Jedem Bauern sein eigener Gupf

Diese Woche von Entlebuch via Bramboden nach Romoos LU

Diese Entlebuch-Wanderung, es sei vorausgeschickt, hat mir selten starke Bilder geschenkt. Sie ist eine der schönsten Routen meines Wanderlebens. Das erste grosse Bild schob sich uns vor Augen, als wir vom Bahnhof Entlebuch Richtung Bergli und Schüpferegg aufstiegen: das Land ein unablässiges Wellen, die Hügel keck mit Einzelbäumen, die Wiesen parzelliert in allen Stufen von Grün. Ein Mensch aus der Wüste, dem man hier die Augenbinde abnähme, würde rufen: «Ich bin im Paradies!»

Auf der Obstaldenegg – oder war es zuvor auf der Schüpferegg? – Peter in den Frühlingswiesen, die Arme mit den Stöcken ausgebreitet, eine Pose der Seligkeit. Wie ein Engel, der sich anschickte, uns zu entfliegen.

Wir stiegen ab zur Grossen Fontanne, einem der goldhaltigen Bäche des Napfgebiets. Und wir stiegen wieder auf und kamen zum Bramboden. Der Romoos zugehörige Weiler ist derart abgelegen, dass man ihn einst mit einer eigenen Kirche ausstattete. Daneben das Seminarhotel, in dem samstags und sonntags auch der Passant etwas trinken oder das Menü bestellen kann. Wir setzten uns auf die Terrasse, tranken Rivella, Tee, Mineral und dergleichen.

Urritual beim Fäligüetli

Gleich wieder abwärts. Ziegen drängten heran auf dem Weg in den Schlitz des Seeblibaches, leckten uns die schweissig-salzigen Hände. Tiefer unten ein Meiler, wir begingen auf diesem Abschnitt den Köhlerweg von Romoos. Freilich war es zu früh im Jahr, dass der Meiler geraucht hätte.

Unten folgten wir dem Seeblibach, flirrendes Licht in den Augen und tanzende Schmetterlinge, das Wasser im braunen Bachbett Glitzerstoff, die Nagelfluhhänge wie Canyonwände in einem Indianerfilm. Und erneut mussten wir hinauf und waren nun in einer Gegend ähnlich derjenigen, die wir am Anfang bewundert hatten: alles rund. Aber auch: alles coupiert. Jedem Bauern sein eigener Gupf. Ziegen, Kühe, kläffende Hunde, ein Mann mit Stumpen auf einem Töffli.

Obergrossegg, Oberhetzlig, schliesslich das Fäligüetli. Wir wichen vom signalisierten Wanderweg ab, hielten hinauf zum Waldrand zur Feuerstelle der «Schweizer Familie», packten Bürli aus, schnitten Holzspiesse zurecht, entkorkten Rotwein und steckten Würste auf. Allem aber vorgeordnet jenes Urritual, das mich immer in die Kindheit zurückwirft, als ich mit meinem Freund Ernst im Wald bei der Bisersweid in Stein die schulfreien Nachmittage verbrachte: Wir machten Feuer.

Die Bise sieht man nicht

Nach dem Essen noch einmal Frühlingsherrlichkeit: gelb beblumte Wiesen, der Wald noch feucht, Vogelgesang. Vor mir Ronja mit einem Plastiksack voller Abfall, den zu schleppen sie verdienstvollerweise angeboten hatte; unten in Romoos wurde sie ihn los. Endlich das letzte Bild der Wanderung: Einkehr im Kreuz, dem stilvollen, gelbfassadigen, weit über hundertjährigen Gasthaus von Romoos. Im Garten tranken wir ein Bier und waren uns einig, dass so ein Wandertag sein muss.

Mit einer Einschränkung. Etwas ist auf meinen vielen tollen Fotos der Entlebuch-Tour nicht zu sehen: die Bise. Wir klapperten trotz der Sonne mit den Zähnen, so eisig war der Wind. Gut so! Wäre die Bise nicht gewesen, wäre diese Wanderung perfekt gewesen. Also geradezu unheimlich schön.

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Route: Entlebuch Bahnhof – Bergli – Schüpferegg – Obstaldenegg – Fontanne – Ärbsegg – Bramboden – Luegmoos – Drachslis – (bachabwärts) – Obergrossegg – Oberhetzlig – Fäligüetli – Hängele – Säumettle – Weierhüsli – Romoos.

Wanderzeit: 61/4 Stunden.

Höhendifferenz: 980 Meter auf-, 870 abwärts.

Wanderkarte: 244 T Escholzmatt und 234 T Willisau, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Romoos Post mit dem Bus nach Wolhusen. Zurück zum Ausgangspunkt Entlebuch von Wolhusen per Bahn.

Charakter: Wunderschöne Hügelschweiz mit tiefen Tobeln dazwischen. Wiesen, Nagelfluh, Bäche im steten Wechsel. Anstrengend wegen des Auf und Ab.

Höhepunkte: Die Aussicht von der Schüpferegg. Der rührende Weiler von Bramboden. Das Brätlen beim Fäligüetli.

Kinder: Etwas weit. Etwas Vorsicht im Gebiet Drachslis, steile Wege, Nagelfluhhänge.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Das Seminarhotel Bramboden widmet sich vor allem angemeldeten Gruppen. Samstag und Sonntag circa ab 11 Uhr ist es auch für Passanten offen, man kann etwas trinken oder das Menü essen. Keine À-la-Carte-Bestellungen. Am Schluss im Kreuz in Romoos, Montag ist Ruhetag.

Brätlen: Beim Fäligüetli gibt es eine Feuerstelle der «Schweizer Familie».

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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2 Kommentare zu «Jedem Bauern sein eigener Gupf»

  • Wanner sagt:

    Der Widmer war immer wieder Thema auf dieser wunderbaren, angenehm harten Tour im Lozärner Hinterland. Dass er erst vier Kilometer vor dem Ziel seinen Cervelat über ein Feuer hielt, konnten wir ihm hingegen kaum verzeihen. Hätte er weiter recherchiert, wäre ihm im Bramboden sowohl im Seminarhotel als auch im Wallfahrtslädeli auf Voranmeldung etwas serviert worden.

    PS: Wenn Seminare stattfinden, ist die Küche offen. Auf Anmeldung werden auch Wanderer bedient. Auf ein andere Mal, mer frönt öis …

  • Albert Fiechter sagt:

    Fuer Erstlinge im Napfgebiet ist der Weg von Bramboden zum Napf natuerlich lohnender.

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