«Dr blau Chäfer» – die Nervenprobe!

Kletterroute «Dr blau Chäfer», 6 Seillängen, ca. 130 Meter, Schwierigkeit 6a+, Cheselenflue, Melchtal OW

Raphael Vogel

Raphael Vogel, mein Seilpartner aus Luzern. Er klettert Schwierigkeiten bis 8a.

Diese Tour unternehme ich mit Raphael Vogel, 24, Soziologie-Student und Sportkletter-Trainer des Regionalkaders Zentralschweiz. Swiss Climbing, die Dachorganisation für Leistungsklettern, hat ihn soeben als Nachwuchstrainer 2010 nominiert.

Dass er so stark klettert, empfinde ich an diesem Tag als mein Glück: «Dr blau Chäfer» gilt als Ultra-Klassiker, aber gleichzeitig auch als Nervenprobe! So ausgesetzte und «luftige» Plaisirrouten gibts in diesem Schwierigkeitsgrad selten. Eine Exklusivität, denn normalerweise erfordert es wesentlich anspruchsvollere alpine Kletterei für ein solches Abenteuer.

«Was man braucht, sind gute Nerven, neue Batterien im Herzschrittmacher und eine ausgefeilte Abseiltechnik, die überhängenden Abseilstellen verzeihen keine Fehler», warnt der Filidor-Kletterführer.

Annina

Raphaels Freundin Annina (im Bild) ist heute auch dabei. Hier in der Traverse der zweiten Seillänge.

Die erste Seillänge (5c) ist die einfachste, die nächste (6a+) verläuft erst durch einen Riss, dann über einen exponierten Quergang zum Standplatz. Zu dritt haben wir kaum Platz. «Standplatz» ist an dieser Stelle auch etwas übertrieben, denn stehen geht nicht, weil überhängend, wir liegen in unseren Selbstsicherungen, unter uns knapp 60 Meter Luft. Der erste Nervenkiller! Ich werde leicht nervös: Hält meine Schlinge? Lagere ich mein Material zu Hause eigentlich richtig? Was ist, wenn …? Wird das jetzt mit jeder Seillänge noch luftiger?

Zum Glück klettert Raphael schnell vor, ich kann bald in die dritte Seillänge (6a+) einsteigen und bin sofort abgelenkt. Hier befindet sich die Schlüsselstelle: Zwar nur leicht überhängend und recht gute Griffe, aber die Passage braucht Muskeln, meine Unterarme «pumpen». In der nächsten Länge (6a+) wartet ein kleines Felsdach, das nochmals anstrengt.

In der Steilwand der fünften Seillänge (6a+) traversiert man erst über feine Felsleisten nach links. Knifflig. Konzentration ist gefragt. Selbst im Nachstieg wäre hier ein Sturz unpassend, ich würde wie ein Pendel rüberfliegen. Auch die letzten Meter bis zum Stand sind sehr ausgesetzt.

Der oberste Teil ist vom anhaltenden Regen der vergangenen Tage noch nass. Darum verzichten wir darauf, die sechste Länge zu klettern und machen uns ans Abseilen. Obschon ich Höhenschwindel eigentlich nicht kenne, wird mir beim Runterschauen ganz anders. Unter uns geht es 130 Meter überhängend runter. Ich prüfe wieder und wieder, ob ich alles richtig eingerichtet habe, bitte Raphael zwei Mal, auch noch zu checken. Sicher ist sicher, denke ich, denn hier oben bin ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich sicher bin …

Zum Abseilen wurde ein Fixseil eingerichtet. Es ist quasi überlebenswichtig, dient dazu, sich aus dem Überhang zum unteren Standplatz zu ziehen. Darum: Unbedingt schon beim Einstieg  schauen, ob es noch da hängt!

Nach drei Abseilrunden (1 x 45 Meter, 2 x 30 Meter) habe ich wieder festen Boden unter den Füssen. Der Adrenalinkick hält die lange Rückreise über an!

Raphael Vogel

Jetzt geht es abwärts. Raphael seilt als erster ab.

Cheselenflue

Die Cheselenflue. «Dr blau Chäfer» führt links des kleinen Wasserfalls hoch – und bietet eine tolle Aussicht auf die Melchsee-Frutt.

Tipp: Die anhaltende 6a+-Schwierigkeit liegt im machbaren und nicht im extremen Bereich. Aber es ist in der Szene bekannt, dass manche die nötige Nervenstärke für diese Route unterschätzen. Wichtig: Der Vorkletterer sollte mindestens ein 6b+ solide beherrschen, stressresistent und in der Seilhandhabung sehr routiniert sein. Jeder Fehler würde hier fatal enden!

«Dr blau Chäfer»-Routeninfos:
Ort:
Cheselenflue, Melchtal OW. Mit dem Postauto bis Stöckalp (1075 Meter). Von dort ca. eine Stunde zu Fuss über den Wanderweg bis zum Bach, dann über das Schotterfeld hinauf in Richtung Wasserfall bis zum Felsband.

Einstieg:
Auf 1540 Meter, Sektor Chaltbach
Route: 6 Seillängen, ca. 170 Klettermeter, Höhe ca. 130 Meter
Kletterschwierigkeit: 1. SL: 5c /2. bis 5. SL: 6a+ / 6. SL: 6a / (6a obl.)
Ernsthaftigkeit: Steile und «luftige» Wandkletterei. Die Route ist dank des grossen Felsdachs auch bei Regen und im Winter begehbar.
Seil: 2 x 50 Meter Doppelseil
Express-Sets: mind. 14 Stück
Bohrhaken: super = optimal und regelmässig, den Kletterstellen und Schwierigkeiten angepasst platziert
Abseilen: Über die eingerichtete Piste, Fixseile vorhanden. Achtung: Überhängende Abseiltechnik!
Eingerichtet: von Walter Britschgi
Kletterführer: Plaisir Ost – Edition Filidor / Melchtal, Cheselenflue

Natascha Knecht

7 Kommentare zu ««Dr blau Chäfer» – die Nervenprobe!»

  • robert wallner sagt:

    Dr Blaue Chäfer ist eine hervorragend abgesicherte, kurze 6a Plaisierroute. Das Besondere ist die für 6a doch eindrückliche Steilheit, die es aber auch mit sich bringt, dass man sich bei Stürzen kaum ernsthaft verletzen kann. Man braucht schon etwas Ausdauerkraft, aber man muss sicher nicht 6b+ klettern können. Das Abseilen ist speziell, weil man ohne Fixseil nicht zu den Ständen kommen würde. Daher würde ich zur Sicherheit Prusikschlingen oder eine Jümarklemme mitnehmen, damit man zur Not wieder am Seil aufsteigen kann. Natürlich kann man sich auch auf das Fixseil verlassen…. Als ich vor 3 Jahren die Tour gemacht habe, war es aber schon rechtramponiert.

  • Sämbäm sagt:

    Die Tour ist wirklich sehr cool, wird aber sehr dramatisiert hier. Ich denke mit 5c obl. geht die Tour klar. Bei uns war die letzte Länge auch nass, kann aber trozdem gut geklettert werden, da man in der Verschneidung echt gut stehen kann. Und lohnt sich. Ist zwar kein Wandbuch vorhanden, aber immerhin ein Velo-reflektor ;-) warum auch immer…

  • Harald sagt:

    Die Route ist cool, das stimmt.

    Aber 6b+ muss man bestimmt nicht zwingend klettern können, meiner Meinung nach sind die 6a+ Längen überbewertet, ich schätze sie als 6a ein.

    LG Hari

  • Eine schöne Vorstellung einer anscheinend sehr lohnende Route. Ich muss zustimmen: so etwas findet man nicht oft.

    Wertvoll wohl auch der Hinweis, dass man auf das Fixseil achten soll!

    Gruß,
    Sebastian

  • Joachim Adamek sagt:

    Als Frankfurter, der in den Niederungen zweier Flußtäler lebt, durchläuft mich nicht selten ein Schauder, wenn ich Euren Outdoor-Blog anklicke. Heute hat es mir wieder einmal den Boden unter den Füßen weggerissen, als ich die Aufnahmen von Annia und Natascha in der Vertikalen sah. Toll! Spannend!

    Grüße an jene, sich auch ohne Seil gerne in den Bergen tummeln, und die nicht nach dem Prinzip Abgrund leben. Allen anderen: Herrliche Winterfreuden! Ohne Stress. Draußen, natürlich. Und hoffentlich bald.

    • Joachim Adamek sagt:

      Nachtrag:

      Mit großem Interesse habe ich gestern das am 24. Oktober 2010 in der BaZ erschienene Interview mit Roger Schaeli anläßlich seiner abermaligen erfolgreichen Besteigung der Eigernordwand gelesen.
      Sehr erhellend. Lesenswert, fast ein Muß.
      Autor: Jürg Steiner. Titel: „Grindelwald: Erlösung in der Eigernordwand“ in: News Leben: Gesellschaft – bazonline.ch

  • Andy sagt:

    Me like the Outdoor blog very much!

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