Die Maulesel und das Piano

Diese Woche im Val d’Anniviers VS – von Tignousa zum Hotel Weisshorn

Es gibt winters in den Bergen nichts Besseres als ein Hotel abseits des Skirummels, das nur zu Fuss erreichbar ist. Einsam hockt das Hotel Weisshorn, ein beige-gelber Kasten der Belle Époque, hoch über dem Val d’Anniviers. Letztes Jahr winterwanderte ich hin, schlief dort, war begeistert. Dann kam gleich der Frühling. Dieses Wochenende nun öffnet das Weisshorn wieder für den Winter – ich kann den Besuch nur empfehlen.

Mit dem Postauto fuhr ich von Siders ins Val d’Anniviers hinein und hinauf, und ich dachte, dass das nichts für Schwindelanfällige ist. Diese Kehren, dieser Abgrund!

Gefahrlos und gewalzt

St-Luc durchquerte ich speditiv. Ein typischer Walliser Wintertourismusort, ein gestaltarmer Mix von Chalets und Hotelbauten. Mit der Standseilbahn schoss ich alsbald zur Skistation Tignousa hinauf, 500 Höhenmeter in drei Minuten, was für eine Rakete! Beim Blick durchs Fenster realisierte ich: Das Klötzlein oben auf der gerundeten Krete – das war mein Hotel!

Von Tignousa ging ich vorbei an der Bergstation, vorbei am Restaurant mit der Sonnenterrasse, gleich darauf rechts vorbei am kleinen Skilift. Eine komfortable Spur nahm mich auf; der Weg zum Hotel Weisshorn wird regelmässig gewalzt, er ist breit und führt gefahrlos durch eine Bergwelt der Sonderklasse. Wenn man am Abend ins Bett geht, hat man Viertausender noch und noch gesehen.

Leicht irritiert war ich zu Beginn, weil meine Piste stetig ein wenig sank. Dann stieg sie wieder, ich atmete auf, eine Frau mit Hund bestätigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war; der Gipfel direkt vor unseren Augen heisse übrigens Le Toûno. Die metallenen Kugeln direkt an der Piste wiederum gehörten zu einem Planetenweg.

Ich passierte das Chalet Blanc, registrierte mit Wohlgefallen, wie mein erhabenes Ziel näher kam, vollzog bei Le Chiesso eine scharfe Rechtskurve. Nun ging es kurz etwas stärker aufwärts. Eine Krete, dann leicht abwärts, und ich hatte das Hotel Weisshorn vor mir. In den Schnee gepflanzte Ski vor dem Haus zeigten an, dass auch Tourenfahrer das Etablissement mögen. Schneeschuhspuren sah ich auch.

Der Traum kam nicht

Ich trat ein, nahm im Speisesaal Platz, wo einiges Volk hockte, bestellte Kaffee und Kuchen. Herrlich der Tiefblick durch die Fenster nach St-Luc und weiter hinab ins Rhonetal, wo Grün dominierte. Gut zu wissen, dass ich hier ein Zimmer hatte; gegen halb vier Uhr brach Tischgesellschaft um Tischgesellschaft auf, retour nach Tignousa. Es wurde still im Haus.

Nach dem Abendessen – ein guter Viergänger – stieg ich zwei Stöcke höher, ging durch einen Flur mit verzogenen Böden, deren Schiefheit seekrank machen kann, und schlief bald wunderbar in meinem Zimmer mit dem Knarzeboden aus Holz. Traumlos. Dabei hatte ich mir vorgenommen, vom Hotel zu träumen. Szenen aus seinen ersten Jahren um 1885 hatte ich mir erwünscht. Damals führten Männer aus dem Tal auf Mauleseln jene Bequemgegenstände hinauf, auf die feine Engländer Wert legten: Duschen und Waschtröge aus Kupfer. Tafelsilber für den Essraum. Und ein Piano.

PS: Die nächsten zwei Wanderkolumnen fallen wegen der Festtage aus. «Zu Fuss» gibt es wieder am 9. Januar.

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Route: Start in Tignousa, Bergstation der Standseilbahn von St-Luc. Der Weg zweigt gleich ab und ist perfekt gewalzt. Man lasse sich nicht dadurch irritieren, dass es die erste Viertelstunde kontinuierlich leicht abwärts geht, obwohl man insgesamt steigen muss. Via Chalet Blanc und Le Chiesso zum Hotel Weisshorn. Auf demselben Weg retour.

Wanderzeit: Wer gemütlich geht, braucht hin und zurück 4 Stunden.

Höhendifferenz: 260 Meter aufwärts, 100 abwärts auf dem Hinweg. Retour umgekehrt.

Variante: Auf dem Rückweg beim Planeten Saturn (des Planetenweges) nach Chalet Blanc links abbiegen und steil hinab nach St-Luc halten. Aber nur, wenn der Weg für Fussgänger gespurt ist

Anreise: Postauto von Siders nach Vissoie, umsteigen auf den Anschlussbus nach St-Luc.

Wanderkarte: 273 T Montana, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Charakter: Grossartige Bergwelt rundum. Gehen auf wunderbar gespurtem Winterwanderweg, halbhohe Trekkingschuhe reichen vollauf. Tipp: Unter der Woche gehen, am Wochenende sind viele Leute unterwegs.

Höhepunkte: Die schnelle Bergfahrt im Tignousa-Bähnchen. Der Anblick des winzigen Hotels Weisshorn auf seinem runden Berg. Die Ankunft im Weisshorn mit dem Talblick auf St-Luc.

Kinder: Perfekte Route für die ganze Familie.

Hund: Er wird seinen Menschen für diesen Ausflug ewig lieben.

Einkehr: In St-Luc und Tignousa. Und natürlich im Hotel Weisshorn. Es öffnet am 20. Dezember und beschliesst die Wintersaison Mitte April 2015. Vom Speisesaal hat man einen wunderbaren Ausblick Richtung Rhonetal und die Berge gegenüber. Spezialität: Heidelbeerkuchen. Durchgehend warme Küche.

Übernachten: Für Hotelgäste gibt es im Weisshorn abends ein Viergangmenü, auch das Frühstücksbuffet lässt sich sehen. Man kann sich sein Zimmer auch online reservieren. Die Zimmer sind alt, aber gemütlich, sich waschen und duschen kann man im Etagenbad; dort sind auch die WC.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Die Maulesel und das Piano»

  • hallo thomas

    als walliser kenne ich diese route, und empfehle sie bestens weiter.
    das val anniviers gehört zu den ursprünglichsten und wildesten schweizer bergtälern. es ist ein fantastischer blick auf die
    königskrone der viertausender riesen, dent-blance, obergabelhorn, zinalrothorn und weisshorn.

    ich wünsche allen ein gutes neues jahr 2015, mit vielen schönen bergtouren.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

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