Die Zentralschweiz als Spektakel

Von Zug zum Michaelskreuz und via Küssnacht nach Immensee (ZG, LU, SZ)

Auf dem Rooterberg, beim Michaelskreuz, wurden wir erleuchtet. Wirklich! Der Tag war schon auf dem langen Anmarsch speziell schön gewesen, strahlend. Als wir dann die Kapelle auf ihrem Gupf vor uns hatten, schillerte der Himmel um sie in allen Farben, das war Lichtmagie. Die Meteorologen, ein nüchternes Volk, nennen es «irisierende Wolken»; das Phänomen ist optisch eng verwandt mit dem Regenbogen.

Um gleich weiterzuschwärmen: Dies ist eine grosse Route. Sie präsentiert die Zentralschweiz als Spektakel. Da ist die immer wieder aus neuen Winkeln sich zeigende, durch ihre Horizontalbänder geometrisch auftretende, seriös wirkende Rigi. Da ist aber auch ihr Rivale, der Pilatus; ein wilder Geselle, der seine Zacken dem Himmel zustreckt. Und dazwischen vollendet blaues Wasser, die Fläche des Zugersees zuerst, später der Vierwaldstättersee und dessen Küssnachter Finger.

Und überall hockt Geschichte

Als sei dies nicht genug, kommt man unterwegs an grossen und kleinen Kirchen vorbei wie dem erwähnten Michaelskreuz oder dem stillen Bijou St. Katharina in Haltikon. Und überall hockt Geschichte. Chams Villettepark etwa, öffentliches Gelände, erzählt vom Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss, der die Lustwandelfläche am Zugersee anlegte samt einem Palast im Neurenaissance-Stil. Die Gesslerburg von Küssnacht wiederum und die Hohle Gasse bei Immensee beschwören den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft und wecken gleichzeitig Zweifel: Die Hohle Gasse ist ein Kunstprodukt. Eine Fantasie von heute, wie es gestern gewesen sein soll.

Oh weh, mir bleibt nun nicht der Platz, unsere Unternehmung detailreich zu schildern. Halten wir fest, dass man 7 1/4 Stunden unterwegs ist, gut 630 Meter auf- und 580 Meter absteigt. Dass es aber auch möglich ist, die drei Etappen einzeln zu laufen. Etappe eins ist die leichte Uferschlenderei von Zug via Cham nach Buonas; man braucht dafür 2 3/4 Stunden.

Wer diesen flachen Vorspann weglassen will, beginnt in Buonas bei der Bushaltestelle Neuhofstrasse. Die Mitteletappe von 3 1/4 Stunden führt von dort via Meierskappel und den Dietisberg auf den Rooterberg zum Michaelskreuz, dem besten Aussichtspunkt weit und breit; einst soll ein Einsiedler auf Geheiss des Erzengels Michael hier auf knapp 800 Metern ein Kreuz aufgerichtet haben, die Kapelle folgte später. Freude spendet das Restaurant 100 Meter weiter, in dem man gut kocht, just heute Freitag öffnet es nach den Betriebsferien wieder. Reservieren! Nach dem Zmittag steigt man ab via Haltikon nach Küssnacht, dessen Namenszusatz «am Rigi» vor einigen Jahren gestrichen wurde.

Berauschender Glanztag

Eher ein Spaziergang von gut 1 1/4 Stunde ist, wenn man sie separat absolviert, die dritte Etappe vom Bahnhof Küssnacht zum See, dann durch den Dorfkern mit vielen historischen Häusern zur Gesslerburg und weiter zum Bahnhof Immensee; natürlich wird man bei aller geschichtlichen Fragwürdigkeit die Hohle Gasse besichtigen.

Als wir an unserem Glanztag in Immensee ankamen, waren wir glücklich und müde. Es dunkelte ein. Wir fanden das Café Bijou offen vor. Musiker trugen gerade ihr Gerät hinauf in die Gaststube im ersten Stock; ein Geburtstag war angesagt, alle Tische dekoriert. An der Bar trafen wir zwei Männer, die schwer Alkohol geladen hatten. Doch waren vielleicht auch wir die Betrunkenen. Berauscht von der Sonne und einem Übermass an Schönheit.

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Route: Zug Bahnhof – Cham – Buonas – Meierskappel – Dietisberg – Rooterberg/Michaelskreuz – Robmatt – Haltikon/St. Katharina – Küssnacht, Bahnhof – Küssnacht, See – Gesslerburg – Hohle Gasse – Immensee, Bahnhof.

Wanderzeit: 7 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 630 Meter auf-, 580 abwärts.

Wanderkarte: 235 T Rotkreuz, 1: 50’000.

Kürzer: Man kann drei Etappen einzeln wandern. Erstens: Am See von Zug via Cham nach Buonas (Bushaltestelle Neuhofstrasse), 2 3/4 Stunden, wenig Höhendifferenz. Zweitens: Buonas – Michaelskreuz – Haltikon – Küssnacht Bahnhof, 3 1/4 Stunden, 460 Meter aufwärts, 420 abwärts. Drittens: Küssnacht Bahnhof – See – Gesslerburg – Hohle Gasse – Immensee Bahnhof, 1 1/4 Stunde, je 100 Meter auf- und abwärts.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour zum Ausgangspunkt: Immensee – Zug mit einmal Umsteigen in Arth-Goldau per Zug. Es gibt auch andere, leicht kürzere Varianten, siehe Fahrplan.

Charakter: Unglaublich abwechslungsreich, unglaublich aussichtsreich, unglaublich schön. Zentralschweiz als grosses Kino. Berge, Seen, Kunst und Historie verschränken sich. Anstrengend in der Länge, aber – siehe oben – gut etappierbar.

Höhepunkte: Der Zugersee und dahinter die Rigi von Zug aus gesehen. Der Villettepark in Cham. Das erhabene Kapellchen auf dem Michaelskreuz und gleich danach die Einkehr im Gipfelrestaurant. Küssnachts Gesslerburg.

Kinder: Lange Route. Auf der Gesslerburg muss man auf die Kinder aufpassen.

Hund: Lang, aber keine Probleme.

Einkehr: Viele Restaurants. Das Restaurant Michaelskreuz ist Mo/Di zu. Reservieren!

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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