidegger, Seth Abderhalden oder John Salathé, wer den Gründer des Schweizer Alpen-Clubs oder prominente Kletterpionierinnen wie Loulou Boulaz, Mäusi Lüthy oder Silvia Metzeltin? Wikipedia? Fehlanzeige – bis vor kurzem. Denn inzwischen hat der Wikipedia-besessene Rentner zugeschlagen, das heisst, einiges nachgetragen. Gut siebzig Beiträge bisher – und die Liste ist noch lang. Viel Gratisarbeit, denn Lohnschreiberei widerspricht der Wikipedia-Ethik.

Eine Expedition ins Datengebirge ist ein harter Lernprozess. Das Gebirge ist ziemlich zerklüftet, die Routenbeschreibungen oft wenig hilfreich. Auf Schritt und Tritt überwachen einen Killerameisen, die sich auf jeden neuen Eintrag stürzen, ihn begutachten, verbessern, verschlimmbessern oder eben killen. Wer Herrscher ist in diesem Schattenreich, ist schwer auszumachen. Es gibt sogenannte Administratoren, die irgendwie gewählt oder auserwählt werden, doch scheint die Wikipedia-Demokratie ähnlich zu funktionieren wie die Befehlskette im Ameisenstaat.

Shitstorm wegen «Kletterclub Üetliberg»

Nun gut, der Rentner hat Glück. Die meisten seiner Einträge sind vom Schattenkabinett der Ameisenkönigin gnädigst für Wikipedia-würdig befunden und stehen gelassen worden. Diskussionen gab es etwa um den Begriff «Goldenes Zeitalter des Alpinismus». Laut hiesigen Alpinhistorikern begann es 1855 mit der Erstbesteigung der Dufourspitze und endete mit dem Matterhorn 1865, was ja eigentlich Sinn macht. Der Versuch, das auch im englischsprachigen Wikipedia zu synchronisieren, wurde mit wüsten Beschimpfungen abgewehrt. Die britischen Mountaineers setzen den Beginn aufs Jahr 1854 und die nicht so bedeutende Viertbesteigung des Wetterhorns durch Sir Alfred Wills und zwei Grindelwalder Bergführer.

Einen veritablen Shitstorm entfachte das Ansinnen, den historisch interessanten «Kletterclub Üetliberg» wikipediamässig zu verewigen. «Nicht relevant!», knurrte ein anonymer Ameisenbär aus der Schweiz, der sich als Experte für Eisenbahnen in der Wiki-Hierarchie hochgedient hatte. Also offenbar als kompetent galt für Fragen des Uetlibergs – da führt ja schliesslich eine Bahn hinauf. Der Eintrag wurde gelöscht. Ein hilfreicher Geist, vermutlich ein Sachse, fand dann doch noch eine salomonische Lösung. Wer sie erfahren will, der google!

Meine Einträge sind hier einsehbar.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

5 Kommentare zu «Expedition ins Datengebirge Wikipedia»

  • michael sagt:

    Hat den der Kletterclub Uetliberg keine eigen Hompage, wo man diese Namen und auch die Touren veröffentlichen kann ? Dort fände ich es wesentlich besser als in Wikipedia.

    • Attinger Urs sagt:

      So viel ich weiss gibt es den Kletterclub Üetliberg so nicht mehr und als er gegründet wurde 1978 gabs das www noch nicht. Somit befinden sich die Erinnerungen daran einzig in den Köpfen der Beteiligten, in Büchern oder Zeitungsartikeln. Wikipedia würdig? Warum nicht!

  • Christine sagt:

    Bravo, bravissimo – und ein herzliches Dankeschön dem Rentner, lieber Emil! C.

  • Roland K. Moser sagt:

    Schreiben Sie den Artikel über den Kletterclub nochmals!
    Speichern Sie die Daten auf dem PC, so können Sie den Artikel jederzeit wieder neu raufladen.
    Und schreiben Sie dem Eisenbähnler, dass er sich mit dem Klettern nicht auskennt.

  • René Hofstetter sagt:

    Mindestens die Deutschsprachige Wikipedia ist elitär geworden und hat einen Teil ihrer Uridee vergessen: Gemeinsam zu qualitativ gutem Inhalt beitragen! Bei der deutschsprachigen Wikipedia scheint sich eine Elite etabliert zu haben, welche die „Schreib-Macht“ kontrollieren will und lieber mal vorher etwas abtut, anstatt zuerst wachsen und dann evtl. wieder konsolidieren zu lassen.
    Es wird viel zu viel über schlechte Artikel gejammert, anstatt sie gleich zu verbessern. So werden Artikel gelöscht und Wissen geht verloren. Einen Qualitätsanspruch zu haben ist okay, aber deswegen gleich vieles zu überfahren (= zu löschen) finde ich übertrieben. Auch „Stubs“ können hilfreich sein, und einen Information
    Es ist klar, dass in einem Artikel nicht alle Informationen Platz finden und es Dinge gibt, die dort hingehören und andere, die zu unwichtig sind für diesen Artikel. Dann passen Sie vielleicht in einen neuen Artikel, den man Verknüpfen kann. Persönlich finde ich: Kletterclub Üetliberg ja, mein Küchentisch nein.
    PS: Tragen Sie Ihre Touren doch (auch) auf OpenStreetMap ein.

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