In der Schatzkammer Surselva

Diese Woche von Falera nach Ladir und Ruschein GR

Bei dieser Winterwanderung stimmte letzte Woche alles. Schon die Anreise – der Zug nach Chur war fast leer. Was für ein Komfort, in Ruhe den Walensee betrachten und Kaffee schlürfen zu dürfen.

Schön auch die Busfahrt von Chur nach Flims, Laax, Falera. Das Unterland schien im Nebel gefangen. Im Bündner Oberland behauptete sich die Sonne den ganzen Tag gegen den Ansturm massiver Wolken.

Der Fund des Försters

Erfreulich schliesslich die Ankunft in Falera. Der Bus hielt, ich stieg aus und stand vor dem Informationsbüro. Und es war offen. Die Frau am Schalter sagte mir, wie ich den Winterwanderweg nach Ladir finden würde. Auch konnte ich eine Broschüre mit Informationen zum Parc La Mutta kaufen.

Mutta heisst Hügel. Beim Ortseingang hatten wir ihn passiert samt der alten Kirche. Ich unternahm nun eine Kurzexkursion. St. Remigius stammt aus der Spätgotik, sein Turm gar aus der Romanik. Vom Kirchhof sah ich die Berge rundum, denen der Schnee jede Bedrohlichkeit nahm; sanft und weich und überirdisch hell standen sie im Morgen.

Die Infotafel brachte mir bei, dass die Remigiuskirche eines von drei verknüpften Wundern ist. Ein zweites Wunder entdeckte 1935 der Kantonsförster im Grund. Der Muttahügel ist bronzezeitliches Siedlungsgebiet. Einst stand auf ihm ein Minidorf mit Rundhütten aus Holz; ein zwei Meter hoher Wall schützte die Bewohner gegen Angriffe und den Wind.

Das dritte Wunder waren die Megalithen auf der Wiese Planezzas neben der Kirche: drei Dutzend Menhire, zu Kultzwecken aufgerichtete Steine, von denen einige keck aus dem Schnee schauten. In meiner Broschüre hatte ich gelesen, dass manche Steinreihen astronomische Phänomene anpeilen und etwa anzeigen, wann zu den Tagundnachtgleichen die Sonne aufgeht. Die frühen Menschen der Gegend waren Himmelsexperten.

Ich ging wieder zu meinem Startpunkt, folgte der grossen Strasse durchs Dorf Richtung Westen, ignorierte den Abzweiger zum Curnius-Skilift. Kurz darauf fand ich beim Volg das Winterwanderschild nach Ladir und war eingespurt. Ein Tipp für alle, die es noch einfacher haben möchten: Die gewalzte, breite Winterroute vom einen Dorf zum anderen ist identisch mit dem Sommerweg.

Bald war ich im Wald. Gut, dass die Bäume nicht dicht standen und es mancherorts Lichtungen gab, so kam ich zu meiner Sonne. Das Gehen war mühelos, nirgendwo ging es steil aufwärts oder abwärts, während ich drei Bergbäche querte. Vor allem aber servierte mir der Weg das grösste Luxusgut der Neuzeit: Stille.

Schnitzeleuphorie bricht aus

Kurz vor Ladir teilte sich der Weg in zwei Varianten. Ich wählte die linke, umkreiste den Hügel Bual, erreichte die Strasse und war fünf Minuten später in Ladir. Wanderende! Wanderende? Ich beschloss: Verlängerung. Auf einer Nebenstrasse spazierte ich in 20 Minuten ins nahe, tiefer gelegene Nachbardorf Ruschein. Eine gute Entscheidung – wieder ein stimmungsvolles Dorf. Bei seiner erhaben gelegenen Kirche las ich, dass es auch um sie herum prähistorische Steine gibt.

Hernach fand ich Gefallen am Kapellchen Nussadonna gleich bei der Bushaltestelle. Die Surselva ist eine Schatzkammer der Kirchen. Auf dem Mäuerchen liess ich mich von der Sonne wärmen. Das panierte Schnitzel mit Nüdeli im Hotel Alpina gleich gegenüber war dann ausgezeichnet und schmeckte mir besser als manches ausgeklügelte und teure Menü der letzten Wochen. Ein stimmiger Tag eben.
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Route: Start in Falera, Post (Bushaltestelle, Infobüro mit Prospekten, Dorfkirche). Für die Exkursion zum fünf Gehminuten entfernten Remigiuskirchlein und retour samt Besichtigung von Kirchlein und Menhiren braucht man 30 Minuten bis eine Stunde. Hernach von Falera, Post in Westrichtung auf der Strasse zum Volg. Dort steht das erste Winterwanderschild in Pink nach Ladir. Der Weg bis Ladir ist identisch mit dem Sommerwanderweg; er ist ein offizieller Winterwanderweg, wird gepfadet und ist leicht zu begehen. Das Stück Ladir–Ruschein verläuft hernach auf einer asphaltierten Nebenstrasse.

Wanderzeit: Falera–Ladir 1.40 Std. Ladir–Ruschein 0.20 Std.

Höhendifferenz: 230 Meter auf-, 290 abwärts von Falera bis Ruschein.

Wanderkarte: 247 T Sardona, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Bus von Ruschein zum Bahnhof Ilanz.

Charakter: Zuerst ein Ausflug in die Prähistorie. Dann eine komfortable Winterwanderung auf gewalzter Piste. Viel Stille, viel Aussicht bei abnehmender Vertouristisierung; Falera ist einigermassen, Ladir und Ruschein sehr ruhig. Viel Kirchenkunst.

Höhepunkte: Der Weitblick vom Remigiuskirchlein in Falera, die Menhire im Schnee. Der Anblick des Kirchturms samt dem Piz Mundaun kurz vor Ladir. Die stimmungsvolle Nussadonna-Kapelle in Ruschein und das Essen im Alpina daselbst.

Kinder: Perfekt, weil kurz; um die Menhire lässt sich viel erzählen.

Hund: Problemlos.

Einkehr: Alpina in Ruschein. So ab 16 Uhr und ganzer Mo geschlossen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.
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7 Kommentare zu «In der Schatzkammer Surselva»

  • Marianna Truttmann sagt:

    Stille und Ruhe auf dieser wunderschönen Wanderung auch heute trotz strahlendem Wetter und toll präpariertem Winterwanderweg. Im Alpina tauchen laut der dort servierenden freundlichen Ungarin zwar in letzter Zeit wegen dem Widmer-Blog einige Wanderer oder Schnitzelfreunde mehr auf, aber heute hatte sie Zeit, der einsamen Gästin zu erzählen, warum sie nicht in Orban’s Ungarn arbeiten will. Weit weg vom angeblich durch die Masseneinwanderung verursachten Dichtestress wieder mal an den Satz von Max Frisch über die Arbeitskräfte und die Menschen gedacht sowie daran, warum sich die Touristenmassen vielfach an einem Ort ballen, ohne die gleich daneben liegenden Paradiese zu beachten. Aber natürlich habe ich heute wie hoffentlich noch viele Wanderblog-Leser von der Ruhe profitiert.

  • HP.Estermann sagt:

    Wieder einmal mehr ein ausgezeichnter & vor allem brauchbar,realistischer Wandervorschlag-besten Dank Hr.Th.Widmer.
    Habe am 03.02.15 diese Tour ebenfalls gelaufen,da sie mehr aber etwas sehr kurz vorkam.ging ich per Sesselift nach CURNIUS hinauf.
    Zum hinunter laufen nach Falera muss man für die gut 5 Km sicher ca. 5/4 std. rechnen.Ebenfalls hervorragend präpariert ist der Winterwanderweg und dazu die traumhafte Sicht über das unten liegende Tal u.a. auf die Kirche Remigius. Total sind so,
    mit minimalster körperlicher (bin mitte 70) Anstrengung gut 14 Wanderkilometer daraus geworden, in total 4 1/2 gemütlichen Std.
    Ab Rüschein war mein Rückweg (stündlich immer ab 04 )fährt ein PT Bus in knapp 20 Minuten nach Ilanz. Nur zu empfehlen !
    Mit freundl.Gruss HP.Estermann/Rheinfelden

  • Bruno T. sagt:

    Und ich würde sehr viel darauf wetten, dass das Kapellchen ‚Nossadunna‘ und nicht ‚Nussadonna‘ heisst.

  • Liebe Leser, in der gedruckten Zeitung ist es richtig: Romanik, ja, klar. Da muss jemand online verschlimmbessert haben. Ich korrigiere es gleich und danke für die Aufmerksamkeit.

  • Holliger Werner sagt:

    Eine wirklich schöne Wanderung! Aber nüt für unguet, Herr Widmer, doch der Kirchturm von St.Remigius dürfte eher aus der Romanik als aus der Romantik stammen.

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