Wie man am Joggen den Charakter erkennt

Von Res Strehle*

Da ist was im Busch: Jogger am Lake Wendouree in Ballarat, Australien. Foto: Es Dunens (Flickr)

Was ist da im Busch? Jogger am Lake Wendouree in Ballarat, Australien. Foto: Ed Dunens (Flickr)

Schriftsteller Albert Camus, in jungen Jahren Torhüter bei Racing Algier, hat einst geschrieben, alles, was er über die Moral des Menschen wisse, verdanke er dem Fussball. Kulturphilosoph Klaus Theweleit, selber nie verlegen um ein gutes Wort über Fussball, meinte dazu in einer Diskussion, Camus habe zwar recht, aber man lerne in jedem Sport viel über den Charakter eines Menschen. Warum also nicht beim Joggen?

Hier eine Erkenntnis über zehn Jogging- bzw. Charaktertypen aufgrund von zufälligen Begegnungen auf verschiedensten Strecken im Dolderwald, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und folglich jederzeit ergänzbar durch eigene Beobachtungen der geschätzten Leserschaft:

  1. Der drahtige Protestant: Er ist daran erkennbar, dass er kein Gramm Fett zu viel hat, nie zu schwitzen scheint und es ihm folglich nicht anzusehen ist, ob er erst ein paar Hundert Meter oder schon zehn Kilometer unterwegs ist. Allenfalls wäre dies am Wasserstand der Trinkflasche zu erkennen, die er im Bauchgurt mit sich führt, aber die ist in der Regel undurchsichtig und aufgrund des leichtfüssigen Trabs in der Schwere nicht erkennbar. Er grüsst nur Läufer in der Gegenrichtung, die auch mit Bauchgurt und Trinkflasche unterwegs sind.
  2. Der Schlechte-Gewissen-Läufer: Das Gegenstück zu Typus 1. Meist anzutreffen nach Feiertagen, das Rennen scheint ihm nicht ganz einfach zu fallen, die Füsse schlenkern in alle Richtungen, bloss nicht nach vorne. Hält aber in der Regel durch, da im ärztlichen Auftrag unterwegs, und grüsst ausserhalb der Stadtgrenze immer, da er im Gegenüber einen Leidensgenossen zu erkennen meint.
  3. Der Gute-Kumpel-Typ: Nie allein unterwegs, sondern stets zu zweit oder zu dritt. In der Regel nicht so schnell, dass man den Inhalt seiner Unterhaltung auch als Gegenläufer nicht mitbekäme, denn vor Pointen hält er in der Regel an. Ihm ist immer zu trauen und er stärkt ausserdem das Vertrauen anderer Läufer, da er neben Typ 2 der einzige Läufertyp ist, den man an guten Tagen überholen kann.
  4. Der Coach-Typ: Sieht sehr, sehr sportlich aus, nicht nur im Outfit, ist aber deutlich langsamer unterwegs, als er eigentlich könnte, und zeigt das, indem er die Beine deutlich höher anhebt als etwa Typ 2. Oft nicht allein unterwegs, sondern zusammen mit einem Kollegen oder Nachkommen, und stets darauf bedacht, auf den anderen Rücksicht zu nehmen und ihm unterwegs den einen oder anderen Tipp zu geben. Vertrauenswürdig auch er, manchmal aber leistungshemmend für andere, da zu wohlmeinend.
  5. Der Ehrgeizige: Gegentypus zu Nummer 4, läuft seiner Partnerin stets ein paar Meter voraus. Wir haben schon an anderer Stelle versucht, dieses Rätsel zu ergründen, eindeutig geklärt ist es bis heute nicht. Folgende Deutungen sind die wahrscheinlichsten: Sie haben Streit oder sich nichts mehr zu sagen, er will zeigen, dass er schneller rennen kann als sie (dann erstaunt aber, warum sich der Abstand nicht erhöht), oder – die wohlwollendste – er will sie mit seinem Vorsprung motivieren, schneller zu laufen. Falls ernst gemeint, empfiehlt sich eher Methode 4.
  6. Der Musikliebhaber oder Bildungshungrige: Er joggt stets mit Kopfhörern im Ohr. In der Musikvariante ist er am verklärten Blick, in der Hörbuchvariante am angestrengten Blick zu erkennen. Beide Hobbys sprechen für seine Kulturleidenschaft, unklar bleibt, warum er sie im Wald ausübt.
  7. Der Ängstliche: Er rennt wie Typ 4, ebenfalls weniger schnell, als er könnte. Aber aus Sorge, sich eine Sportverletzung zu holen, weil er weiss, dass Naturboden immer unberechenbar ist. Vor allem bei Nässe und Eis. Auf Abwärtsstrecken ist er demonstrativ in Rücklage. Umgeht entgegenkommende Hunde in deutlich grösserem Abstand, als der Radius ihrer Leine beträgt, dabei stets mit Blick auf die Qualität der Leine und die physische Kraft des Hundehalters, seinen Liebling im Notfall auch zurückhalten zu können. Hat umgekehrt einen guten Blick für Rehe, mit denen er sich solidarisch fühlt.
  8. Der Kifferjogger: Am meisten erstaunt bei ihm, dass er überhaupt am Joggen ist, denn er ist nicht in Sportkleidern unterwegs. Cooler Auftritt, coole Frisur, dazu Jeans, Turnschuhe, die sich auch im Ausgang tragen lassen. Womöglich hat ihn ein Freund dazu überredet. Lässt sich anfänglich leicht überholen, darf aber nicht unterschätzt werden. Meist überholt er, wenn der Kater ausgeschwitzt und der Ehrgeiz geweckt ist, in der Schlusssteigung.
  9. Der Pseudojogger: Nur in jenen Wäldern unterwegs, die seit der Zerschlagung offener Drogenhandelsplätze als Alternative dienen. Hat im Unterschied zu Typ 8 das Outfit eines Joggers, aber so richtig passt er nicht in diese Rolle, denn er rennt nur, wenn ihn andere Passanten offen im Blickfeld haben, und auch dann eher unrhythmisch.
  10. Der Unverbesserliche: Er rennt auch dann noch, wenn Rennen offenkundig nicht mehr die richtige Bewegungsform für sein Alter ist. Man möchte ihm andere Sportarten empfehlen, zum Beispiel Powerwalking, aber er ist beratungsresistent, da seit Jahrzehnten als Jogger und Skilangläufer unterwegs und wild entschlossen, auch die nächsten Greifenseeläufe und Engadiner Skimarathons noch mitzulaufen und dabei womöglich die letztjährige Zeit zu unterbieten.

*Res Strehle ist Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Beliebte Blogbeiträge