Das Stockhorn boykottierte uns

Diese Woche von der Station Burgistein nach Amsoldingen BE

Dass es während unserer Berner Wanderung kalt war, dass zeitweise Nieselregen fiel: kein Problem. Was uns hingegen wirklich wurmte, war die fehlende Sicht; es nebelte auch. So sahen wir das Stockhorn nicht, den Riesenzahn, der unsere Unternehmung hätte überragen, leiten, inspirieren sollen.

Aber wie das im Leben so ist – wenn etwas fehlt, konzentriert man sich auf das, was da ist, und weiss dieses Vorhandene umso mehr zu schätzen. Entlang der Gürbe zogen wir von der Station Burgistein vorwärts, mochten die Ruhe des Weges, die Stille der Äcker, die Haselstauden, das angenehme Geradeaus, das zögerliche Erwachen der Natur. Als Kunst im Gelände, als bizarre Tentakel-Installationen, nahmen wir die Strommasten wahr.

Vier Attraktionen auf einen Streich

Einige Zeit nach Wattenwil gingen wir durch eine gedeckte Holzbrücke, kamen ins Gebiet Längmoos, liefen auf einer Art Dammweg und tauschten die Gürbe gegen den Fallbach ein. Dann der Campingplatz im einstigen Kurpark des Bades Blumenstein, dessen Geschichte 1611 begann, als der damalige Besitzer die Lizenz für einen Badebetrieb erhielt. Zügig – Hunger! – querten wir danach Blumenstein, zogen durch das «Moos» Richtung Pohlern, waren nun im Stockentäli.

Dessen Namen erinnerte uns wieder ans Stockhorn. Wo war es? Weiterhin zeigte es sich nicht, ach je!

Wir blieben nicht allzu lange im Stockentäli, verliessen es kurz vor Pohlern, indem wir auf den Wanderweg nach Amsoldingen abbogen, unser Ziel. Amsoldingen enttäuschte uns nicht. Alle vier Attraktionen, die ich meinem Grüppli angekündigt hatte, gefielen. Erstens – vielleicht ein bisschen reserviert, aber doch sehr schön in seinem geschützten Riedgürtel – der Amsoldingersee, ein stattliches Gewässer von gut einem Kilometer Länge.

Zweitens beschauten wir das Schloss; von aussen, versteht sich, es ist Privatbesitz, patrizisches Eigentum. Mit ihm verbindet sich der Name der legendären Madame de Meuron, die es von ihrem Vater erbte, während ihr die Mutter Schloss Rümligen vermachte. Die Madame, 1882 bis 1980, war altes Bern in der Moderne. Lebenslänglich trug sie Trauerkleidung, nachdem ihr Sohn sich das Leben genommen hatte, und führte ein Hörrohr mit sich. «So ghör i nume, was i wott», sagte sie.

Die ottonische Basilika

Drittens besichtigten wir die berühmte Kirche, die einst, vor der Reformation, dem heiligen Mauritius gewidmet war. Es gibt in der Thunerseegegend eine ganze Gruppe frühromanischer Kirchen, diejenige von Amsoldingen hatte ich noch nicht gesehen. Irgendwie unbernisch mutete diese sogenannte ottonische Basilika der Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend an – eine weit nach Norden ausgezogene Botschafterin der lombardischen Architektur. Im Innern war niemand, perfekt, wir verharrten lange, ich schloss die Augen, wäre fast eingeschlafen, wenn nicht mein Magen geknurrt hätte. Ich setzte mich wieder gerade hin und schaute ein paar Dinge auf meinem Handy nach. Interessant: Die originalen Stützen in der Krypta waren römischen Ursprunges und kamen aus Aventicum, also Avenches; im 19. Jahrhundert wurden sie ersetzt und kamen ins Museum.

Fünf Gehminuten weiter fanden wir unsere vierte Attraktion, das Kreuz von Amsoldingen, eine Dorfbeiz, in der man währschaft und doch mit Finesse kocht. Der Rotwein, den wir zum Essen tranken, half, die Fantasie zu beflügeln; so halluzinierten wir uns das Stockhorn herbei, das wir die ganze Wanderung über nicht gesehen hatten.

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Route: Station Burgistein – Gürbe – Wattenwil – Holzbrücke beim Längmoos – Bad Blumenstein – Blumenstein – Mühle – Pohlern – Hof – Kistlern – Glend – Ruedismatt – Kirche und Schloss Amsoldingen – Kreuz, Amsoldingen (Bushaltestelle).

Wanderzeit: 31/4 Stunden.

Höhendifferenz: 156 Meter auf-, 187 abwärts.

Wanderkarte: 253 T Gantrisch, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus nach Thun, S-Bahn zur Station Burgistein.

Charakter: Die meiste Zeit geht es angenehm flach der Gürbe entlang. Aparte Kanälchen und Waldwege. Am Schluss Geschichte und Architektur in Amsoldingen.

Höhepunkte: Die Kirche Amsoldingen samt dem Schloss nebenan. Der See von Amsoldingen.

Kinder: Leicht.

Hund: Leicht.

Einkehr: In Amsoldingen das Kreuz. Di/Mi Ruhetage.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Das Stockhorn boykottierte uns»

  • hallo thomas

    danke für den schönen bericht.
    da ich in Bern Stadt lebe, kenne ich diese wanderung bestens. die wanderung am fusse der berner voralpen vermittelt sehr schöne eindrücke.
    man lernt hier die berner alpen kennen, aus einer interessanten persepktive.¨

    ich wünsche viel spass.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

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