Kanonenweisse Pisten

Gastbeitrag von Malin Auras*

(Keystone/Alessandro Della Bella)

Perfekte Pisten dank Kunstschnee: Schneekanone in Arosa. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Es ist schon ziemlich lange her, aber ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war der wahrscheinlich schneeärmste der schneearmen Winter Anfang der 90er. Ich sehe uns noch ganz genau auf der grauen Steintreppe unserer Schule sitzen – schluchzend vor Enttäuschung. Eine Gruppe 14-jähriger Mädchen, die Gold-Mädchen der Landesmeisterschaft vom Vorjahr, die Skilanglauf-Mannschaft unserer Kleinstadtschule. Und das alles nur, weil die Schul-Skiwettkämpfe im Langlauf wegen Schneemangel abgesagt werden mussten.

Das kann uns heute nicht mehr passieren. Die Schneekanonen werdens richten. Wenn wir alljährlich an Silvester in den Skiurlaub fahren, werde ich schon längst nicht mehr unruhig, wenn kurz vor Weihnachten die Webcam noch grüne Bilder zeigt. Klar, toll ist das nicht, aber irgendwas geht immer.

Dieses Jahr gab es dann aber trotzdem Tränen – bei den Kindern. Dabei war eigentlich alles perfekt. Wir kamen gleichzeitig an. Wir und 1 Meter wunderbarer, lockerer, glitzernder Neuschnee. Das Original von Frau Holle. Ein Traum! Bei der Talabfahrt war dann aber Schluss mit lustig: Die Schneekanonen liefen auf Hochtouren, um zusätzlichen Schnee zu produzieren. Statt mit feinem, weichem Neuschnee wurden wir auf der Talabfahrt mit eisigem Kunstschnee konfrontiert. Das Schlimmste war aber der künstliche Schneesturm, der in den Kindergesichtern wie Nadeln stach und auf den Skibrillen eine dünne Eisschicht hinterliess, die kaum mehr wegzuwischen war. Das Ergebnis: Tränen statt Traumabfahrt.

Waren es früher einzelne, stark beanspruchte Stellen, die mit Schneekanonen fahrbar gemacht wurden, können heutzutage bis zu 100 Prozent der Pisten beschneit werden. Schneeproduzent – bestimmt gibt es dieses Berufsbild schon. Letztens habe ich sogar gelesen, dass mittlerweile satellitengestützte Systeme den Einsatz des teuren Kunstschnees noch effizienter gestalten. Die Pistenraupe erkennt die Dicke der Schneedecke und identifiziert genau diejenigen Stellen, an denen noch was fehlt vom kostbaren Weiss. Das reduziert die Schneeproduktion und damit den Energie- und Trinkwasserverbrauch. Klingt super. In der Theorie.

In der Praxis wird aber immer mehr beschneit, mehr Berglandschaft «umgebaut», um Speicherteiche zu schaffen, Leitungen zu verlegen, Strom zu erzeugen und Trassees anzulegen. Die technische Schnee-Erzeugung ist ein immenser Eingriff in die Natur. Wollen wir, dass aus den unberechenbaren Bergen ein industriell durchorganisierter Vergnügungspark wird? Wollen wir, dass die Bedingungen immer mindestens okay sind? Der Skiurlaub vollständig planbar? Sicherheit statt Naturerlebnis? Der nächste Schritt wäre dann eine Überdachung der Pisten – neben dem Schnee ist ja auch das Wetter ein ziemlicher Unsicherheitsfaktor. Dann wäre es in den Bergen beinahe so kalkulierbar und langweilig wie in einer Skihalle. Mir jedenfalls ist ein Skiurlaub mit echtem Schnee lieber – trotz der möglichen Enttäuschung, wenn die Verhältnisse schlecht sind. Dafür freut man sich dann doppelt über jeden Zentimeter Neuschnee!

Was halten Sie von der künstlichen Beschneiung von Skipisten? Würden Sie auch weniger perfekt präparierte Pisten akzeptieren? Planen Sie Ihren Skiurlaub oder Ihre Skiausflüge lange im Voraus, oder gehören Sie eher zu den Kurzentschlossenen?


Bestritten, aber weit verbreitet: Schneekanonen. (Welt der Wunder/Youtube)

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

16 Kommentare zu «Kanonenweisse Pisten»

  • Knäbe sagt:

    Natürlich ist Naturschnee das Beste. Doch sollte sich jeder der sich beschwert selber an der Nase nehmen, weil er durch seine nicht durchwegs energieeffiziente Lebensweise, zur Klimaerwärmung beiträgt. Bestimmt findet sich noch bei jedem Pontential, etwas dagegen zu tun. Doch unsere allgemeine Einstellung, zuerst die Anderen, ich warte ab, führt uns nicht zum Ziel, auf Schneekanonen verzichten zu können. Jeder kann etwas bewegen, gemeinsam sind wir stark.

  • Martino, Skilehrer sagt:

    Finde den Artikel treffend und völlig real. Als patentierter Privatskilehrer in einem grossen Skigebiet, verfolge ich die Entwicklung mit grosser Sorge und bin betrübt mit welcher Sorglosigkeit mit unserer Natur umgegangen wird.Natürlich ist es für den Tourismus von Nöten in schneearmen Zeiten den Gästen ihr Vergnügen zu ermöglichen, doch sollte sich das im Mass bewegen. Der andere Aspekt das die grossen Tourismusorte all inclusiv anbieten, die leidtragenden sind die Natur und die Bergbahnangestellten und die Skilehrer die einen Job machen, der deutlich unter dem Mindestlohn liegt.
    Martino, pat. Skilehrer

  • Schindler sagt:

    Schneekanonen waren eine super Erfindung. Danke dem Schnee kommen die Gäste, die Leute treiben Sport, sind an der frischen Luft und fühlen sich dadurch gut und bleiben gesünder! Der Beitrag ist mir viel zu pessimistisch und stänkerisch. Ich liebe zudem die harten Pisten vom Kunstschnee, es gibt Speed und Grip!! Als ehem. Bub der Skirennen gefahren ist, genau das Richtige :-). Ab gehts, der Berg ruft!!

  • Joachim Adamek sagt:

    Tja, was machen, wenn der Schnee ausbleibt? Wandern – über grüne Wiesen im Dezember? Schneesichere Orte aufsuchen? Oder einfach die Berge mit Müll und Bauschutt so lange auffüllen, bis die Permafrostgrenze erreicht ist? Schneekanonen können sicher nur eine Notlösung sein. Nicht nur, weil sie ziemlich viele Ressourcen verbrauchen. Sie forcieren den Klimawandel eher noch. Dann lieber dem Schnee nachreisen: Nach Mallorca, Israel oder in die Türkei. Der veränderte Polarfrontjetstream macht’s möglich. Im Übrigen waren die Schneeverhältnisse dieses Jahr doch gar nicht so schlecht, oder?

  • glatz sagt:

    Künstlicher Schnee muss heute produziert werden, nein nicht nur des Tourismusumsatzes wegen. Wenn früher ein Meter Neuschnee fiel war das schön. Heute fahren viel zu viele Skifahrer, so dass der Naturschnee schlicht kaum mehr reichen würde. alle würden auf Wiesen und Blumen rumkratzen, Nein nicht nur die Skier gingn kaputt auch die Flora! Deswegen isch ein technischer Schnee eigentlich auch eine Schutzschicht für die Natur. Im Frühjahr verschwindet dieses fast so schnell wie Naturschnee und die Flora kann sich prächtig entfalten. Klar alles hat Vor- und Nachteile.
    Ein Vorteil: wer will den dauernd kaputte Skier? Nachteil, die Pisten werden hart und strapaierfähig, dafür brauche wir Helme um nicht Schaden zu nehmen wenn wir stürzen usw.

  • Rob Müller sagt:

    Der Energieverbrauch eines einzigen Pisten-Skitages ist enorm. Anreise, Infrastruktur, Kunstschnee, Verpflegung. Hätte Energie einen fairen Preis, dh. kein Atom- und Kohlestrom und fossile Brennstoffe, es wäre unbezahlbar, eine Tageskarte weit über 100 Franken.
    Und da spricht manch Tourismusmanager noch von „Natursport“ an der frischen Luft; kein Wunder, im Outdoorblog erscheints ja auch.

    Ich bin seit Jahren nicht mehr auf der Piste anzutreffen. Skitouren mit ÖV sind meine persönlichen Lösungen für das Dilemma.

  • marusca sagt:

    Ich kann nur schwer nachvollziehen, wie man einem Sport fröhen kann im Wissen, dass der „Schnee“, auf dem man sich tummelt ein, Kunstprodukt ist, für das jährlich viele Millionen verschleudert werden. Und über die verschleuderte Energie für dieses, seit Langem übliche, aber deswegen nicht weniger dekadente Unterfangen, will ich lieber erst gar nicht sprechen.

  • Thomas sagt:

    Ich geniesse es jeweils am Morgen als Erster über die perfekt präparierten, technisch beschneiten Pisten zu carven. Vorallem wenn ich weiss, dass mit dem satellitengestützten System ausreichend Schnee über die Landschaft verteilt worden ist. Das funktioniert nicht nur in der Theorie, sondern lässt sich in der Praxis bestens umsetzen. Der Schweizer Anbieter lässt grüssen.

  • Cerny Kern sagt:

    Auch ich ziehe Naturschnee dem Kunstschnee vor. Aber ich ziehe den Kunstschnee sicherlich Steinen und Grasnarben vor! War letzte Woche in den Dolomiten. Eine wunderbare Ergänzung von Kunstschnee und ein wenig Naturschnee. Aber ohne Kunstschnee wäre dieser Winter im Südtirol wohl voll in die Hosen gegangen……..und Tausende von Angestellten in den Skiregionen wären wohl auf den Arbeitsämtern gelandet! Und übrigens, „Kunstschnee“ ist Natur pur. Besteht aus Wasser und Luft und wird mit Strom aus Wasserkraft (kommt meistens aus den Bergen) hergestellt und tut niemandem weh!

    • Rob Müller sagt:

      „Natur Pur?“ Schon mal was von Snomax gehört? Und Strom aus Wasserkraft? Müssten die Skigebiete auf nächtlichen, billigen Atom- und Kohlestrom verzichten, wären die Energiekosten viel höher. Und das Wasser stammt auch aus „Natur pur“? Für künstliche Beschneiiungen und glatte Pisten werden ganze Naturräume umgestaltet, so dass jede Weihnacht dem Skisport gefröhnt werden kann. Koste es, was es wolle. Die Natur zahlt. Gerne.

  • Hugo sagt:

    Die Nachhaltigkeit von Wintersprot ist eh fragwürdig. Man reist mit dem SUV an, die Schneekanonen laufen die ganze Nacht durch und möchte gerne wissen, wieviele KW die an Strom so verbrauchen. So gesehen sind die Skitickets viel zu billig.

    • Helbling Karl sagt:

      was haben SUV’s mit Schneekanonen zu tun ???? und nein, die Tickets sind nicht zu günstig. Die Skigebiete fahren ja Gewinne ein.

  • Planneralm sagt:

    Noch gibt es hoch gelegene, reine Naturschnee-Skigebiete, wie die Planneralm in Österreich. Und da kann man erleben, was es für einen Unterschied macht, ob echter, griffiger oder pulvriger Schnee statt Eiskugeln unter den Skien ist. Aber auch abseits der Piste genießen es gerade Familien mit Kindern einen echten, verschneiten Winter zu erleben, statt weiße Nderland in grüner oder brauner Landschaft.

  • Thomas sagt:

    Ich finde es schade, dass es in den Alpen immer weniger „Naturschnee“-Skigebiete gibt. Also Skigebiete, die halt nur laufen, wenn auch genug Schnee da ist. Skigebiete, die auch ohne Beschneiung auskommen. Dies geht auch einher mit dem immer großflächigeren Zusammenschluss an Skigebieten, die natürlich einen Standard bieten wollen und/oder müssen. Die kleinen Familienskigebiete, bei denen es sich halt auch mal lohnt nur für ein paar Stunden mit der Familien zu fahren, bleiben bei dem Trend leider auf der Strecke und sterben aus. Durch die Investitionen in Beschneiungsanlagen und hypermoderne Liste mit Sitzheizung und Co. müssen natürlich auch die Preise für die Skitickets steigen. Für mich als Familienvater mit Frau und zwei Kindern ist das dann irgendwann einfach nicht mehr bezahlbar.

    Der Chef von Techno Alpin hat vor kurzem in einem Interview mit Spiegel online argumentiert, dass viele Skifahrer gar nicht mehr auf Naturschnee fahren können oder wollen. Das gilt vielleicht für einen Anfänger oder Gelegenheitsskifahrer, für mich als doch recht ambitionierten Skifahrer und manchmal-Tourengeher wohl eher nicht.

  • Rolf Müller sagt:

    Hallo
    Ich geniesse Naturschnee jeweils auch in vollen Zügen. Bis vor wenigen Jahren war zb. Obersaxen zu 90% Naturschnee. Ich war total fasziniert, dass es das noch gab. Da war mir plötzlich klar, wieso es heute Carving-Skier braucht, um überhaupt noch die Eispisten runter zu kommen.
    Als Tourismusverantwortlicher würde ich mit einem Label „PureSnow“ Werbung machen…

  • Tom Dürst sagt:

    Es ist doch einzig eine Frage des Respekts. Der Respekt gegenüber der Natur, unserer überwältigenden Bergwelt verbietet den Einsatz von Schneekanonen (widerlicher Begriff). Die Verschandelung der Alpenwelt ist das Resultat unserer dummen Bezwingermentalität. Und da kann leider kein Kraut dagegen heran wachsen, weil Eiskanonen und Planierpanzer jedes Wachstum im Keim ersticken!

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