Mit einem Pfadi auf dem Sprung

Diese Woche von Airolo durchs Bedrettotal nach All’Acqua TI

Airolo, Gehstart, Tröpfelwetter. Doch um es vorwegzunehmen – der Regen kam bis zum Schluss nicht. Schwarze Wolken dräuten zwar aus Norden heran, scheiterten aber beim Versuch, auch das Tessin zu belästigen. So genoss ich eine glückliche Wanderung ins Bedrettotal.

Sie begann am Bahnhof von Airolo. Die ersten zwanzig Minuten präsentierten ein Geschlinge und Gemenge von Strassen und Autobahn, Industriebauten, Elektriztitätsanlagen, Stauvorrichtungen. Ich kam an einer Wandnische mit der Heiligen Barbara vorbei, Schutzpatronin der Tunnelbauer, überquerte auf einer hohen Brücke den jungen Tessin, erreichte bei der Pesciüm-Seilbahn eine Schaukäserei.

Botta am Hang

Hernach beruhigte sich die Gegend. Rechterhand hoch am Hang sah ich die Schlingen der Gotthard-Passstrasse sowie allerlei Militärbauten, so auch der markant halbkreisförmige Bedrina-Kasernenbau. Darüber hohe Berge. Es reihten sich der Pizzo Lucendro, Pizzo Pesciora, Pizzo Rotondo und – fertig poetische Latinità – das Chüebodenhorn.

Zwei Dörfer tangierte der Weg, ich mochte Fontana und hernach Ossasco um ihrer rührenden Kleinheit wegen. Das Bedrettotal serbelt, die Jungen wandern ab, der Tourismus in der warmen Jahreshälfte bringt etwas Einkommen, aber wohl nicht genug. Ein Grund mehr, hinzuwandern und Geld auszugeben.

Nach Ossasco zog der Weg wieder etwas höher in den Hang. Ich traf einen Mann mit einem Sichtmäppchen, darin ein Block und ein Kugelschreiber. Ein Tessiner Pfadfinder am Rekognoszieren für ein Lager. Zusammen meisterten wir mit Bravour eine schwierige Stelle bei Schiavù. Ein Wildbach hatte einen Steg weggerissen, wir mussten springen und aufpassen, bei der Landung nicht auszurutschen; immer gut, in solchen Situationen einen Pfadi an der Seite zu haben.

Bei Gana senkte sich der Pfad wieder zur Bedrettostrasse, die ich in Sichtweite eines unschönen Schrottplatzes überquerte, um nun (in Gehrichtung gesehen) rechterhand des Tessin zu wandern. Gleich war ich wieder im lichtem Wald und fand, dass dies eine wirklich schöne Route war. Es war sozusagen bereits das Fazit. Bei All’Acqua nämlich, dem letzten Dorfweiler des Tals vor der eigentlichen Nufenen-Passstrecke, hatte ich mein Ziel erreicht.

Büdree?

Ich kehrte im Ristorante All’Acqua ein, bestellte, hatte bald eine saftige Kalbshaxe mit Gemüse und Polenta vor mir, dazu einen Boccalino mit Rotwein. Vom Dialekt der Einheimischen hinter mir verstand ich nur jedes zehnte Wort. «Bedretto» sprechen sie übrigens, hatte ich gelesen, «Büdree» aus.

Nach dem Essen besuchte ich das Kapellchen beim Restaurant. Dann der letzte Akt der Wanderung: Um die oberste dauerhaft bediente Haltestelle der Postautolinie durchs Tal zu erreichen, ging ich am Rand der Passstrasse 15 Minuten abwärts bis Cioss Prato – Vorsicht Autos, liebe Nachmacher!

Hübsches Zwischenspiel beim Warten: zwei ausgemergelte und ausgepumpte Holländer auf Rennvelos hielten und tranken, nein soffen aus ihren Bidonflaschen. Kurz darauf hielt ein Kleinbus. Zwei Frauen, wohl ihre Gattinnen, riefen durch das offene Fenster mir unverständliche, frech klingende Dinge und fuhren kichernd weiter. Die zwei Passhelden aber stiegen wieder auf und pedalten im Schneckentempo Richtung Nufenen.

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Route: Airolo Bahnhof – Schaukäserei/Pesciümbahn – Tamblina – Fontana – Ossasco – Schiavù – Gana – All’Acqua. Danach auf der Strasse in 15 Minuten hinab zur obersten auch im Frühling täglich bedienten Postautohaltestelle im Tal, Cioss Prato.

Wanderzeit: 4 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 627 Meter auf-, 220 abwärts.

Wanderkarte: 265 T Nufenenpass, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Buslinie Cioss Prato – Airolo.

Charakter: Leichte Wanderung, die Höhenmeter sind gut verteilt. Meist geht man abseits der Dörfer. Vorsicht am Schluss auf der Nufenenstrasse zwischen All’Acqua  und Cioss Prato! – Schöne Berge rundum, stilvolle Dörfer (die meisten sieht man aus der Distanz).

Höhepunkte: Die Dörflein Fontana und Ossasco. Die Ankunft im Restaurant All’Acqua und der erste Schluck Rotwein aus dem Boccalino.

Kinder: keine besonderen Probleme. Vorsicht auf den 15 Gehminuten am Rand der Strasse.

Hund: Problemlos.

Einkehr: Ristorante All’Acqua in All’Acqua. Die Öffnungszeiten hängen in dieser Jahreszeit u.a. vom Wetter und vom Zustand der Passstrasse ab. Am besten ruft man zuvor an: 091 869 11 11.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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2 Kommentare zu «Mit einem Pfadi auf dem Sprung»

  • Pierre Dumont sagt:

    Der „Botta am Hang“ ist entgegen der weitläufigen Annahme kein Botta. Die Kaserne in Form eines offenen Kreises stammt von Fabio Muttoni & Silvano Caccia.

  • Meinrad Stöckli sagt:

    Wenn es die beiden Holländer auf ihren Bikes bis oben auf den Nufenenpass geschafft haben, erhalten sie im Restaurant eine besonders grosse Portion, siehe hier weitere Informationen darüber:

    http://www.hri.ch/de/3988/nufenenpass/

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