Skitour auf den Uetliberg? Abgefahren!

Heute ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*. Auch das Video stammt von ihm:

Wir hatten Grosses vor im Tessin. Wir wollten mit Ski den Campo Tencia überschreiten. Doch es wurde nichts. Der bissige Nordwind trieb uns zurück in die Sponda-Hütte, wo wir frustriert an einer ungarischen Salami kauten und uns anschwiegen. Die Stimmung war nicht gut. Wir schwiegen noch immer, als mein Bruder Marc, der in Zürich wohnt, sagte: «Eigentlich hätte es ja in Zürich mehr Schnee als hier.»

Es waren böse Worte. Salz in die Wunde! Denn was uns bevorstand: die Ski wieder ins Tal tragen und dann im Stau stehen, nachdem wir kaum einen Meter unseres Vorhabens gemeistert hatten. Doch er machte weiter: «Wetten, dass der Uetliberg uns mehr geboten hätte?»

Ich wurde hässig. Ja, ich war für die (zugegeben schlechte) Tourenplanung verantwortlich – aber wagte jetzt mein Bruder, der wie ich aus Basel stammt, mir den Uetliberg schmackhaft zu machen? Zürichs Hausberg … der von sich behauptet, der schönste der Schweiz zu sein, was gar nicht stimmt, denn unser Gempen ist mindestens so schön, und dort kann man auch noch klettern. Im Fels! Ich sagte also entnervt: «Dein Uetliberg kann mir gestohlen bleiben, und überhaupt, das ist gar nicht der schönste Hausberg der Schweiz!»

«Ach ja? Warst du überhaupt schon oben?», forderte er mich heraus. Und ich: «Ja, mit dem Bike. Der Singletrail ist übrigens keinen Deut besser als jener am Gempen.» Daraus wurde ein veritables Basel-Zürich-Kräftemessen, für einmal auf dem Buckel der Hausberge:

«Der Uetliberg ist höher!» – «Die Aussicht vom Gempen ist trotzdem besser.» – «Der Uetli hat einen Turm!» – «Der Gempen auch, sogar einen beleuchteten!» – «Das Restaurant auf dem Gempen ist eine Knille!» – «Nicht mehr, seit es den neuen Wirt hat, aber das Uto Kulm ist eine Schickimickibude!» – «Der Uetli wurde schon mit Sauerstoff bestiegen.» – «Am Gempen ist schon ein Flugzeug zerschellt … also in der Nähe.»

Es wurde immer absurder, bis wir am Ende abmachten: Wir gehen nach Zürich, bringen Silvester über die Bühne und steigen am Neujahrstag auf den Uetliberg – mit Ski. Ich wollte sehen, was der bieten kann, und versprach: Wenn ich auf einem Gipfel stehe und vier Schwünge im Schnee mache, dann zieh ich den Hut!

Gesagt, getan. Am folgenden Morgen fahren wir durch das von rauschenden Festen noch schlafende Zürich über die Hardbrücke, vorbei am zweithöchsten Gebäude der Schweiz zum Uetliberg. Es hat ordentlich Schnee, und ich bin nun doch neugierig. Zumindest auf der Karte sieht die Nordostseite echt interessant aus.

Am Triemli beginnen wir den Aufstieg, eine alte Dame erklärt: «Obä schiint d Sunnä, ja de Üezgi isch äifach de schöönschti Platz uf de Wält!»

Sicher doch.

Aber es hat was. Wir spuren durch schön verschneiten Tannenwald, lassen einmal das rote Züglein vorbeifahren und sind bald oben. Da findet Marc tatsächlich so eine Art Gipfel: einen Fels, der aus lauter zusammengekleisterten Kieseln besteht, man nennt es Konglomerat, aber Marc redet schwungvoll vom «Uetliberg Real Summit» (siehe Video).

Dann die Abfahrt. Wir halten uns zunächst an den Singletrail, rauschen einmal über eine Treppe, stechen dann in einen steilen Wald mit einer schönen Schneise. Der Wald ist schon lustig. Aber die Schneise! Da kann man richtig Ski fahren! Wir steigen sie nochmals auf und nochmals. Man wähnt sich hier kein bisschen in der Nähe einer Grossstadt. Ich bin begeistert!

Wieder beim Triemli, gönnen wir uns zufrieden eine Bratwurst vom Grill. Uetliberg … ich ziehe den Hut. Aber aufgepasst, ich habe schon die Karte studiert: Sollte der Winter noch nach Basel kommen, dann sind wir gewappnet. Der Gempen und ich.

 

dominik_150*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

 

25 Kommentare zu «Skitour auf den Uetliberg? Abgefahren!»

  • Jaja, der Üetli ist ein SEHR unterschätzter Hügel!

    Auch ich bin damals raufgeklettert, im Sommer, und im Winter mit den Holz-Ski runtergefahren, vor 45 Jahren, aber ehrlich gesagt: Ich bin damals auch den Hügel raufgefahren!

    Nun ja:
    Unterdessen bin ich ins ober(st)e Tösstal ausgewandert* und kenne die Gegebenheiten am Üetli nicht mehr (siehe oben), aber damals war der ganze Berg Wildschutzgebiet.
    Ich weiss wie gesagt nicht, wie das heute so ist, aber ich denke, wegen den Beiden wird kein Steinbock und auch kein Elefant sterben.
    VIEL schlimmer dürften all die SOMMER-Störungen sein, zur Setz-Zeit der Rehe?

    * in diesem Sinne: Bleibt doch bitte in Züri, ja!

  • Henriette sagt:

    Üetlibergabfahrten haben wir als Albisriederkinder auch gemacht, aber nur jeweils eine pro Saison, ; bis zumnächsten Winter hatten wir die vielen Schreckmomente vergessen und wagten es wieder! Aber schön war’s !

  • tanja sagt:

    ahh Erleichterung, besten Dank Fritz!

  • claudius sagt:

    die billigste tageskarte, die wir je hatten: bvb! winter ’85 (wenn ich mich richtig erinnere). mit dem bus vom wenkenpark in riehen auf die chrischona und wieder runter… und das auf skis der marke olin (theyre all dead).

    also dominik: wenn’s genug schnee hat… meld dich ich komm mit.

  • Ruedi sagt:

    Und dazu im TI noch ungarische Salami zu kauen – igit… No Go!

  • Andi sagt:

    Super, so richtig durchs Unterholz fetzen – genau so macht man das… Und dann am Besten noch veröffentlichen, damit das auch möglichst viele nachmachen. Und zwar vor allem solche, die dann eben nicht differenzieren zwischen Wildruhezonen, sensiblen Zonen usw.
    Ein Schlag ins Gesicht eines jeden verantwortungsvollen Alpinisten nenne ich sowas. Und der Herr Osswald nennt sich sogar noch Alpinist…
    Dass das früher auch schon gemacht wurde und auch heute wahrscheinlich vielmehr praktiziert wird als man allgemein annimmt, entschuldigt nichts, rein gar nichts! Denn früher prahlte man allenfalls im Freundeskreis damit, Youtoube-Clips streute man aber definitiv nicht…

    Shame on you!

    Und nun könnt ihr mich als Spassbremse titulieren, ist mir gleich.

    • guy sagt:

      du spassbremse.

    • Fritz sagt:

      Ja besser man fährt mit der Bahn hoch, an der haben die Rehlein sicher Freude…..
      Mich würde noch interessieren, wo Sie als verantwortungsvoller Alpinist (neu mit Schlag im Gesicht) ihre Touren unternehmen, wenn Sie schon so restriktiv sind, dass bei Ihnen auch die Nicht-Wildschutzzonen zum Sperrgebiet werden?
      Vielleicht in einem Skigebiet (da gibts ja ofiziell keine Tiere und hat nie welche gegeben…), oder gibts neu einen Skitourensimulator fürs iPad?
      LG

      • Dani sagt:

        Ach Fritz, die Tiere haben sicher immer eine Karte dabei, wo die Wildschutzzone aufhört und beginnt. Macht es einen Unterschied, wo man die Tiere stört?

  • Kurt Abdeberg sagt:

    Einfach nur Geil. Gratuliere… Man muss nicht immer in die Weite =)

  • Conny sagt:

    @Dominik: Sehr unterhaltsam geschrieben, hat Spass gemacht.
    Im betroffenen Gebiet sehe ich keine Wildschutz- oder Ruhezonen, also bitte. Was für kleingeistige und freudlose Kommentare.
    Ich bin auch nicht dafür, in der Nacht lauthals durch die Wälder zu strielen. Und klar hätte man das Türli auch ohne ÖV machen können. Ooohjeee. Wie viele Auto-Kilometer werden wohl jede Woche zurückgelegt, damit Mann und Frau abseits eine Tour in unberührter Natur unternehmen können? Eben.
    Und ja, vermutlich war er nicht der erste. Gut geschrieben wars dennoch.
    Entspannt euch.

    • captain kirk sagt:

      „Wie viele Auto-Kilometer werden wohl jede Woche zurückgelegt, damit Mann und Frau abseits eine Tour in unberührter Natur unternehmen können?“

      Oder man steht mal zwischen 7 und 9 Uhr Morgens auf die Bellevuebrücke und zählt die Autos. Dann teilt man auf in wo nur eine Person drin sitzt um zur Arbeit zu fahren und in zwei oder mehr Personen drin sind.

      Aber ja man kann sich auch über alles mögliche aufregen wenn man will.

    • Joel sagt:

      Dass es dort keine Wildschutzzone gibt ist auch mir bewusst. Auch ich kann Karten lesen. Das heisst aber noch lange nicht, dass es dort kein Wild gibt und man planlos durchs Unterholz fahren kann, wo sich das Wild zum Kräfte sparen zurückzieht. Es gibt schon genug Freizeitaktivitäten am Uetliberg. Davon haben sie sicher auch schon was mitbekommen, nicht wahr, Conny?

      • Fritz sagt:

        Hey Joel,
        Sie naturverbundener Umweltfreund sollten eigentlich garnicht soviel Zeit im Internet verbringen, das verbraucht nämlich Strom und vielleicht störts ja den Marder auf der Strasse, wenn er zu so später Stunde noch von ihrem WLan verstrahlt wird…
        LG

  • Keller sagt:

    Dieses ewige Basel :Zürich getue ist sowas von zum Gähnen

  • Strässle sagt:

    …dass man auch immer alles filmen muss…GoPro sucks!

  • Thomas Hürzeler sagt:

    GROSSARTIG !
    Nach der Erstbesteigung mit Sauerstoff jetzt das Extreme-Downhill-Powder-Adventure. Die Rekorde purzeln und rücken Kathmandürich in den Focus der internationalen Outdoor-Elite. Hoffentlich wird Zürich-Tourismus den Ansturm bewältigen können.
    Vielen Dank für diesen Beitrag; vor allem auch für das Video.

  • Kalberer sagt:

    So lustvoll auch eine nichtgespurte Waldabfahrt ist, sollte man solche Erlebnisse nicht veröffentlichen. Mir und auch dem Wild graut es beim nächsten Schneefall in Zürich!

  • Yves sagt:

    Naja Dominik, dann bleib beim Gempen. Skitouren auf dem Uetliberg sind ein alter Hase. Vor 20 Jahren sind wir dort mit dem Snowboard schon runtergerauscht. Der Zürcher Hausberg eignet sich aber auch hervorragend zum Klettern. Es gibt ein Klettergarten mit 12 Routen zwischen 6a+ und 7a+. Ja es gab sogar schon Berggänger, die dort oben in Not geraten sind und nicht mehr vor- und rückwärts konnten. Die Rega hat sie dann vom Berg geholt. Es gibt unzählige versteckte Wege die den Berg hinauf führen. Der schönste für mich ist der, von der Allmend den Grat rauf bis zur Teehütte Fallätsche und dann weiter bis zum Jurablick Beitzli. Dort ein feines Fondue geniessen und runter zum Triemli laufen. Also viel Spass am Gempen gell ;-)

  • bop sagt:

    es wäre sogar mit ÖV möglich gewesen. Mit dem Tram auf Skitour, ein Luxus pur.

  • Joel sagt:

    Und das arme Wild, dass sich in ihrer Ruhe durch euer wildes Fahren im Wald stören lassen musste? Da versucht man mühsam, die zunehmenden Freizeitaktivitäten am Uetliberg zu kanalisieren, und ihr fährt in der kritischsten Zeit einfach quer durch den Wald. Hinzu kommt, dass ihr das ganze dann noch veröffentlicht und andere dazu animiert, es euch nachzumachen. Als naturverbundener Alpinist sage ich dazu nur: shame on you!

    • Yves sagt:

      Ach Joel. Da spielst du dich jetzt aber sehr auf. Was Dominik gemacht hat, ist doch nichts neues. Siehe mein Kommentar von 09.16 Uhr. Und auch wir waren vor 20 Jahren nicht die ersten. Schon mein Vater hat in den 50er Jahren Skitouren auf dem Uetliberg unternommen.

    • Sven sagt:

      @Joel: Ich kann Ihnen nur zustimmen. Bei anderen Sportarten / Freizeitaktivitäten wird da sogar grossen Wert darauf gelegt, so dass ein Gebiet für den Sport / die Freizeitaktivität erhalten bleibt.

    • Guy sagt:

      Gibts kanäle am uetliberg? Geil!!! Wildwasser? Bob? Wind? Ich will auch!

      Im ernst: hast du irgendwo „armes wild“ gesehen joel?

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