«Horn blasende Idioten»

Melchior Anderegg war der «König der Bergführer» im 19. Jahrhundert. Ein neues Buch beleuchtet sein Leben und seine Epoche – als die Alpen Terra incognita waren.

Ein Gastbeitrag von Daniel Foppa*

Die Engländer hatten Zeit. Unendlich viel Zeit. In den gehobenen Kreisen Grossbritanniens gehörte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum guten Ton, ein paar Wochen am Fuss eines Drei- oder Viertausenders zu verbringen. Und ganze Sommermonate dem Nichtstun zu frönen. Die ambitionierten Gäste heuerten jedoch Einheimische als Führer und Träger an, um die bedeutenden Alpengipfel zu besteigen. Es war das «Goldene Zeitalter des Alpinismus», als von 1855 bis 1865 Berge wie die Dufourspitze, das Weisshorn und das Matterhorn erstbestiegen wurden.

Mit von der Partie ist in vielen Fällen der Haslitaler Melchior Anderegg. Als Knecht im Grimsel-Hospiz kommt er erstmals in Kontakt mit englischen Gästen, die ihn für eine Gletschertour über den Strahleggpass anheuern. Anderegg erweist sich als besonders bergkundig und geschickt – eine der bemerkenswertesten Karrieren der Schweizer Alpin­geschichte beginnt. Wie die Journalistin und TA-Bloggerin Natascha Knecht in einer neuen Publikation aufzeigt, nimmt Anderegg eine herausragende Position in der Pionierzeit des Alpinismus ein.

Mit Virginia Woolfs Vater am Seil

Pionier und Gentleman der Alpen – Melchior Anderegg

«Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Berg­führerlegende Melchior Anderegg» von Natascha Knecht. Limmat Verlag, Zürich 2014. 208 Seiten, 54 Fotografien, Karten und Abbildungen, ca 36 Franken. www.limmatverlag.ch
Für SAC-Mitglieder 29 Franken über www.sac-cas.ch

Der 1828 in Meiringen geborene Anderegg ist einer der ersten Schweizer Bergführer überhaupt. Sein Können eignet er sich autodidaktisch an, und bald schon ist er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel», schreibt Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper.

Mit Whymper ist Anderegg nie unterwegs, dafür umso häufiger mit Leslie Stephen – dem Vater von Virginia Woolf. Der Schriftsteller ist einer jener spleenigen viktorianischen Gelehrten, die den Anstoss zur Erstbesteigung zahlreicher Alpengipfel geben. Mit Anderegg gelingt ihm die Erstbesteigung des Zinalrot­horns und des Rimpfischhorns. Autorin Knecht schildert mit viel alpinistischem Wissen, wie die Pioniere mit rudimen­tärer Ausrüstung, Brachialtechnik und reichlich Alkoholika im Gepäck in Gebiete vordringen, die vor ihnen noch niemand betreten hat. Es gibt weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial – sondern nur eine alpine Terra incognita. «Man darf uns mit Raupen ver­gleichen, die sich krümmen und dann wieder strecken», beschreibt Stephen in seinem Klassiker «Playground of Europe» die Kletterei am Zinalrothorn-Nordgrat. Anderegg führt seine Gäste jeweils sicher auf den Gipfel und zurück, spornt an, unterbindet Leichtsinn, zieht Stephen auch schon mal aus einer Gletscherspalte.

Über den alpinistischen Aspekt hinaus, und das macht Knechts Buch besonders lesenswert, bietet Andereggs Leben Einblicke in die Mentalitäts- und Tourismusgeschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert. Die Aufklärung scheint noch nicht in jedes Bergtal vorgestossen, und Anderegg und seine Gäste müssen gegen Misstrauen ankämpfen. Es dauert seine Zeit, bis Alpinisten als Einkunftsquelle erkannt werden und Argwohn dem Geschäftssinn weicht.

Kein Respekt für Eingeborene

Bemerkenswert sind dabei Schilderungen aus zeitgenössischen Reiseführern: «Geduld und kleine Münzen sind im Berner Oberland unentbehrlich», schreibt Karl Baedecker und warnt vor Bettlern und Gauklern. Eine Teilnehmerin der ersten von Thomas Cook 1863 organisierten Pauschalreise hält fest: «Das Wallis ist das erbärmlichste und betrübendste Gebiet im nördlichen Europa, weil dort Aberglaube, Ignoranz, Armut und schmutzige Sitten herrschen». Und Edward Whymper beschwert sich über Echos in Lauterbrunnen, «die von Horn blasenden Idioten vorgeführt werden». Die gut dokumentierte Publikation entwirft so ein unterhaltsames Panoptikum aus der Pionierzeit des Alpintourismus.

Der Respekt der Engländer vor den Eingeborenen ist dabei nicht eben gross. Man warnt sich gegenseitig vor unzuverlässigen Trägern und inkompetenten Führern. Ausnahmen bilden Könner wie Melchior Anderegg, der über Jahre hinweg ausgebucht ist und regelmässig für Aufsehen sorgt. So besteigt unter seiner Führung die Engländern Lucy Walker als erste Frau das Matterhorn.

Seine Gäste laden Anderegg zu einem Besuch in London ein – eine amüsante Episode, die an die Reise von Crocodile Dundee nach New York erinnert: Die Engländer überlassen Anderegg mitten in London sich selbst, um zu schauen, ob er zurück in ihre Wohnung findet. Der Orientierungssinn des Haslitalers funktioniert auch in der Metropole, und Anderegg ist vor seinen mit der Kutsche fahrenden Gästen wieder in der Wohnung. Die Episode soll im britischen Alpine Club noch Jahrzehnte erzählt worden sein – zu Ehren des «King of the Guides».

Hörprobe aus «Pionier und Gentleman der Alpen» (© Radio SRF1)

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Skitourengeher.

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3 Kommentare zu ««Horn blasende Idioten»»

  • Joachim Adamek sagt:

    Mit der weit verbreiteten Ansicht, dass das Bergsteigen eine nutzlose, eher sinnfreie Betätigung ist, konnte ich mich nie recht anfreunden. Die Episode um Andereggs Aufenthalt in London zeigt, dass man in den Bergen durchaus Fähigkeiten lernt, die auch im urbanen Umfeld äussert nützlich sind. — Glückwunsch, dass die Bloggerfrontfrau des Alpinismus den Aufstieg in die Riege der Autoren geschafft hat!

  • Mangelnder Respekt? Ich sehe das anders.

    Zitat. «Das Wallis ist das erbärmlichste und betrübendste Gebiet im nördlichen Europa, weil dort Aberglaube, Ignoranz, Armut und schmutzige Sitten herrschen»

    Wenn man Fotos aus den 50er Jahren sieht, Geschichten von Grosseltern kennt, so herrschten damals noch Aberglauben und Armut im Wallis. Viele der alten Bräuche bauen auf Aberglauben. Schmutzige Sitten herrschen im Wallis auch heute noch (wenn es um Umweltanliegen geht). Einzig bei der Ignoranz bin ich mir nicht sicher. Wieviel wussten die Leute damals über die Welt?

    Nur weil man heutzutags indigene Völker in aller Welt politisch verbrämt, soll das noch nicht heissen, dass die indigenen Schweizer dermassen geschont werden sollen.

  • fufi sagt:

    Ich las vor etwa 50 Jahren mal ein Büchlein, das seinerseits midestens 50 Jahre alt war und den Titel hatte „Seppetonelis Glückstag“.
    Es handelte auf gefühlten 60 Seiten davon, wie eben der Seppetoneli eine britische Touristin aus einer wintersportlichen Bredouille befreite. (Mehr ist mir nicht mehr geblieben.)
    Aber was mir geblieben ist, ist der Grund, weshalb das denn Seppetonelis Glückstag war:
    Die Britin hat ihm nämlich „en Schnägg“ geschenkt, dafür.

    Honni soit qui mal y pense!

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