Was ein Sportler (nicht) alles braucht

Ein Gastbeitrag von Franziska Horn*

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Eine Jacke für jede Sportart: Materialschlacht an der Ispo in München. Fotos: Messe München International

Die jährliche Ispo München im Februar ist die grösste Sportartikelmesse des Planeten. Und eine kolossale Materialschlacht. Wo man bisher auf Star-Alpinisten setzte, um Soft- oder Hardshells zu verkaufen, scheint jetzt die Epoche der Götter und Gralsritter angebrochen. Karrieretechnisch stehn die ja eines drüber. Die Ispo gibt sich als Showroom der Superlative. Und ist am Ende nur eine Art Götterdämmerung?

Die Pressekonferenz der Scandinavian Outdoor Group (SOG) präsentiert nordische Hersteller im Zweiminutentakt. Haglöfs zeigt eine 600 Euro teure Kapuzenjacke für Freeriderinnen, benannt nach «Skade», nordische Wintergöttin. Das Label Seger, das bedeutet «Sieg», stellt Heizsocken vor. Mit «heating system», per Smartphone via App kontrolliert, ab 300 Euro. Und wo Hanwag bisher Schuhprofile mit «Hypergrip» anbot, ist das Label Icebug einen Schritt weiter: Deren «world leading ice grip» und die «Holy grail midsole» kann nix mehr toppen. Klingt, als ob eine simple Sohle nicht nur alle Laufprobleme lösen kann, sondern die grossen Fragen der Menschheit gleich dazu. Dieses «Naming» klingt mutiger, als den Spallagrat bei Nacht und Nebel zu begehen.

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Dieser Tarnanzug könnte auf Skipisten gefährlich sein.

Auf dem Messestand des Labels «Canada Goose» schickt man Besucher mit hochwertigen Hutterer-Daunen in die Kältekammer. Um bei –20 Grad zu überprüfen, dass man im Kanada-Parka auch bei –70 Grad überlebt. Beim Überleben hilft zudem ein kleiner Stoffriegel, aussen, in Höhe der Schultern. Damit kann der Abenteurer per Eishaken aus dem arktischen Meer gefischt werden, sollte er schwankende Schiffsplanken unfreiwillig mit H2O vertauschen. Getragen von urbanen Asphalt-Cowboys, wird der Grossteil dieser Jacken eher die Eiswürfel im Cocktail der Szenebars als das nordische Eismeer erblicken.

Und Patagonia, bisher ernsthaft um Nachhaltigkeit bemüht, versucht mit hochspezialisierten Jacken zu punkten: Ein Modell zum Eisklettern, eines zum Skitourengehen, zum Pistenskifahren … zum – Eislaufen? Langlaufen? Geocaching? Winter-Biken? Und, wir ahnten es: Siegertypen tragen Siegerpullis. Deswegen legt «Dale of Norway» den Worldcup-Sweater von 1958 knapp 60 Jahre später spasseshalber wieder auf, während Pulli «Glittertind» ein dekorativer Streifen Lachshaut am Kragen schmückt. Irgendwo müssen die Reste vom Mittagessen ja hin. Am Ende ist der Einsatz von Fischleder so was wie gelebte Nachhaltigkeit?

2015 feierte die Ispo Besucherrekorde: 80’000 Menschen pilgerten durch die Pavillons. 2585 Aussteller füllten die ausgebuchten Hallen, 2016 plant man zwei neue dazu. Was macht den Erfolg der Messe aus? Vielleicht das fantasievolle Marketing dieser Produkt-Myriaden. Es gilt: «Attraktiv ist, wer aktiv ist». Funktioniert immer, irgendwie. Auch wenn der Durchschnittskunde das 600-Euro-Arcteryx-Hardshell vor allem von der Couch ins Büro trägt. Vom Leitsatz «Sport macht sexy» lebt eine ganze Branche.

Dabei übersehen die Hersteller: All die vermeintlichen oder tatsächlichen Neuheiten lassen die eigenen Exponate vom Vorjahr ziemlich alt aussehen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Manchmal kommt die Masse «bahnbrechender» Ideen wie ein Overkill daher. Vieles wirkt überperformt. Brauchen wir Baumhäuser zum Mitnehmen oder Drohnen, die dem Freerider automatisch folgen? Brauchen wir Ganzkörper-Laminate, dynamisch gestretcht in mindestens vier Richtungen? Man fragt sich, wie Hermann Buhl es damals auf den Nanga Parbat schaffte. Doch Materialfetischismus kann eigene alpine Erfahrung nicht ersetzen. Und die macht man im Norwegerstrick ebenso wie mit Ultra-Supra-Techno-Fibres, getestet auf dem Mars. Sich vollklimatisiert über den Berg zu bewegen, nie nass werden, nie schwitzen, das ist absurd. Das hat man doch eh schon im Stadtbüro. Auch wenn es reaktionär klingt: Gehn wir nicht auf den Berg, um überhaupt noch was von der Natur zu spüren?

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Das Neue ist immer um Welten besser als das Letztjahresprodukt: Modeschau an der Messe.

Wen man so trifft beim Hallenparcours? Am Komperdellstand klemmen die Huababuam auf Stühlen zwischen Hitech-Teleskopcarbonstöcken. Ein Menschenstrom zieht vorbei, schaut mit stumpfen, irritierten Blicken auf das Überangebot. Kaum einer beachtet die Brüder. Sie wirken, als sei ihnen das sehr recht. Später dann ein Plausch mit Alex Ploner, Mitorganisator des Kiku International Mountain Summit: «Die grossen Alpinhelden und Star-Athleten ziehen nicht mehr so das Publikum an. Es sind eher Menschen vom Berg, wie du und ich, die jetzt mehr interessieren.» Steht das Ende der Überhelden bevor? Am Ende des langen Messetages möchte man all den Produktentwicklern als Wink mit der Stricknadel ein paar Socken stricken. Von Hand, aus natürlicher, selbstfettender Wolle (neudeutsch: «repellent»). Wolle macht das von allein, sie kann nicht anders. Schafe tragen ihren Water-Windproof-Shell ja ein Leben lang, stehen ständig im Windkanal und in der Kältekammer. Sozusagen. Drum tragen die Nordmenschen, die in echter Kälte leben, vor allem: Wolle. Vielleicht sollte die Sportartikelbranche mal dem selbst propagierten Relax-Trend folgen – sich zurücklehnen und ein bisschen entspannen.

Franziska Horn* Franziska Horn schreibt über Design, Architektur, Reise, Alpin- und Outdoorsport. 2014 ist ihre Biografie der Alpinistin Edurne Pasaban erschienen, ein Reise-Band über das Ötztal folgt im März 2015.

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