Süchtig nach Kicks und Klicks

Von Gabriela Braun*

Quelle: Youtube

Er rast den Berg hinunter, auf direktem Weg. Blocht mit den Ski über eine Piste, quer durch ein laufendes Skirennen, um neben der Piste weiterzurasen. Der Fahrer ist schnell und springt weit, sehr weit, über mehrere Meter hohe Schanzen und erstaunte Skifahrer hinweg. Einmal fliegt er gar gefährlich nah über einen Verunfallten auf einem Rettungsschlitten und dessen zwei Betreuer. Wusch, zisch, Jump. Tempo. Speed!

Man wähnt sich auf einer irren Fahrt in einem Game. Avatar goes crazy, ein irr gewordener Typ mit der Einstellung «Nach mir die Sintflut». Ein Unfall, Crash, mögliche Opfer? Ist doch egal, dann beginnen wir eben wieder von vorne.

Beeindruckt, aber auch schockiert

SUISSE RIP CURL FREESKI EVENT HALFPIPE

Candide Thovex in Aktion in Saas Fee. Foto: Keystone

Doch nein, es ist kein virtuelles Game, sondern eines in echt. Die beschriebenen Szenen spielen sich in einem verrückten Youtube-Film ab, der seit Mitte Januar schon über 13 Millionen Mal angeschaut wurde. Der französische Skiprofi Candide Thovex nahm die Szenen aus der Fahrerperspektive mit einer Go-Pro-Kamera auf. Die Reaktionen darauf sind gespalten: Zahlreiche Viewer zeigen sich seit der Veröffentlichung begeistert, beeindruckt und gratulieren ihm. Andere decken ihn in der Kommentarspalte mit Schimpf und Schande ein. Sie heissen ihn unverantwortlich, gemeingefährlich. «Was, wenn du in einen Unbeteiligten gerast wärst?», fragt ein User. Wenn Thovex auf einem seiner Sprünge über die Schanze oder die Bergstation des Sessellifts in andere Fahrer gecrasht wäre?

Das sind auch meine Gedanken. Der Kurzfilm ärgert mich, auch wenn mir klar ist, dass es sich dabei teils um inszenierte Szenen und geschnittenes Material handelt. Doch es ist offensichtlich, dass der Freestyle-Fahrer für seine Action-Aufnahmen erhebliche Risiken in Kauf nahm und andere Skifahrer gefährdete. Wie irrsinnig und blöd! Es kann doch nicht sein, dass ein Crack mit hundert Sachen die Piste runterrast und allein für atemberaubende Aufnahmen mögliche Unfälle provoziert. Das ist crank!

Go-Pro-Filme lassen Narzissten höhere Risiken eingehen

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So sieht er ohne Helm und Kamera aus: Candide Thovex. Foto: www.powder.com

Damit man mich richtig versteht: Ich liebe Wintersport, fahre leidenschaftlich gerne Ski und Snowboard und bin gerne zügig unterwegs. Freestyle-Videos schaue ich seit Teenager-Tagen mit Hingabe: Snowboardern und Freeskiern zuzusehen, die in Endlosschleife den Berg runterpowdern, hat etwas Meditatives und gehört zum Entspannendsten überhaupt.

Aufnahmen für Go-Pro-Filme wie jene von Candide Thovex aber gehören für mich in die Kategorie «hirnverbrannt». Sie verursachen meiner Meinung nach aktuell die grössten Risiken auf Skipisten. Die vielen Fahrer mit der Kamera auf dem Helm wollen eine Aufnahme haben, die kein anderer hat. Deshalb tasten sie sich immer weiter an ihre Grenzen heran. Die Selbstinszenierung in Ton und Bild mündet schnell in Selbstüberschätzung. Narzissten gehen höhere Risiken ein und gefährden damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Denn immer nur geradeaus filmen interessiert keinen. Welche Videos top sind und welche ein Flop, entscheidet das Publikum auf Youtube. Klicks bekommen vor allem jene, die alles bisher Gefilmte übertreffen.

Quelle: Youtube

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So entstehen die wilden Filme: Extremskifahrer mit auf den Helm montierter Go-Pro-Kamera. Foto: Youtube

 

*Gabriela Braun zieht heute auf der Skipiste ihre Spuren in den Schnee. Sie schreibt in der Regel für den Mamablog und ist redaktionelle Leiterin der Blogs.

 

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5 Kommentare zu «Süchtig nach Kicks und Klicks»

  • stephan sagt:

    Das ist genau das Problem jeder Teenager und ich-wär-noch-gerne-jung-und-wild kauft sich eine GoPro und meint, die physikalischen Gesetze seien damit ausser Kraft gesetzt.
    Und wer dieser Möchtegern Action Sportler recherchiert, wie professionell das hier diskutierte Video realisiert wurde?
    Und wenn man schon recherchiert, dann wäre die Statistik dieser Extrem Sportler, welche ihr Leben deshalb verloren haben oder eben andere als Unbeteiligte im Krankenhaus gelandet sind?
    Da kann ich nur den Dokumentationsfilm empfehlen über die Dunkle Seite vom weltbekannten Energy Getränke Hersteller, das bringt diese Szene in ein anderes Licht und regt auch zur kritischen Betrachtung dieser Sportler-Bewegung.

  • andy sagt:

    Also wirklich.
    Mit fünf Minuten Recherche hätte man heraus finden können dass alle Szenen in denen andere Personen im Bild sind so abgesprochen und geplant waren. Und zwar in beiden „One of those days“. Die anderen Skifahrer sind alles Freunde und Bekannte von Thovex.
    Man sieht ja vor allem beim Schauen vom zweiten Teil dass das sehr viel inszeniert ist.
    Und dass einer der besten Freeskier/Freestyler der Welt für das Verhalten anderer Skifahrer verantwortlich sein soll ist haarsträubend. Thovex hat praktisch alle Wettbewerbe gewonnen, die es zu gewinnen gibt. (http://en.wikipedia.org/wiki/Candide_Thovex)
    Oder wollen Sie Formel 1 Fahrern die Schuld an Raserunfällen geben?

    Was Thovex macht ist atemberaubend und auf allerhöchstem Niveau. Von allen anderen GoPro-Nutzern kann ja etwas Selbstreflektion verlangt werden.

    Dass dieser Kommentar von einer Autorin verfasst wurde, die normalerweise nicht im OUTDOORBLOG schreibt, lässt immerhin erhoffen, dass dies nicht die Meinung von Personen repräsentiert, die sich regelmässig mit der Szene befassen.

  • mo sagt:

    Pistenrowdy und unverantwortlich. Gefährdet sich und Andere. Das kann auch mal schiefgehen. So etwas sollte man bestrafen.

    • Ursin sagt:

      Vielleicht mal die anderen Kommentare hier lesen und etwas Nachforschungen anstellen (was der Autorin auch nicht geschadet hätte). Die Szenen sind nicht einfach so beim „Rasen“ entstanden, die sind inszeniert und geplant. Der einzige der dabei wirklich gefährdet war ist er selbst,

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